Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek

ThULB Jena - Thüringer Universitäts und Landesbibliothek

Objekt des Monats: September 2021

Musik des Josquin Desprez in einem Chorbuch Friedrichs des Weisen

Zu den markantesten Schätzen der von Kurfürst Friedrich dem Weisen (1463-1525) in seiner Wittenberger Residenz aufgebauten Büchersammlung (Bibliotheca Electoralis) gehören 18 großformatige Chorbücher. Sie gelangten 1549, vielleicht auch etwas später, nach Jena und wurden dort Bestandteil der Fürstlich Sächsischen Bibliothek, aus der die heutige ThULB Jena hervorgegangen ist. Von großer musik- und kunsthistorischer Bedeutung sind insbesondere Friedrichs Alamire-Chorbücher, mit elf Exemplaren die weltweit größte Sammlung dieser Art. Die voluminösen, mit prachtvollen Miniaturen und akkurater Notation ausgestatteten, durch wuchtige Einbände geschützten Handschriften stammen aus der im Umfeld des habsburgisch-burgundischen Hofs angesiedelten Werkstatt des Petrus Alamire (Peter van den Hove bzw. Imhoff oder Imhove), der um 1470 in Nürnberg geboren wurde und 1536 in Mechelen starb. Sein Künstlername ist gebildet aus dem Ton "a" und den Solmisationssilben "la - mi - re". Tätig vor allem in Antwerpen und Mechelen, war er einer der besten Musikkopisten seiner Zeit und trug maßgeblich zur Überlieferung namentlich der franko-flämischen polyphonen Musik bei. Er arbeitete für große Regenten, die seine Chorbücher, von denen rund 50 erhalten sind, oft als repräsentative Geschenke einsetzten. Die elf Jenaer Alamire-Chorbücher, entstanden in den ersten beiden Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts, spielten eine maßgebliche Rolle im Wittenberger Musikleben. 1494 hatte Friedrich der Weise in Mechelen die Hofkapelle König Maximilians I. (des späteren Kaisers) erlebt und unter diesem Eindruck vermutlich daraufhin seine eigene Hofkapelle aufgebaut. Sie musizierte in der Wittenberger Schlosskirche und begleitete den Kurfürsten auf Reisen. Ihre Sänger und Instrumentalisten erreichten ein ausgezeichnetes Niveau. Die Alamire-Chorbücher der ThULB Jena enthalten mehrstimmige geistliche Kompositionen, ganz überwiegend Messvertonungen, aus der Feder großer Meister der damaligen Zeit wie Pierre de la Rue, Antoine de Févin, Noël Bauldeweyn, Jean Mouton oder Matthaeus Pipelare. Ein mindestens vierköpfiges, um das jeweilige Chorbuch gruppiertes Sängerensemble trug die Musik mit oder ohne Instrumentalbegleitung vor.

In Chorbuch 3, dem Objekt des Monats, ist mit fünf Messvertonungen der großartige franko-flämische Komponist Josquin Desprez vertreten, der vor 500 Jahren, am 27. August 1521, starb. Die mit 56 x 38 cm sehr großformatige Pergamenthandschrift umfasst 115 Blätter. Zwischen 1518 und 1520 wurde sie in Alamires Werkstatt angefertigt. Neben den fünf Werken Josquins enthält sie jeweils eine Messvertonung von Antoine de Févin, Loyset Compère und Jean Mouton. Dass Josquin das Repertoire in Chorbuch 3 auffällig deutlich dominiert, ist umso beachtlicher, als dieses Exemplar unter den Jenaer Alamire-Chorbüchern die ausgeprägtesten persönlichen Bezüge zu Friedrich dem Weisen hat. Dies kommt jeweils am Beginn der ersten drei, sämtlich von Josquin stammenden Messkompositionen der Handschrift zum Tragen. Die Missa "Faisant regretz" eröffnet 1v eine Miniatur mit der Darstellung der Heimsuchung, also der Begegnung der schwangeren Maria und Elisabeth nach Lukas 1, 39 ff. (Abb. 1). Zumal im Tenor der Name "Elizabeth" in Rot hervorgehoben ist, lässt sich dies auf die von Friedrich dem Weisen verehrte heilige Elisabeth von Thüringen, aber auch auf Friedrichs Mutter Elisabeth von Bayern beziehen. Dass Friedrich der Weise Josquins Musik als adäquaten Ausdruck seiner Herrschaftsrepräsentation geschätzt haben muss, zeigt sich bei der folgenden Missa "Hercules dux Ferrarie", die Josquin für Herzog Ercole I. d'Este geschaffen hatte, die in Chorbuch 3 jedoch zur Missa "Fridericus dux Saxsonie" umgetauft ist, begleitet von Friedrichs Wappen 15v (Abb. 2). Die Missa "Ave maris stella" schließlich schmückt 29v eine Miniatur der von zwei musizierenden Engeln flankierten thronenden Maria mit dem Kind (Abb. 3). Diesen zugewandt, auf der gegenüberliegenden Seite (30r), ist Friedrich der Weise in Halbfigur mit über einem Buch gefalteten Händen in Begleitung eines Engels zu sehen, darüber seine (fehlerhaft geschriebene) Devise "Tant que je puis". Es ist signifikant, dass der Kurfürst sein Porträt einer Josquin-Messe zuordnen ließ. Mit seinem repräsentativen Anspruch erweist sich Chorbuch 3, das von Josquin noch die Missa "Malheur me bat" und die Missa "sine nomine" enthält, als eines der bemerkenswertesten Zeugnisse der frühen Rezeption Josquins.


Signatur: Chorbuch 3 (Zum Digitalisat)

Ansprechpartner: Dr. Joachim Ott


Literatur:

  • Herbert Kellman (Hg.): The Treasury of Petrus Alamire. Music and Art in Flemish Court Manuscripts 1500-1535, Gent u.a. 1999, S. 86-89 (ThULB Suche)
  • Irmgard Kratzsch: Schätze der Buchmalerei. Aus der Handschriftensammlung der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek Jena, Jena 2001, S. 98-104 (ThULB Suche)
  • Michael Meyer: Zwischen Kanon und Geschichte. Josquin im Deutschland des 16. Jahrhunderts, Turnhout 2016 (ThULB Suche)
  • Christiane Wiesenfeldt (Hg.): Die Messen Josquins. Eine Einführung, Würzburg 2020 (ThULB Suche)

Vorherige Objekte des Monats sind im Archiv verfügbar.

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