Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek

ThULB Jena - Thüringer Universitäts und Landesbibliothek

Objekt des Monats: Mai 2020

vom 01.05.2020 bis 31.05.2020

Johann Michael Moscherosch: Wunderliche Warhafftige Gesichte Philanders von Sittewald […], Straßburg: Mülbe u. Städel 1650

Das Jahr 2018 war das Gedenkjahr des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648), in dessen Verlauf auf vielfältige Weise an den Kriegsbeginn 400 Jahre sowie die Unterzeichnung des Westfälischen Friedens 370 Jahre zuvor erinnert wurde. Dabei wird nur allzu leicht übersehen, dass auch 2020 ein Gedenkjahr ist: 1650, also wiederum vor 370 Jahren, fanden die Nachverhandlungen der Friedensvereinbarungen im Rahmen des "Friedensexekutionskongresses" in Nürnberg mit dem "Reichs-Friedens-Rezess" und einem großen Festakt ihren Abschluss.

Dieses positive Ereignis sollte allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Zeit existenzieller Bedrängnis keineswegs vorüber war und die Folgen oder Begleiterscheinungen des Krieges wie Armut, Gewalt, Hexenverbrennungen und Epidemien nach wie vor das Leben der Menschen prägten.

In der während und infolge des Dreißigjährigen Krieges entstandenen Literatur fand das durch "Feuer / Pest / und Tod" (Andreas Gryphius, Thränen des Vaterlandes, 1637/63) bedingte apokalyptische Lebensgefühl eines Schreckensjahrhunderts seinen Ausdruck. Angesichts aktueller Berichte über Kriege, Krankheiten und Klimakatastrophen scheint es mehr als lohnend, sich der literarischen Epoche des Barocks mit ihren krisenbewussten und ästhetisch anspruchsvollen, abgesehen von den Werken einiger 'Klassiker' wie etwa Andreas Gryphius' (1616-1664) oder H. J. C. Grimmelshausens (1622-1676) jedoch in weiten Teilen aus dem heutigen Bewusstsein verschwundenen literarischen Hervorbringungen zuzuwenden.

Einer dieser inzwischen weitgehend in Vergessenheit geratenen Texte ist Johann Michael Moscheroschs (1601-1669) Hauptwerk "Wunderliche Warhafftige Gesichte Philanders von Sittewald". Dabei handelt es sich um eine in Anlehnung an die 1627 publizierten "Sueños" des spanischen Autors Francisco de Quevedo y Villegas (1580-1645) verfasste und ab 1640 veröffentlichte Sammlung von insgesamt vierzehn satirischen Erzählungen, welche die Grauen des Krieges sowie die gesellschaftlichen Verhältnisse, unter denen diese geschehen sind, behandelt. Der heute nahezu unbekannte Moscherosch war zu Lebzeiten berühmter als Grimmelshausen; seine "Gesichte" haben dessen Schelmenroman "Simplicissimus Teutsch" (1668) stark beeinflusst. In der vor 370 Jahren erschienenen Ausgabe von 1650 sind die "Gesichte" Moscheroschs unser Objekt des Monats Mai.

Als besonders bedeutend gilt das sechste, "Soldaten-Leben" titulierte Kapitel des zweiten Teils der "Gesichte", in dem der Protagonist Philander mit einer Gruppe plündernder Soldaten durchs Land zieht, wobei die Brutalität ihres Vorgehens eindrucksvoll zur Darstellung gelangt.

Der hier abgebildete Kupferstich zeigt den "Schwartzen Bschiderich" ("Bschiderich" ist Gaunersprache und bedeutet, wie ein Glossar im Text verrät, Amtmann) kurz vor dem Überfall durch die Marodeure. Die Szene hat einen autobiographischen Hintergrund: Wegen ausbleibender Lohnzahlung sah sich der als herzoglicher Amtmann tätige Moscherosch gezwungen, selbst Landwirtschaft zu betreiben und seine Knechte bei der Feldarbeit schwerbewaffnet vor Räubern zu schützen. Im Text heißt es dazu:

"Er selbst stunde mit dreyen Rohren und einem Fäustling in hie-beygesetzter Postur: In welcher Postur er etlich Jahr, mit Gefahr seines Lebens, ihm unnd seinen Kindern, das Brod auff dem Acker sorglich unnd säuerlich erringen müssen." (611)

Gleichwohl verlor Moscherosch, wie in "Soldaten-Leben" geschildert, 1641 bei einem Überfall nahezu seinen gesamten Besitz und kam nur knapp mit dem Leben davon.

Signatur: 8 Hist.un.VIII,21 :2

Ansprechpartner: Dr. Boris Hoge-Benteler

Literatur:

Johann Michael Moscherosch: Unter Räubern. Soldatenleben. Herausgegeben und bearbeitet von Walter E. Schäfer. Karlsruhe: Braun 1996. [ThULB Suche]

 | ThULB Suche | Online-Katalog | Benutzerkonto