Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek

ThULB Jena - Thüringer Universitäts und Landesbibliothek

Objekt des Monats: August 2020

GEORG WILHELM FRIEDRICH HEGEL'S LEBEN. BESCHRIEBEN DURCH KARL ROSENKRANZ […]. BERLIN: DUNCKER UND HUMBLOT, 1844. - XXXV, 566 S.


"[N]icht das Leben, das sich vor dem Tode scheut und von der Verwüstung rein bewahrt, sondern das ihn erträgt, und in ihm sich erhält, ist das Leben des Geistes. Er gewinnt seine Wahrheit nur, indem er in der absoluten Zerrissenheit sich selbst findet." (Hegel, Phänomenologie des Geistes, 1807)

* * *

Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831) ist der wohl bedeutendste Philosoph, den die Universität Jena je in ihren Reihen hatte, und seine Phänomenologie des Geistes (1807) das imposanteste philosophische Werk, das in der Saalestadt geschrieben wurde. Dabei wird oft übersehen, dass der Umgang der Alma Mater Jenensis, mit ihrem weltweit berühmtesten Denker, dessen Geburtstag sich im laufenden Monat zum 250. Mal jährt, kein Ruhmesblatt in den Geschichtsbüchern der Universität darstellt.

Der in Stuttgart geborene Hegel, der bis dahin als Autor nicht hervorgetreten war, kam nach Studium in Tübingen und Hauslehrerjahren in Frankfurt a. M. und Bern Anfang 1801 nach Jena, um als inzwischen Dreißigjähriger die akademische Laufbahn einzuschlagen. Ein kleines Geldvermögen, das Hegel 1799 nach dem Tode seines Vaters geerbt hatte, machte ihm dies möglich. Mit der sogenannten Differenz-Schrift (Differenz des Fichte'schen und Schelling'schen Systems der Philosophie in Beziehung auf Reinhold's Beyträge zur leichtern Übersicht des Zustands der Philosophie zu Anfang des neunzehnten Jahrhunderts, 1801) griff er hier sogleich in die aktuellen philosophischen Debatten ein. Fast zeitgleich erwarb Hegel an der Universität die Lehrbefugnis. Zu diesem Zwecke reichte er eine lateinische Dissertation über die Planetenbahnen ein (De Orbitis Planetarvm, 1801) und disputierte am 27. August, seinem Geburtstag, über zwölf von ihm verfasste philosophische Thesen. Hegel war nun Privatdozent ohne Gehalt. Im Februar 1805 wurde er zum außerordentlichen Professor ernannt, noch immer ohne Besoldung. Ab Juli 1806 erhielt er auf Goethes "eifrigste Instanz" hin (Chr. G. Voigt, 3. Juli 1806) ein karges Jahresgehalt von 100 Reichstalern. Im Februar 1807 wurde ihm von seiner Zimmerwirtin ein unehelicher Sohn geboren. Einen Monat später verließ Hegel Jena allein in Richtung Bamberg, wo er - vermittelt durch seinen Freund Friedrich Immanuel Niethammer - in finanziell bedrängter Lage eine Stelle als Redakteur der Bamberger Zeitung antrat. Bereits 1808 erfolgte Hegels Übergang nach Nürnberg als Rektor des dortigen Egidien-Gymnasiums (1808-1816). In Nürnberg lernte er auch Marie von Tucher kennen. Aus der Ehe mit ihr gingen zwei Söhne hervor. In Heidelberg, wo Hegel schließlich die lang ersehnte Stelle als Universitätsprofessor der Philosophie bekleidete (1816-1818), wurde schließlich auch der uneheliche Sohn aus Jena in die Familie aufgenommen. Seine eigentliche Wirkungsstätte sollte Hegel dann aber ab Herbst 1818 im Alter von fast fünfzig Jahren an der Berliner Universität und im Kulturleben der preußischen Hauptstadt finden. Hier lehrte er bis zu seinem Tode als Nachfolger Johann Gottlieb Fichtes (1762-1814) auf dem Lehrstuhl für Philosophie, und seine Vorlesungen machten regelrecht Epoche.

Hegels erster Biograf Karl Rosenkranz (1805-1879), der im weitesten Sinne der Hegel-Schule zuzurechnen ist, auch wenn er nie Hegels unmittelbarer Schüler war, hatte für sein Buch (Abb. 1) im Gegensatz zu allen späteren Versuchen dieses Genres noch Zugang zum handschriftlichen Nachlass Hegels vor dessen mehrfacher Reduzierung im 19. Jahrhundert. In der Verschränkung von Lebens- und Werkgeschichte ist es bis in unsere Tage stilbildend geblieben. Ungeachtet manch inhaltlicher Detailfehler und Fehlstellen - so verliert Rosenkranz über Hegels Jenaer Sohn kein Wort -, ungeachtet auch manch lebens- und werkgeschichtlicher Einordnungen und Stilisierungen, die durch neuere Forschungen als überlebt anzusehen sind, gilt unser Objekt des Monats als zeitüberdauerndes und in seiner Gesamtanlage unübertroffenes Referenzwerk der Hegel-Literatur. Der Band erschien 1844 als Supplement zur ersten Werk-Ausgabe Hegels, die unmittelbar nach seinem Tode durch einen Verein von Freunden des Verewigten begonnen wurde (1832-1887).

Das Porträt Hegels im Frontispiz (Abb. 2) wurde ausweislich der Bildunterschrift von Carl Barth (1787-1853) gezeichnet und gestochen. Der im südthüringischen Eisfeld geborene Barth (1788 Umzug der Familie ins benachbarte Hildburghausen) ließ sich nach wechselvollen Ausbildungs- und Berufsstationen, die ihn unter anderem nach Stuttgart, Nürnberg, München, Frankfurt a. M., Rom, Freiburg i. Br. und Darmstadt führten, 1830 endgültig in seiner Heimatstadt Hildburghausen nieder. Er arbeitete hier vornehmlich für das Bibliographische Institut von Joseph Meyer als Kupferstecher. Für das im Auftrag des Berliner Verlages Duncker und Humblot gefertigte Hegel-Bildnis griff Barth als Vorlage auf ein Reliefmedaillon mit dem Porträt Hegels zurück, das der Bildhauer Friedrich Drake (1805-1882) in Berlin 1830 nach dem lebenden Modell geschaffen hatte. Es gehört zu den wenigen überlieferten zeitgenössischen Bildnissen des Philosophen. In Jena ist Drake insbesondere als Schöpfer des Hanfried-Denkmals (1858) auf dem Markplatz im Bewusstsein der interessierten Öffentlichkeit geblieben. Das Tonmodell seines Hegel-Medaillons muss als verloren gelten. Hegel selbst hatte davon noch drei (Gips-) Fassungen anfertigen lassen (vgl. das Exemplar in den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden).

Die abgebildete Textseite (Abb. 3) enthält den Beginn des von Rosenkranz erstmals (in Auszügen) edierten und inzwischen verlorenen berühmten Briefes Hegels aus Jena an Niethammer vom 13. Oktober 1806. Geschrieben am Tag vor der Schlacht der Franzosen gegen das preußisch-sächsische Heer bei Jena, verbinden sich darin Hegels Bewunderung für Napoleon ('Weltseele auf einem Pferde sitzend') mit der Sorge um den möglichen kriegsbedingten Verlust des druckfertigen Manuskripts (es gab keine Abschrift!) seiner Phänomenologie des Geistes, - das Jenaer Jahrhundertwerk der Philosophie, ein Jahrhundertwerk der Weltliteratur.

Signatur: 8 Ph.III,135/1:Suppl. [ThULB-Suche]

Ansprechpartner: Dr. Uwe B. Glatz

PS: Im August 2015 war der Geburtstag Hegels schon einmal Anlass für ein Objekt des Monats der ThULB. Die Unterschrift Hegels aus dem damals vorgestellten Brief Hegels an Friedrich Creuzer vom 30. Oktober 1819 liefert im jetzigen Jubiläumsjahr die Vorlage für den Berliner Ersttagsstempel der Deutschen Post, der die Ausgabe einer Hegel-Sonderbriefmarke flankiert (Ausgabetag: 6. Aug. 2020).

Vorherige Objekte des Monats sind im Archiv verfügbar.

Bitte beachten Sie im Rahmen eines geplanten Besuches, dass
  • Sie im Krankheitsfall - besonders bei grippeähnlichen Symptomen wie Husten, Schmerzen beim Atmen und Fieber - von einem Bibliotheksbesuch absehen,
  • das Tragen eines Mund-Nasenschutzes innerhalb des Gebäudes Pflicht ist (Ausnahme: nur am gebuchten Arbeitsplatz) und
  • ein Mindestabstand von 1,5 m eingehalten werden muss.
Wenn Sie diese Meldung schließen, wird sie nicht erneut in diesem Browser angezeigt!
Verstanden und Schließen
 | ThULB Suche | Online-Katalog | Benutzerkonto