Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek

ThULB Jena - Thüringer Universitäts und Landesbibliothek

Objekt des Monats: Januar 2021

EIN BEITRAG ZUM 175. GEBURTSTAG VON RUDOLF EUCKEN AM 5. JANUAR 2021

Am 10. Dezember 1908 wurde Rudolf Eucken (1846-1926) der Nobelpreis für Literatur verliehen. Eucken erhielt den Preis "in Anerkennung des ernsten Strebens nach Wahrheit, der durchdringenden Schärfe des Denkens und der Weite des Blicks, der Wärme und Kraft der Darstellung, womit er in zahlreichen Arbeiten eine ideale Weltanschauung vertreten und entwickelt hat". Dass er so bedeutenden Autoren wie Selma Lagerlöf (1858-1940) und Algernon Charles Swinburne (1837-1909) vorgezogen wurde, hatte er dem unermüdlichen Einsatz des schwedischen Philosophen Vitalis Norström (1856-1916) zu verdanken. Eucken berichtete ihm in einer Reihe von Briefen über die Wirkung, die der Preis für die Rezeption seines Werkes im In- und Ausland hatte. Am 23. Dezember 1910 schrieb er: "Mit meinen Büchern geht es jetzt rapid vorwärts, so dass ich kaum mitkommen kann. Ins Englische ist jetzt fast alles übersetzt, daneben ist jetzt das grösste Interesse in Japan, wo man des englischen Positivismus gründlich satt zu sein scheint." Ein knappes Jahr später hieß es: "Mir geht es vortrefflich, und mein Wirkungskreis breitet sich unablässig aus. Neuerlich namentlich nach Ostasien, wo jetzt z. B. in Japan nicht weniger als 7 Übersetzungen meiner Bücher im Werke sind." Eucken beschrieb nicht nur seine gewaltige Wirkung in Japan, sondern erfasste auch deren Hintergrund. Seine Philosophie wurde als Alternative zum Positivismus rezipiert.

Die Rezeption westlicher Philosophie begann im Land der aufgehenden Sonne um 1870. Bis in die 1890er Jahre repräsentierten positivistische und evolutionstheoretisch-darwinistische Strömungen das europäisch-amerikanische Denken in Japan. Vom Positivismus und Darwinismus rückten bereits in den 1880er Jahren einige ausländische Dozenten ab, die in Tokyo Philosophie lehrten. Keiner von ihnen wirkte länger in Japan als Raphael von Koeber (1848-1923), der während seines Studiums in Jena Vorlesungen bei Eucken und Ernst Haeckel (1834-1919) besucht hatte. In seinen Vorlesungen, die sich auf alle Gebiete der Philosophie erstreckten, stellte er auch die Gedankenwelt Euckens vor. Bei Koeber studierten mehrere Philosophen, die das japanische Denken des frühen 20. Jahrhunderts prägten und von denen einige (Seiichi Hatano, Ken Ishiwara und Yoshishige Abe) engen Kontakt zu Eucken hatten oder sich wie der große Schriftsteller Sōseki Natsume (1867-1916) mit ihm beschäftigten. Koebers Schüler und andere Philosophen übersetzten alle Hauptwerke des Jenaer Gelehrten, Japaner kamen nach Jena, um bei Eucken zu hören, bei ihm zu promovieren oder mit ihm zu diskutieren. Im Jahr 1913 ergriffen der Politiker Shimpei Gotō (1857-1929) und der Pädagoge und Philosoph Inazō Nitobe (1862-1933) die Initiative, Eucken für ein Semester als Gastprofessor an die Kaiserlichen Universitäten in Tokyo und Kyoto zu berufen. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs zerstörte diesen Plan.

Zahlreiche Briefe japanischer Philosophen, Psychologen, Pädagogen und Theologen belegen das überaus breite Interesse am Werk Euckens. Wir präsentieren hier zwei dieser Dokumente aus dem Eucken-Nachlass. Yoshishige Abe (1883-1966) hatte sich 1909 an Eucken gewandt und ihn gebeten, ihm die Übersetzungsrechte für das Buch "Die Lebensanschauungen der großen Denker" zu geben. Seiner Übersetzung legte Abe 1912 ein Porträtfoto mit eigenhändiger Widmung bei. Als er 13 Jahre später, dann schon als bekannter Professor, durch Europa reiste, besuchte er Eucken in Jena. Abe lehrte an renommierten japanischen Universitäten, war Mitglied des Parlaments und nach dem Zweiten Weltkrieg Bildungsminister. Übersetzungsfragen führten auch zum Kontakt zwischen Eucken und Seiichi Hatano (1877-1950). Zusammen mit seinem Kollegen Wakichi Miyamoto (1883-1972) übersetzte er das Buch "Der Kampf um einen geistigen Lebensinhalt" ins Japanische. Hatano rezipierte neben Euckens Lebens- und Religionsphilosophie auch die Ideen wichtiger Vertreter des deutschen Kulturprotestantismus und gehörte später zu den wichtigsten Denkern der religionsphilosophischen Schule von Kyoto.

Signaturen: Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek Jena, Nachlass Rudolf Eucken I/11 (Brief von Hatano an Eucken) und IV/1 (Foto von Abe).

Ansprechpartner: Dr. Uwe Dathe, Tel.: 03641 9-404 048

Vorherige Objekte des Monats sind im Archiv verfügbar.

Bitte beachten Sie im Rahmen eines geplanten Besuches, dass
  • Sie im Krankheitsfall - besonders bei grippeähnlichen Symptomen wie Husten, Schmerzen beim Atmen und Fieber - von einem Bibliotheksbesuch absehen,
  • das Tragen eines Mund-Nasenschutzes innerhalb des Gebäudes für die gesamte Dauer Ihres Aufenthalts Pflicht ist und
  • ein Mindestabstand von 1,5 m eingehalten werden muss.
Wenn Sie diese Meldung schließen, wird sie nicht erneut in diesem Browser angezeigt!
Verstanden und Schließen
 | ThULB Suche | Online-Katalog | Benutzerkonto