Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek

ThULB Jena - Thüringer Universitäts und Landesbibliothek

Objekt des Monats: November 2019

vom 01.11.2019 bis 30.11.2019

ZUR ERINNERUNG AN EMIL HÜBNER (1834-1901) und RUDOLF HÜBNER (1864-1945)
RUDOLF HÜBNER: VORBEMERKUNG ZU DEN ERINNERUNGEN SEINES VATERS EMIL HÜBNER. JENA, 30. MAI 1935

Im Herbst 2018 kam ein kleiner, aber sehr wertvoller Nachlass an die Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek. Die Söhne des bedeutenden Staats- und Kirchenrechtlers Rudolf Smend (1882-1975) schenkten der ThULB Lebensdokumente und Korrespondenzen, die ihr Großvater Rudolf Hübner (1864-1945) hinterlassen hatte. Hübner war Rechtshistoriker und Verfassungsrechtler. Mit der von ihm und seinem Freund, dem Altgermanisten Andreas Heusler (1865-1940), herausgegebenen und vermehrten Neuauflage von Jacob Grimms "Deutschen Rechtsaltertümern" erwarb er sich einen wissenschaftlichen Ruf, der ihn auf mehrere Lehrstühle an deutschen Universitäten führte. Er lehrte zunächst als Extraordinarius in Bonn, später als Ordinarius in Rostock, Gießen und Halle. Im Jahr 1921 wurde er an die Universität Jena berufen. Seine wichtigste Veröffentlichung waren die "Grundzüge des deutschen Privatrechts" (1908, 51930), ein Standardwerk im deutschen Sprachraum. Anders als viele Universitätsjuristen stellte sich Hübner nach 1918 nicht gegen die Weimarer Republik. In mehreren Studien erläuterte er ihre Verfassung und wies darauf hin, dass der neue Staat in ihr ein gutes Grundgesetz habe. Unter seinen Kollegen galt Hübner als Demokrat. Nach der Emeritierung 1934 schrieb er seine Erinnerungen (über 2000 eng beschriebene Seiten) und transkribierte und redigierte die Erinnerungen seines Vaters Emil Hübner (1834-1901). Dieser war Professor für klassische Philologie an der Universität Berlin und trat vor allem als Erforscher lateinischer Inschriften hervor. Verheiratet war er mit der Tochter des von 1851 bis 1859 in Jena lehrenden Historikers Johann Gustav Droysen (1808-1884). Wir erfahren aus den Aufzeichnungen viel über seine familiären Prägungen, seinen Weg in die Wissenschaft und seine Beziehungen zu Theodor Mommsen und Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff, zwei Gelehrten von Weltgeltung. Und doch war es dem Sohne nicht möglich, diese außerordentliche Quelle zum Druck zu befördern. Zu den Verwandten der beiden Hübners gehörten nicht nur Droysen und der zu seiner Zeit sehr bekannte Maler Julius Hübner (1806-1882), sondern auch Angehörige der Familien Friedlaender, Fischel, Itzig, Levy und Mendheim. Emil Hübner hatte zahlreiche jüdische Bankiers, Händler, Fabrikanten und Stadträte zu Vorfahren.

Rudolf Hübner schloss seine Vorbemerkungen zur Arbeit des Vaters mit der Bemerkung, die wir hier präsentieren:

"In unseren Tagen, wo der Antisemitismus in Deutschland zu einer seit dem Mittelalter nicht mehr, ja damals kaum gekannten Schärfe und Niederträchtigkeit gediehen ist, werden diese Aufzeichnungen selbst im Kreise der engsten Familie keine Verbreitung - etwas durch Maschinenschrift - finden können. Doch ich erwarte mit Bestimmtheit, daß die heute herrschenden Anschauungen und Zustände anderen Platz machen werden, mögen auch noch Jahre oder Jahrzehnte darüber hingehen. Dann werden meine Kinder und Enkel sich nicht zu scheuen brauchen, sich offen zu ihren jüdischen Vorfahren zu bekennen, unter denen sich so viele ausgezeichnete Männer und Frauen befunden haben. […] Vielleicht gestatten in späteren Zeiten einmal Umstände und Mittel eine Vervielfältigung von Papas Aufzeichnungen, sei es durch Maschinenschrift, sei es gar durch Privatdruck, für alle Beteiligten und Interessierten."

Jena, 30. Mai 1935

Himmelfahrtstag


Signatur: Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek Jena, Nachlass Rudolf Hübner, Kasten 1.

Ansprechpartner: Dr. Uwe Dathe, Tel. +49 3641 9-404 048

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