Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek

ThULB Jena - Thüringer Universitäts und Landesbibliothek

Objekt des Monats: September 2020

vom 01.09.2020 bis 30.09.2020

Wolfgang Maximilian von Goethe und sein Stammbuch

Vor 200 Jahren, am 18. September 1820, wurde in Weimar Wolfgang Maximilian von Goethe geboren, als zweiter Sohn August von Goethes (1789-1830) und seiner Frau Ottilie (1796-1872; geb. von Pogwisch). August war das einzige Kind aus der Ehe Johann Wolfgang von Goethes (1749-1832) mit Christiane Vulpius (1765-1816), welches das Erwachsenenalter erreichte. Augusts und Ottilies drei Kinder Walther Wolfgang (1818-1885), Wolfgang Maximilian und die tragisch früh verstorbene Alma Sedina (1827-1844) bilden die Enkelgeneration des Dichterfürsten.

Wolfgang Maximilian, in seiner Kindheit vom berühmten Großvater mit erzogen, studierte von 1839 bis 1845 Jura und Philologie in Bonn, Jena (Sommersemester 1842), Heidelberg und Berlin und promovierte 1845 in Heidelberg. Doch war die juristische Ausbildung für Goethes weiteren Lebensweg von untergeordneter Bedeutung. Nach dem gescheiterten Versuch, als Dichter erfolgreich zu werden, folgte zwar von 1852 bis 1860 Goethes einzige Lebensphase in einer durchaus Erfolg versprechenden festen Position, indem er in diesen Jahren das Amt eines preußischen Legationssekretärs, zuletzt Legationsrates in Rom und Dresden bekleidete. Doch standen dem zeitlebens kränkelnden Goethe seine Forschungen zur Geschichte und Philologie und seine hierfür genutzten kombinierten Kur- und Studienreisen mit Bibliotheksbesuchen stets viel näher, weshalb er 1860 aus dem Dienst schied. Auch in der Folge sammelte Goethe viel Material, brachte aber kaum etwas zum Druck. Als Historiker wie zuvor schon als Dichter ohne Anerkennung geblieben, ließ er sich nach weiteren Reisen (vornehmlich nach Italien) 1870 wieder in Weimar bei seiner Mutter Ottilie und seinem Bruder Walther nieder. In seiner Geburtsstadt hatte Wolfgang Maximilian zuvor bereits häufiger Station gemacht, um gemeinsam mit Ottilie und Walther den Nachlass Johann Wolfgang von Goethes zu pflegen und zu verwalten. Seine letzten Jahre verbrachte Wolfgang Maximilian von Goethe ab 1879 in Leipzig, wo er bis zu seinem Tod am 20. Januar 1883 in Pflege lebte.

Wolfgang Maximilian von Goethes bibliophile Leidenschaft spiegelt sich in den Sammlungen der ThULB Jena auf vielfältige Weise. Hintergrund ist, dass er in seinem Testament vom 24. Juni 1880 der Bibliothek 140 Handschriften (davon 50 mittelalterlich), rund 5.000 gedruckte Titel (sie wurden bei der Zerstörung des Bibliotheksgebäudes 1945 dezimiert), rund 1.560 Autographen von Persönlichkeiten vorrangig des 18. und 19. Jahrhunderts sowie seinen literarisch-wissenschaftlichen Nachlass übereignete. Dieser Nachlass setzt sich vor allem aus einer Vielzahl von Zetteln und Heften zusammen, auf denen Goethe Ergebnisse seiner Forschungen in europäischen Bibliotheken in Exzerptform zusammengetragen hatte. Die Sammlung mit nur wenigen Reinschriften für Publikationszwecke spiegelt den Charakter Goethes als immerzu sammelndem, freilich kaum produzierendem Literaten und Wissenschaftler. Goethe verstand sich als Quellenforscher auf dem Gebiet der Geschichte vorrangig des Altertums und des Mittelalters, der auf seinen Reisen Handschriften auswertete und auch ganze Bibliothekskataloge mit dem offensichtlichen Ziel abschrieb, sie beizeiten in gedruckter Form als Studienfundus zur Kenntnis zu geben.

Zu Goethes Nachlass gehört sein reizvolles Stammbuch, das Objekt des Monats. Es weist das für die Gattung übliche querrechteckige, dabei aber ungewöhnlich große Format 23,2 x 28,3 cm auf. Seidenvorsätze und Goldschnitt verschönern es. Auf dem edlen schwarzen Ledereinband mit goldener Linienzier steht in Goldprägung "W. v. G." (vorne) und "25 Décembre 1832." (hinten). Es liegt daher nahe anzunehmen, dass das Freundschaftsalbum ein Weihnachtsgeschenk an den damals erst zwölfjährigen Wolfgang Maximilian war. Die Anzahl der Einträge in dem Album hält sich in Grenzen; von den (das vordere Vorsatzblatt eingerechnet) 56 Blättern ist knapp die Hälfte leer geblieben. Doch sind die zustande gekommenen Beiträge von insgesamt 20 Personen vorrangig des Weimarer Kulturkreises sehr interessant.

Besondere Attraktivität gewinnt das Stammbuch primär durch 13 Bilder, die zumeist eingeklebt sind: Bleistift- und Federzeichnungen (teils koloriert), eine Pastellzeichnung, Aquarelle, eine Gouache sowie eine Collage aus kleinteiligen Pflanzenblüten und -blättern. Letztere wurde von der mit Johann Wolfgang von Goethe eng verbundenen Schauspielerin und Sängerin Marianne von Willemer (1784-1860; Abb.) liebevoll gefertigt. Die bedeutende Malerin Louise Seidler (1786-1866) steuerte eine Bleistiftzeichnung einer Frauenfigur bei, und künstlerisch betätigten sich auch Ottilie von Goethes Freundin Anna Jameson (1797-1860), Franz Xaver (1799-1854) oder Ludwig (1802-1848) Schwanthaler, die Diakonisse Cäcilie von Zeschau mit einer sehr schönen kolorierten Zeichnung eines betenden Engels (Abb.), ein Mister Shaw aus England sowie vier weitere, nicht identifizierte Personen. Ein weiterer Schwerpunkt der Stammbuchbeiträge liegt auf kurzen Notenstücken. Walther Wolfgang von Goethe, der sein Leben der Musik gewidmet hat, schrieb seinem jüngeren Bruder das Klavierstück "Un moment de récréation" ins Album, und Gräfin Julie von Egloffstein (1792-1869) bedachte Wolfgang Maximilian mit den beiden Liedern "Burg Egloffstein" und "Weine nicht". Kompositionen notierten auch der Oldenburger Hofkapellmeister August Pott (1806-1883), Eduard Gnuschke, Cousin Adele Schopenhauers (s.u.), und Ludwig Schubart, wohl der Sohn des Dichters und Komponisten Christian Friedrich Daniel Schubart (1739-1791). Darüber hinaus enthält das Stammbuch mehrere Gedichte. Wolfgang Maximilians Mutter Ottilie trug sich mit ihren beiden Schöpfungen "Eine Liebes-Geschichte" und "Die drei Sterne" und der wohlbekannte Goethe-Vertraute Johann Peter Eckermann (1792-1854) mit seinen Versen "An einen Wasservogel" (Abb.) ein. Ein nachträglicher Bleistifteintrag weist das gleichfalls enthaltene Gedicht "Das Aug' gesenkt in frommer Sitte" Adele Schopenhauer (1797-1849) zu. Es ist unklar, ob sie selbst auch das zugehörige, kunstvolle Pastell einer Kirchgängerin auf der gegenüberliegenden Seite schuf. Cäcilie von Zeschau stellte ihrer oben genannten Zeichnung die Verse "Es ist so schön und tröstlich" zur Seite. Ansonsten finden sich im Stammbuch noch Widmungen der Gräfin Anne de Rigaud de Vaudreuil (1806-1859) und des Eichstätter Bischofs Karl August von Reisach (1800-1869). Viele Beiträge sind nicht datiert, stammen aber wie die datierten wahrscheinlich aus den Jahren 1833/38. Aus diesem Rahmen fällt lediglich die jüngste angegebene Jahreszahl 1843, bezogen auf die Schenkung der Schwanthaler-Zeichnung durch Marianne von Willemer. Davon abgesehen wird deutlich, dass Wolfgang Maximilian von Goethe sein Freundschaftsalbum während der Zeit seines Heranwachsens in Weimar pflegte, jedoch bereits im Studium und dann auch in den darauffolgenden Jahrzehnten nicht mehr darauf zurückgriff.

Signatur: Nachl. W. M. v. Goethe, Noten 5

Ansprechpartner: Dr. Joachim Ott

Pflanzencollage Marianne von Willemer
Betender Engel Cäcilie von Zeschau
Gedicht Johann Peter Eckermann
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