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Objekt des Monats: November 2020

Johannes Kepler: Astronomia Nova. Heidelberg: Vögelin, 1609

Am 15. November vor 390 Jahren verstarb in Regensburg der am 27. Dezember 1571 in Weil der Stadt geborene Johannes Kepler. Er stammte aus einer angesehenen Familie, die jedoch in der Generation seiner Eltern verarmt war. 1600 ging Kepler nach Prag, um als Assistent von Tycho Brahe (1546-1601) zu arbeiten. Kepler wusste, dass es keine bessere Quelle für astronomische Beobachtungsdaten gab und hatte daher den Kontakt mit Brahe gesucht. Brahe war aufgrund der frühen Schrift Keplers Mysterium Cosmographicum (1596) klar, dass dieser mathematisch außergewöhnlich begabt war. Die Zusammenarbeit der beiden gestaltete sich jedoch schwierig. Neben den sozialen Unterschieden - Brahe war ein hochangesehener, reicher adliger Gelehrter, Kepler ein noch unbekannter Mathematiker - waren es auch zwei völlig unterschiedliche Temperamente, die aufeinandertrafen. Brahe achtete streng darauf, dass Kepler, wie seine anderen Assistenten, nie zum Ganzen seiner astronomischen Schätze Zugang hatte.

Nach dem plötzlichen Tod Brahes im Oktober 1601 wurde Kepler von Kaiser Rudolf II. (1552-1612) zu dessen Nachfolger als kaiserlicher Mathematiker ernannt. Der Kaiser hatte nach dem Tod Brahes dessen astronomische Daten erworben und Kepler zur Verfügung gestellt. Er hatte die Daten jedoch nicht bezahlt, so dass Kepler sich mit den Erben Brahes ins Benehmen setzen musste. Frans Tengnagel (1576-1622), Brahes Schwiegersohn, forderte die Daten zurück. Kepler gab das Material zwar heraus, behielt aber die Mars-Daten, an denen er arbeitete. Die 1609 erschienene Schrift Astronomia Nova Aitiologētos, Sev Physica Coelestis, tradita commentariis De Motibvs Stellæ Martis, Ex observationibus G. V. Tychonis Brahe (dt.: Neue, ursächlich begründete Astronomie oder Physik des Himmels; Dargestellt in Untersuchungen über die Bewegungen des Sternes Mars; Aufgrund der Beobachtungen des Edelmannes Tycho Brahe [Übers. Max Caspar, 1929]) ist Keplers erstes großes astronomisches Werk (Abb. 1). Auf der Grundlage von Brahes Beobachtungen formulierte er eine korrekte Beschreibung des Sonnensystems nach dem Vorbild von Nikolaus Kopernikus (1473-1543). Kepler selbst bezeichnet seine Schrift als seinen "Mars-Kommentar". Seine Erkenntnis, dass und wie die Planeten sich auf Ellipsen um die Sonne bewegen, hat er am Beispiel des Mars gefunden und ausgearbeitet (Abb. 2). Es war ein gewaltiger Rechenaufwand (noch ohne Logarithmen), den er zu bewältigen hatte, um schließlich die beiden nach ihm benannten Gesetze zu formulieren:
1. Die Bahnen der Planeten sind Ellipsen, in deren einem Brennpunkt die Sonne steht.
2. Der Fahrstrahl Sonne - Planet überstreicht in gleichen Zeiten gleiche Flächen.

Dem Werk vorangestellt sind 1) eine Widmung an Kaiser Rudolf II., 2) eine Aufforderung Tycho Brahes, des Astronomenfürsten, an die Freunde der Astronomie, 3) Dem Leser Gruß! (eine Vorrede seines Widersacher Tengnagels) und 4) Keplers mehrseitige Einleitung in sein Werk. Diese beginnt mit dem Satz: "Es ist heutzutage ein sehr hartes Los, mathematische Bücher zu schreiben, zumal astronomische." Kepler war bewusst, dass er nur einen kleinen Leserkreis erreichen würde. Die Art, wie er seine fünfteilige Astronomia Nova präsentiert, ist ebenso ungewöhnlich wie ihr Inhalt. Er schildert den Werdegang seiner Entdeckungen und lässt den Leser an all seinen Wegen und Irrwegen teilnehmen. Kepler gibt sich nicht mehr wie seine Vorgänger mit einer kinematischen Beschreibung der Bewegung der Himmelskörper zufrieden. Er fragt nach den Ursachen dieser Bewegungen. Und diese Fragen stellen einen entscheidenden Richtungswechsel im Denken dar, von der Naturphilosophie hin zu den Naturwissenschaften.

Die Drucklegung des Werkes wurde durch verschiedene Probleme verzögert. Mit Tengnagel, der den Druck der Marskommentare verhindern wollte, kam es schließlich noch zu einer Einigung, indem sich Kepler bereit erklärte, dessen Vorrede seinem Werk voranzustellen. Außerdem war die vom Kaiser zur Verfügung gestellte Geldsumme nicht ausreichend. Der Druck bei Vögelin in Heidelberg, der 1608 begonnen wurde, konnte erst im Sommer 1609 vollendet werden. Der Kaiser behielt sich das Eigentumsrecht an der ganzen Auflage vor. Die Exemplare sollten nach seinem Willen unentgeltlich an die Mathematiker des Reichs verteilt werden. Da aber die kaiserliche Kasse mit den Gehaltszahlungen fortwährend im Rückstand blieb, verkaufte Kepler schließlich die ganze Auflage an den Drucker. Es ist das stattlichste aller Werke, welches Kepler veröffentlicht hat. Da nur eine kleine Auflage gedruckt wurde, ist es heute bei weitem die teuerste der Originalausgaben des großen Astronomen.

Signatur: 2 MS 191

Ansprechpartner: Dr. Kirsten Gerth

LITERATUR:

Wilfried Kuhn: Ideengeschichte der Physik. Berlin; Heidelberg: Springer 2016 [ThULB Suche]

Werner Diederich: Der harmonische Aufbau der Welt. Hamburg: Meiner 2014 [ThULB Suche]

Max Caspar: Johannes Kepler. Stuttgart: Verl. für Geschichte der Naturwiss. und der Technik 1995 [ThULB Suche]

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