Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek

ThULB Jena - Thüringer Universitäts und Landesbibliothek

Objekt des Monats: Oktober 2019

vom 01.10.2019 bis 31.10.2019

LOU ANDREAS-SALOMÉ: FRIEDRICH NIETZSCHE IN SEINEN WERKEN. MIT 2 BILDERN UND 3 FACSIMILIRTEN BRIEFEN NIETZSCHES. WIEN: VERLAG VON CARL KONEGEN, 1894. - [6] Bl., 263 S.


"Der Mensch mag sich noch so weit mit seiner Erkenntniss ausrecken, sich selber noch so objectiv vorkommen: zuletzt trägt er doch Nichts davon, als seine eigene Biographie." (Nietzsche: Menschliches, Allzumenschliches I, 1878, Nr. 513)

"Wenn es überhaupt die Aufgabe des Biographen ist, den Denker durch den Menschen zu erläutern, so gilt dies in ungewöhnlich hohem Masse für Nietzsche, denn bei keinem Andern fallen äusseres Geisteswerk und inneres Lebensbild so völlig in Eins zusammen." (Andreas-Salomé: Friedrich Nietzsche in seinen Werken, 1894, S. 4)

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Der bereits von 'geistiger Umnachtung' gezeichnete Nietzsche stand in seinem 50. Lebensjahr, als die 16 Jahre jüngere, einst von ihm innig umworbene Lou Andreas-Salomé 1894 ihr Buch Friedrich Nietzsche in seinen Werken veröffentlichte. Die schicksalhafte Begegnung Nietzsches (1844-1900), dessen Geburtstag sich am 15. Oktober zum 175. Mal jährt, mit Lou von Salomé (1861-1937) lag da inzwischen 12 Jahre zurück. Im April 1882 hatten sich beide auf Initiative der Nietzsche-Freunde Paul Rée und Malwida von Meysenbug in Rom kennengelernt. Nietzsche war von der Erscheinung und dem ganzen Wesen Lous derart bezaubert, dass er ihr sogleich einen Heiratsantrag übermitteln ließ. Lou lehnte ab. In den folgenden Monaten kam es zu weiteren persönlichen Begegnungen in Oberitalien, der Schweiz und in Mitteldeutschland. Nach einem letzten Treffen in Leipzig Anfang November 1882 trennten sich, ohne dass sie es zu diesem Zeitpunkt schon ahnten, die Wege Nietzsches und Lou von Salomés für immer.

"Ihr Gedanke einer Reduktion der philosophischen Systeme auf Personal-Acten ihrer Urheber," schrieb Nietzsche in einem Brief vom 16. September 1882 an Lou von Salomé, den diese ihrem Nietzsche-Buch anstatt eines Vorwortes als Faksimile vorausgehen ließ, "ist recht ein Gedanke aus dem 'Geschwistergehirn' […]." Lou hatte diesen Gedanken unmittelbar auf Nietzsche selbst angewandt. Sie war der festen Überzeugung, dass allein aus den "Hauptzügen von Nietzsches geistiger Eigenart" seine Philosophie und ihre Entwicklung begriffen werden könne. Ein (nicht überlieferter) "Entwurf zu einer Charakteristik Nietzsches" hatte Lou von Salomé gleich nach ihrem mehrwöchigen Aufenthalt mit Nietzsche im unweit von Jena gelegenen Tautenburg (7.-26. August 1882) ausgearbeitet und wenige Wochen später mit ihm in Leipzig durchgesprochen. Er sollte schließlich die Keimzelle für Lous Nietzsche-Buch bilden.

Hierbei handelt es sich um den ambitionierten Versuch, Nietzsches Gesamtwerk mitsamt seinen Entwicklungen und Wandlungen ganz aus der Person des Dichterphilosophen heraus psychologisierend zu entschlüsseln. Mit dieser Vorgehensweise war Andreas-Salomé gleichsam die Vorläuferin der Psychoanalyse Sigmund Freuds, dessen Schülerin sie später wurde. Unabhängig davon stellt das Werk rezeptionsgeschichtlich die erste umfassende Gesamtdarstellung von Leben und Werk Nietzsches überhaupt dar. Lou Andreas-Salomé konnte hierfür nicht nur auf ihre umfassende Textkenntnis, sondern auch auf persönliche Briefe, Gespräche und Erlebnisse mit Nietzsche zurückgreifen. Mit der Beigabe gleich zweier Nietzsche-Bildnisse und dreier faksimilierter Nietzsche-Briefe aus ihrem Privatfundus kam Lou zugleich dem gesteigerten Bedürfnis der Zeit nach 'authentischen' Bild- und Textzeugen Nietzsches nach, - einer Zeit, in der das öffentliche Desinteresse an Nietzsches Büchern nach seinem geistigen Zusammenbruch in Turin (Januar 1889) geradezu in einen Nietzsche-Boom umschlug.

Reproduktionsvorlage für das dem Titelblatt als Frontispiz vorangestellte Bildnis (Abb. 1) war eine Porträtfotografie, die Nietzsche Anfang September 1882 in Naumburg nach dem Aufenthalt mit Lou in Tautenburg anfertigen und ihr als Freundschaftsgabe zukommen ließ. Bei dem zweiten Bildnis (Abb. 2), das zwischen Inhaltsverzeichnis und Vorwort eingefügt wurde, handelt es sich um einen stark retouchierten und vergrößerten Ausschnitt aus dem berühmt-berüchtigten 'Peitschen-Foto', das Nietzsche zusammen mit Paul Rée und Lou von Salomé zeigt. Es entstand im Mai 1882 auf Veranlassung Nietzsches in Luzern, wurde der Öffentlichkeit aber erst 1938 nach Andreas-Salomés Tod zugänglich gemacht. Die unter dem Porträt befindliche faksimilierte Unterschrift ist einem Brief Nietzsches an Paul Rée (Ende Juli 1879) entnommen: "Friedrich Nietzsche, ehemals Professor | jetzt fugitivus errans [umherirrender Flüchtiger]."

Lou Andreas-Salomés vielbeachtetes Nietzsche-Buch stieß bei den Zeitgenossen und in der Nietzsche-Forschung auf durchaus geteiltes Echo. Ungeachtet dessen bleibt es sowohl als zentrale Wegmarke in der Geschichte der Nietzsche-Deutung als auch als lebendiges Zeugnis der persönlichen Begegnung mit Nietzsche von bleibendem Interesse.

Das Exemplar der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek verdient jedoch noch unter einem ganz anderen - provenienzgeschichtlichen - Blickwinkel gesonderte Aufmerksamkeit. Ausweislich des auf dem vorderen Vorsatz eingeklebten Exlibris (Abb. 3) stammt es aus der Privatbibliothek des Philosophen Heinrich Rickert (1863-1936). Rickert war einer der Hauptvertreter der sogenannten Südwestdeutschen Schule des Neukantianismus, die insbesondere an den Universitäten von Freiburg i. Br., Straßburg und Heidelberg wirkmächtig war. In seinen jungen Jahren war er begeisterter Nietzsche-Leser. Fern aller Nietzsche-Verherrlichung präsentierte er seinem Schülerkreis noch als gestandener Heidelberger Ordinarius stolz die Erstdrucke des Zarathustra (1883-1885), die er als Student gekauft hatte.

Das vorliegende, vermutlich um die Jahrhundertwende entstandene Exlibris zeigt eine blütenbekränzte Frau (Brustbild) bei der Lektüre eines Buches ("Autonomia"). Im Bildhintergrund ist das Freiburger Münster (Ansicht von Norden) zu erkennen. Das Monogramm "SR" in der linken unteren Ecke gibt Aufschluss über die Exlibris-Künstlerin. Es wurde offenkundig von Sophie Rickert (geb. Keibel, 1864-1951) entworfen, der als Künstlerin heute nur noch rudimentär greifbaren Ehefrau Rickerts, die in Berlin, Florenz und Rom ihre künstlerische Ausbildung als Bildhauerin erhielt.


Signatur: 2012 NA 5023 [ThULB-Suche]

Ansprechpartner: Dr. Uwe B. Glatz





Abb. 1: Titelblatt und Frontispiz mit Nietzsche-Porträt aus dem Jahre 1882
Abb. 2: Retouchierter Porträtausschnitt aus dem Luzerner ‚Peitschen-Foto‘ (Mai 1882) mit faksimilierter Unterschrift Nietzsches (Juni 1879)
Abb. 3: Das Exlibris Heinrich Rickerts auf dem vorderen Anpappblatt
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