Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek

ThULB Jena - Thüringer Universitäts und Landesbibliothek

Objekt des Monats: Oktober 2020

Eine mittelalterliche hebräische Bibelhandschrift und eine rätselhafte Notiz

Seit etwa fünf Jahrhunderten befindet sich eine beeindruckende hebräische Bibelhandschrift aus dem 13. oder 14. Jahrhundert im Bestand der ThULB (Ms. El. f. 6). Gebunden ist sie in einen mit schönen Beschlägen gearbeiteten Einband von Johannes Weischner. Auf dem Vorderdeckel sind Porträts Johann Friedrichs I. von Sachsen und seiner drei Söhne, das sächsische Wappen und die Jahreszahl 1564 eingeprägt. Der von hoher Wertschätzung für die Handschrift zeugende Einband könnte anlässlich des zehnten Todestages Johann Friedrichs von einem seiner Söhne in Auftrag gegeben worden sein. Bereits im gegen 1570 angelegten frühesten erhaltenen Bestandskatalog der ThULB ist sie als "Die grosse hebreische Bibell aüff Pergament geschriebenn" verzeichnet.

Die mit einigen schönen Federzeichnungen illustrierte, auf Pergament geschriebene Handschrift enthält den zweiten Teil der hebräischen Bibel nach der Einteilung des TaNaKH mit den Büchern der Propheten: Josua, Richter, Samuel, Könige, Jeremia, Hesekiel, Jesaja und dem Dodekapropheton. Der hier zugehörig zu denkende erste Bibelteil ist nach jetziger Kenntnis nicht erhalten.

Der punktierte Bibeltext ist in drei Kolumnen angeordnet, nach jedem hebräischen Vers steht, durch dieselbe Schrift und Punktation von diesem äußerlich nicht zu unterscheiden, dessen aramäische Übersetzung (Targum). Neben den Kolumnen sieht man die kurzen Abschnitte der kleinen Masora, einer Art Konkordanz, sowie am Kopf und Fuß der Seiten die große Masora mit weiteren textkritischen Anmerkungen. An einigen Stellen laufen einzelne Buchstaben der großen Masora in florale Girlanden aus, bilden oben Rutenähnliche Auswüchse, der Text windet sich im Zickzack, an stilisierten Blumen und Pflanzen vorbei, bildet in Mikrographiken die Mauern eines Turmes, die Seiten einer Krone, oder er wird von kleinen Zeichnungen wie der eines Adlers oder eines Wappenschildes mit einem Löwen begleitet. Die Vokalisation der Konsonantenschrift durch Punktierung, die Akzente und die große, kleine und finale Masora wurden etwa zwischen 700 und 1000 von den sogenannten Masoreten dem Konsonantentext beigefügt, als anstelle von Hebräisch das Aramäische Umgangssprache der Juden geworden war. Die dann durch kleine Zeichen oberhalb und unterhalb der Buchstaben notierten Vokale hatten die Lesenden zuvor mit Hilfe ihrer Sprachkenntnis selbst ergänzen müssen. Durch beigefügte Akzente wurden Sinnabschnitte und Betonungen für die Kantilation des Bibeltextes im Gottesdienst notiert. Der textkritische Apparat der kleinen und großen Masora liefert Informationen wie Lesevarianten, mögliche Fehler sowie Vorkommen und Häufigkeit der Begriffe. Auch der Inhalt des Textes wurde durch die zuerst nur mündlich im Gottesdienst weitergegebene aramäische Übersetzung (Targum) für die Gemeinden schriftlich fixiert. Das Targum enthält auch Ausschmückungen und Ergänzungen.

Schlägt man die wuchtige Bibel am Anfang, also der hebräischen Schreibrichtung gemäß hinten auf, schaut man auf eine leere Seite, an deren oberem Rand eine merkwürdig angeordnete hebräische Notiz und in deren Mitte ein Fabeltier, das von der Illustration auf der Rückseite durchgepaust wurde, zu sehen sind. Diese rückseitige Illustration bildet wunderschön das reich verzierte Eröffnungswort des Buches Josua mit mehreren Greifen und drachenähnlichen Fabelwesen. Erkundet man die Handschrift weiter, fällt auf, dass die weiteren Eröffnungswörter teils ganz fehlen und der freigelassene Platz im Text leer ist. Der Text und die Masora sind vollständig ausgeführt, die Illustrierung der Eröffnungsseite und der Eröffnungswörter hingegen wurde offensichtlich abgebrochen.

In diesem Zusammenhang ist die oben genannte Notiz auf der ersten Seite aufschlussreich. Bereits 1647 beschäftigte sich der Philologe Johann Heinrich Haener mit ihr. Seine Übersetzung der nicht leicht zu fassenden Notiz lautet (aus dem Lateinischen übertragen): "Anstelle dieses Quaternios [das ist eine Lage mit vier Doppelblättern; im Original steht 'Kuntres', was auch für einen einzelnen Bogen oder eine kleine Handschrift stehen kann] schreibe einen anderen, den ich, sobald Du ihn mir geschickt hast, sehr gerne anbiete. Doch zögere nicht, weil nämlich Tinte auf ihn getropft ist [Haener ergänzt: 'das heißt, dieser Quaternio ist durch Tinte entstellt'], die ich nicht abkratzen kann, wenn ich nicht Strafe erleiden möchte. Sei von mir gegrüßt [im Original: und Friede sei mit dir, von mir], Rechabia". Dies könnte sich auf einen größeren bräunlichen Fleck beziehen, der durch die ersten vier Blätter der Handschrift durchgeschlagen ist, was freilich nicht für Tinte, sondern für eine andere, aggressivere Flüssigkeit spricht. Kleinere Tintenspritzer auf der ersten Seite wären weitere Kandidaten für den Unfall. Möglich wäre, dass es sich bei Rechabia um den Illustrator des ersten Eröffnungswortes handelte, der nach seinem Missgeschick die Notiz an den Schreiber der Handschrift richtete und diesen bat, die Lage neu zu schreiben und an ihn zu senden. Haener weist auf die Sitte hin, dass die Beschädigung des geschriebenen Gottesnamens mit Schlägen zu bestrafen war und ein Auskratzen der Tinte vermutlich nicht ohne Beschädigung desselben möglich gewesen wäre.

Allerdings erfolgte der erwünschte Austausch der Lage nicht. Hierfür könnte es eine Erklärung geben, zu der schon Haener hinführt, indem er auf Ähnlichkeiten der Jenaer Handschrift und einer Bibelhandschrift aus der Bibliothek des Erfurter Ministeriums hinweist. Bei Letzterer handelt es sich um eine der bekannten, im 19. Jahrhundert an die heutige Staatsbibliothek zu Berlin veräußerten Erfurter Bibelhandschriften. Auch in der heutigen Forschung wird die Jenaer Bibel mit "Erfurt 1", der größten Bibelhandschrift der Welt, in Verwandtschaft gestellt; beim Targum gibt es kaum Unterschiede zwischen den beiden Handschriften. Die Erfurter Bibelhandschriften stammen aus der mittelalterlichen Gemeinde Erfurts. 1349 wurden in einem Pestpogrom fast alle Juden der Stadt Erfurt ermordet oder vertrieben; ihr hinterlassenes Gut, auch die Bibelhandschriften, ging an den Rat der Stadt Erfurt, der einige hebräische Bände bereits im 14. Jahrhundert veräußerte. War auch die Jenaer Handschrift unter diesen Bänden, oder wurde sie vielleicht im 16. Jahrhundert vom Rat an die Ernestiner verkauft? Das Pogrom könnte die Erklärung dafür sein, dass es weder zum Austausch der beschädigten Lage noch zur Vollendung der Eröffnungswörter gekommen ist.

Zu vielen Rätseln, die die Handschrift aufgibt, kann man nur Vermutungen äußern. Sicher ist, dass im mittelalterlichen Erfurt eine große jüdische Gemeinde existierte, von deren reichem kulturellen Leben sich mehrere Zeugnisse über die Jahrhunderte erhalten haben. Zu ihnen gehört vielleicht auch die wertvolle Jenaer Bibelhandschrift.

Die Handschrift wird in der vom 18.11.2020 bis 19.11.2021 im Zimelienraum der ThULB im Rahmen des Themenjahres "Neun Jahrhunderte jüdisches Leben in Thüringen" gezeigten Ausstellung "Tora, Talmud, Tefillot" zu sehen sein.

Signatur: Ms. El. f. 6

Das Digitalisat ist über die Universal Multimedia Electronic Library frei zugänglich.

Ansprechpartnerin: Katrin Maria Kurlanda

Literatur:

Johann Heinrich Haener: Observationes Philologico-Criticae, Eaeque Graecae, Hebraicae ..., Jena 1674 [ThULB Suche]

D. J. D. Kroeze & Eveline van Staalduine-Sulman: A Giant among Bibles: 'Erfurt 1' or Cod. Or. Fol. 1210-1211 at the Staatsbibliothek zu Berlin. In: Aramaic studies 4.2 (2006), S. 193-205 [ThULB Suche]

Eveline van Staalduine-Sulman: An Electronic Edition of Targum Samuel, Kampen 2009 [Link zum Volltext]

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