Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek

ThULB Jena - Thüringer Universitäts und Landesbibliothek

Objekt des Monats: Mai 2019

vom 01.05.2019 bis 31.05.2019

NICOLO MACHIAVELLI: TVTTE LE OPERE. DIVISE IN V. PARTI, ET DI NVOVO CON SOMMA ACCVRATEZZA RISTAMPATE. [s.l.]: [s.n.], M. D. L.


"Viele haben sich Republiken und Fürstentümer vorgestellt, die nie jemand gesehen oder tatsächlich gekannt hat; denn es liegt eine so große Entfernung zwischen dem Leben, wie es ist, und dem Leben, wie es sein sollte, daß derjenige, welcher das, was geschieht, unbeachtet läßt zugunsten dessen, was geschehen sollte, dadurch eher seinen Untergang als seine Erhaltung betreibt; denn ein Mensch, der sich in jeder Hinsicht zum Guten bekennen will, muß zugrunde gehen inmitten von so viel anderen, die nicht gut sind. Daher muß ein Fürst, wenn er sich behaupten will, die Fähigkeit erlernen, nicht gut zu sein, und diese anwenden oder nicht anwenden, je nach dem Gebot der Notwendigkeit." (Übers.: Philipp Rippel)

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Es sind Sätze wie diese aus dem ebenso berühmten wie berüchtigten Il Principe (Der Fürst) von Niccolò Machiavelli (1469-1527), die dessen Fama als illusionslosen, erfolgspragmatisch orientierten Denker des Politischen und zynischen Realisten begründet haben. Das aktuelle Objekt des Monats erinnert an den hochrangigen Florentiner Staatsdiener und Schriftsteller, den Historiker und politischen Denker, dessen Geburtstag sich am 3. Mai 2019 zum 550. Mal jährt. Es verdient sowohl in rezeptions- als auch in druck- und provenienzgeschichtlicher Hinsicht Aufmerksamkeit und weiß mit mancher Überraschung und Besonderheit aufzuwarten.

In erster Linie war Machiavelli ein homo politicus. Im Zenit seiner aktiven politischen Laufbahn bekleidete er von 1498 bis 1512 das Amt des Sekretärs der Republik Florenz. Gleichzeitig war er Vorsteher der Zweiten Staatskanzlei, in deren Zuständigkeit die Außenpolitik, das Militär- und Kriegswesen sowie - überaus heikle - diplomatische Missionen fielen. Nach dem Sturz der Republik im Jahre 1512 und der Rückkehr der seit 1494 verbannten Herrscherfamilie der Medici wurde Machiavelli des Amtes enthoben und kurz danach wegen Verdachts der Teilnahme an einer Verschwörung gegen die Medici gefangen genommen und gefoltert. Aus dem Gefängnis freigelassen zog sich Machiavelli im Frühsommer 1513 mit Frau und fünf Kindern auf sein kleines, ererbtes Landgut in Sant' Andrea in Percussina südlich von Florenz zurück. Hier widmete er sich überwiegend seinen schriftstellerischen Arbeiten, die er jedoch stets nur als trauriges Surrogat für ein verwehrtes praktisches politisches Leben empfand. In den Jahren des erzwungenen Ruhestands sind seine bedeutendsten, durchweg nicht im gelehrten Latein, sondern in der Volkssprache des toskanischen Italienisch verfassten Werke entstanden: neben den beiden Hauptwerken, dem Principe (1513) und den Discorsi sopra la prima deca di Tito Livio (Erörterungen über die ersten 10 Bücher [der Römischen Geschichte] des Titus Livius; 1513-19), auch die bis heute immer wieder aufgeführte Komödie La Mandragola (Die Alraunwurzel; 1518), seine Dell'arte della guerra (Gedanken über die Kriegskunst; 1519-20) und die - nach Machiavellis erneuter Annäherung an das Haus der Medici in deren Auftrag verfasste - Istorie fiorentine (Geschichte von Florenz; 1520-25). Nach der abermaligen Beseitigung des Regiments der Medici im Jahre 1527, unter denen Machiavelli schließlich doch noch mit einigen, allerdings meist wenig bedeutenden Aufträgen politisch rehabilitiert worden war, erhoffte er sich im republikanischen Florenz wieder hohe politische Ämter. Galt 1512 Machiavelli den Medici noch als fanatischer Republikaner, so machte jetzt sein Ruf als Feind der Freiheit und Werkzeug der Medici seine Ambitionen zunichte. Noch im gleichen Jahr verstarb Machiavelli arm und voller Verzweiflung über sein politisches Schicksal.

Heute firmiert Machiavelli als Klassiker des politischen Denkens par excellence. Und die Tradition der neuzeitlichen politischen Philosophie verblasst gleichsam zu einer Reihe von Fußnoten zum Werk des großen Florentiner Staatsdenkers, das bis in unsere Tage nichts von seinem Erkenntniswert und Irritationspotential eingebüßt hat.

Zu Lebzeiten kursierten Machiavellis politische Hauptwerke nur in wenigen Abschriften in den Kreisen des Florentiner Patriziats. Außer der Kriegskunst, die bereits 1521 ans Licht der Öffentlichkeit trat, wurden sie erst postum in den 1530er Jahren in der römischen Offizin von Antonio Blado und versehen mit dem Druckprivileg des Medici-Papstes Clemens VII. (1478-1534) veröffentlicht. Insbesondere das Erscheinen des Principe 1532 erregte in der europäischen res publica literaria eine Aufmerksamkeit sondergleichen. Sie begründete früh Machiavellis Negativimage als angeblicher Lobredner der Tyrannei, skrupelloser Theoretiker der Macht und ketzerischer Kirchenkritiker. Sein Menschenbild sei unchristlich und menschenverachtend, hieß es, seine Lehre beinhalte eine Anleitung zur Despotie und sei schlichtweg amoralisch und gottlos. (Friedrich Nietzsche wird Machiavelli später - eine andere Rezeptionslinie beschreitend - als einen der "Höhepunkte der Redlichkeit" preisen.) Der Principe, so meinte der englische Kardinal Reginald Pole 1539 gar zu wissen, sei mit den Fingern des Teufels geschrieben (Satanae digitis scriptum). Angesichts dieser Vorbehalte braucht es nicht zu verwundern, dass sich sämtliche Schriften Machiavellis im Jahre 1559 auf dem im Auftrage Papst Paul IV. von der Römischen Inquisition hergestellten ersten Index der verbotenen Bücher (Index librorum prohibitorum) wiederfanden. Wer indizierte Autoren herausgab, verlegte, druckte oder verkaufte, sah sich von nun an der Gefahr von Sanktionen bis hin zur Strafe der Exkommunikation und der Konfiskation entsprechender Ware ausgesetzt. Das Erscheinen neuer Machiavelli-Ausgaben war in katholischen Gebieten, wo der Index, wie in Italien, obligatorische Geltung besaß, damit auf lange Zeit so gut wie unmöglich.

Mit der von Machiavelli im Principe gehuldigten Fuchsnatur des Fürsten haben die Drucker der sogenannten Testina-Editionen, zu denen auch unser Objekt des Monats gehört, das Indizierungsproblem jedoch listig umgangen. Im Zeitraum von etwa 1615 bis etwa 1660 sind insgesamt fünf verschiedene Testina-Editionen (Testina A bis E) in Umlauf gebracht worden. Um den Schein einer alten Ausgabe zu evozieren, wurde das Erscheinungsjahr auf dem Titelblatt großzügig auf das Jahr 1550 (M. D. L.) vordatiert. Der Verschleierung der Herkunft diente das Verschweigen von Herausgebern, Druckorten und Druckern. Bei Testina A, B und C wurde kurzerhand zusätzlich das für die Bladoschen Erstdrucke der 1530er Jahre gewährte päpstliche Druckprivileg usurpiert. Das namensgebende Charakteristikum aller fünf Ausgaben ist allerdings das Holzschnitt-Porträt auf dem Titelblatt (ital. testina: Kopf, Köpfchen). Als vermeintliches Machiavelli-Bildnis ist es erstmals in einer Edition von Machiavellis Discorsi aus dem Jahre 1540 (Venetia: Comin de Trino) nachweisbar, dort noch zusätzlich seitlich umrahmt von den Initialen N. und M. Das Bildnis fand in den Folgejahren mehrfach in Machiavelli-Ausgaben Verwendung und schließlich in den Testina-Editionen seinen prominentesten Platz. Auch wenn ein Machiavelli-Bildnis ad vivum nicht überliefert ist, galt es lange als authentisches Porträt des Florentiner Staatssekretärs. Pate für das Porträt der Discorsi-Ausgabe von 1540 stand allerdings eine ganz andere Person. Der Buchkünstler des Discorsi-Porträts adaptierte nämlich schlicht ein Bildnis von Adriano Fino (1431-1517), das zwei Jahre zuvor als Titelholzschnitt dessen Werk In Iudaeos Flagellum Ex Sacris Scripturis Excerptum (Venetiis: de Nicolini de Sabio, 1538) zierte.

Bei den Tvtte Le Opere betitelten Ausgaben mit dem fingierten Erscheinungsjahr 1550 handelt es sich um die erste Machiavelli-Gesamtausgabe überhaupt. Sie versammelt alle bis dahin erschienenen Schriften des Autors und sollte bis weit ins 19. Jahrhundert hinein die maßgebende Machiavelli-Edition bleiben. Rein äußerlich zerfallen die fünf Testina-Drucke dadurch in zwei Gruppen, dass sie zwei verschiedene Typen von Titelblättern aufweisen: ohne (Testina A, B und C) bzw. mit Widmung für Papst Clemens VII. (Testina D und E). Untrügliches Alleinstellungsmerkmal der Testina-C-Edition, der das vorliegende Exemplar zuzuordnen ist, sind jedoch die Zwischentitelblätter vor den fünf in ihr enthaltenen Teilen. Im Gegensatz zu den anderen vier Testina-Drucken weisen sie durchweg weder das Pseudo-Machiavelli-Porträt noch die Jahresangabe M. D. L. auf. Da von Edition C darüber hinaus zwei Druckvarianten existieren, die getreuliche Angaben zu Verlagsort und Drucker aufweisen, lässt sich auf dieser Grundlage näherungsweise auch das Erscheinungsjahr dieser Ausgabe bestimmen. Bei Testina C handelt es sich demnach um eine in Genf veranstaltete Ausgabe des Buchdruckers Pierre Aubert (1583-1636) oder Pierre Chouët (ca. 1580 - 1648) aus der Zeit um 1635.

Der voluminöse, über 1.130 Seiten starke Quartband mit der Signatur 4 Polit.I,4 stammt ausweislich der handschriftlichen Notiz auf dem Titelblatt - Jo[hann]. Andr[eas]. Bosius || emi h[unc]. l[ibrum]. Lipsiae || A[nno]. 1658. m[ense]. Octobri. (Ich, Johann Andreas Bosius, habe dieses Buch zu Leipzig im Jahre 1658 im Monat Oktober gekauft.) - sowie der Altsignatur auf dem vorderen Vorsatz (Bos q. 539) aus der Privatbibliothek des Universalgelehrten Johann Andreas Bose (1626-1674). Bose hatte an der Universität seiner Geburtsstadt Leipzig sowie in Wittenberg und Straßburg studiert und seit 1656 den Lehrstuhl für Geschichte an der Alma Mater Jenensis inne. Hier bekleidete er fünf Mal das Amt des Dekans der Philosophischen Fakultät. Im Sommersemester 1661 war er Rektor der Salana. Nach seinem Tod erwarb die Universität die rund 3.000 Handschriften und Drucke umfassende Privatsammlung des bibliophilen Polyhistors, die sogenannte Bibliotheca Bosiana, für 2.000 Taler.

Signatur: 4 Polit.I,4 [Online-Katalog]

Digitalisat (Exemplar der Biblioteca Nazionale Centrale di Firenze)

Ansprechpartner: Dr. Uwe B. Glatz

Abb. 1: Titelblatt mit fingiertem Erscheinungsjahr, Pseudo-Machiavelli-Porträt und handschriftlichem Kaufvermerk J. A. Boses von 1658 (4 Polit.I,4)
Abb. 2: Das Inhaltsverzeichnis (4 Polit.I,4)
Abb. 3: Das usurpierte päpstliche Druckprivileg für den Drucker A. Blado von 1531 (4 Polit.I,4)
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