Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek

ThULB Jena - Thüringer Universitäts und Landesbibliothek

Objekt des Monats: September 2018

vom 01.09.2018 bis 30.09.2018

Ein Diurnale mit Votivbildchen aus dem Benediktinerinnenkloster Lamspringe

Ein eher unscheinbares Büchlein, das seine Eigenheiten erst auf den zweiten Blick offenbart, ist das Objekt des Monats. Es handelt sich um ein Diurnale zur Verwendung in den Benediktiner(innen)klöstern der Bursfelder Kongregation. Diese zählte um 1500, als Melchior Lotter das Diurnale in Leipzig druckte - leider verrät er das Druckjahr nicht -, rund 80 Mitgliedsklöster. Ein Diurnale (lat. diurnus: täglich, am Tag) ist ein Auszug aus dem Brevier. Es enthält die Stundengebete des Tages (Laudes, Prim, Terz, Sext, Non, Vesper, Komplet); das Äquivalent für die Nachtgebete (Matutin) ist das Nocturnale (lat. nocturnus: nächtlich). Solche Teilausgaben sind handlicher als das vollständige Brevier und daher für den täglichen persönlichen Gebrauch einer einzelnen Person besonders geeignet. Lotter druckte sein Diurnale mit relativ kleinen Lettern, sodass der Buchblock ein Maß von 10,5 x 7 cm nicht übersteigt. Mitsamt Einband ist das Bändchen 5,5 cm dick. Ein solches Diurnale im Duodezformat konnte man beim Gebet einhändig halten und auch bequem mitführen, etwa in einer Kleidungstasche.

Im Titel wird damit geworben, dass die Ausgabe gegenüber der vorherigen an 173 Stellen verbessert sei: "Diurnale vna cum psalterio. antiphonis responsorijs. nec non kalendarij tabulis Religiosorum fratrum ordinis diui Benedicti de obseruantia per Germaniam. iam denuo in clxxiij. locis vltra priorem impressuram emendatum et correctum." Der Gesamtkatalog der Wiegendrucke führt lediglich zwei Exemplare dieses Diurnales auf: neben jenem in der ThULB eines in der Hochschul- und Landesbibliothek Fulda (GW 8505). Dazu ist freilich anzumerken, dass liturgische Gebrauchsbücher eher selten den Weg in wissenschaftliche Bibliotheken fanden. Dort konnte man auch nicht immer viel mit ihnen anfangen, wie die Jenaer Signierung des 19. Jahrhunderts in die Gruppe "Jus can." (kanonisches Recht) belegt. Das Exemplar der ThULB weist einen Kalbsledereinband mit Blindstempelzier auf. Von den beiden Schließen sind nur Reste erhalten. Aus dem Vorderschnitt ragen die teils geflochtenen Enden eingeklebter kleiner Blattweiser aus rot, grün oder braun gefärbtem Pergament hervor. So lassen sich die liturgischen Abschnitte noch heute leicht auffinden.

Schlägt man das Büchlein auf, zeigen sich handschriftliche Einträge, die rasch deutlich machen, wo und von wem das Diurnale ursprünglich verwendet wurde. Auf dem Vorderspiegel steht der Name "Therese ofen". Darunter sowie auf die Rückseite des letzten Blattes schrieb eine andere Hand "Lamenspringe". Dies meint das Benediktinerinnenkloster Lamspringe südlich von Hildesheim, das im 12. Jahrhundert aus einem Kanonissenstift hervorgegangen war und dem Therese Ofen offensichtlich angehörte. Um 1500, zur Zeit der Entstehung des Diurnales, stand das Kloster in voller Blüte. In den Jahrzehnten danach widerstanden die Benediktinerinnen Bestrebungen zu seiner Auflösung bzw. Hinwendung zur Lehre Luthers. Noch 1544 heißt es: "Diese junckfrauwen haben sich gar nichts der Reformation untergeben, halten noch alle ire Supersticiones (= Aberglauben) papisticas, one das sie einen evangelischen prediger haben, achten aber seiner nichts, sagen, das sie jnen nicht wol verstehen konnen" (Römer, s.u., S. 343). Erst 1568/71 wurde Lamspringe in ein evangelisches Frauenstift umgewandelt, das 1643 geschlossen wurde. Danach übernahmen englische Benediktiner die Anlage; 1803 erfolgte die Säkularisierung. Bereits 1573 waren die Bibliothek und der Kirchenschatz des Klosters nach Wolfenbüttel gebracht worden; mehrere Handschriften aus Lamspringe befinden sich heute in der dortigen Herzog August Bibliothek.

Die Herkunft des Diurnales aus Lamspringe verraten auch vier handschriftlich gefüllte Seiten im Anschluss an das Kalendar. Kurz nach Entstehung des Drucks schrieb dort jemand die Geschichte des Märtyrers Adrian von Nikomedien und seiner Frau Nathalia auf, unterteilt in Feriallektionen. Dies ist eine lokale liturgische Spezifizierung, denn der hl. Adrian war der Hauptpatron des Benediktinerinnenklosters Lamspringe und es war daher notwendig, den allgemeingültig gehaltenen Druck des benediktinischen Diurnales um Lesungstexte zu ihm zu erweitern. Im Kalendar selbst sind stellenweise die Sterbedaten von Klosterangehörigen handschriftlich vermerkt: "obiit hinricus frater / elysabeth mater / dorothea soror / bertoldus pater [evtl. Berthold Bindemann, Propst von Lamspringe 1455/66] / margareta soror".

Eine schöne kleine Überraschung hält das Büchlein auf der Seite, welche auf die Lektionen zu Adrian folgt, bereit. Dort ist ein Gebet notiert, gebildet aus Versen des ersten Petrusbriefs (1. Pt 5, 8-9) und der Schlussformel "Tu autem domine miserere nostri". Und es ist ein schmales Zettelchen (7 x 3 cm) eingeklebt, das mittig einen Falz aufweist, also zum Auf- und Zuklappen gedacht ist. Wohl zu seinem besseren Schutz ist es um 90° gedreht fixiert. Die eine Seite zeigt in doppelter Ausführung eine anrührend naiv gemalte Darstellung des in einer Landschaft auf einem Kissen sitzenden Jesuskindes. Auf der anderen Seite steht die Aufschrift "katerina meygers in hamer". Das als Ortsangabe aufzufassende Wort "Hamer" lässt sich einstweilen nicht zuordnen. Eine vage Möglichkeit ist, dass Haimar, nördlich von Hildesheim, gemeint sein könnte. Jedenfalls deutet "in hamer" darauf hin, dass Katerina Meygers nicht zu den Schwestern in Lamspringe zählte, sondern andernorts lebte. Bei dem nicht lange nach dem Diurnale entstandenen Zettelchen handelt es sich um ein Votivbild. Vermutlich kam es in das Buch, um bei dessen Benutzung daran zu erinnern, dass für Katerina Meygers Fürbitte geleistet werden sollte, dies möglicherweise als Gegenleistung für eine von ihr erbrachte Gabe an das Kloster. Ob sich Näheres über Katerina Meygers herausfinden lässt, wäre zu prüfen. Dem Namen begegnet man in Quellen der fraglichen Zeit aus dem Hamburger Raum (Gertrud Brandes, Die geistlichen Brüderschaften in Hamburg während des Mittelalters [3. Teil], in: Zeitschrift des Vereins für Hamburgische Geschichte 36, 1937, S. 65-110, hier 77; Hans Heuer, Das Kloster Reinbek. Beitrag zur Geschichte der Landschaft Stormarn, Neumünster 1985, S. 111). Indes gehören der Vor- und der Nachname (Nebenform von "Meier") zu den häufigsten der Zeit, und die große Entfernung zu Lamspringe spricht dagegen, dass es sich um ein und dieselbe Frau handelt. Das kleine Diurnale in der ThULB könnte letztlich das einzige Zeugnis dafür sein, dass es eine mit dem Benediktinerinnenkloster Lamspringe verbundene Frau des Namens Katerina Meygers gegeben hat.

Signatur: 12 Jus can.VII,6

Ansprechpartner: Dr. Joachim Ott

Literatur

Christof Römer, Lamspringe, in: Ulrich Faust (Bearb.), Die Frauenklöster in Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Bremen, St. Ottilien 1984 (Germania Benedictina; 11), S. 331-376 [ThULB Suche]

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