Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek

ThULB Jena - Thüringer Universitäts und Landesbibliothek

Objekt des Monats: März 2020

vom 01.03.2020 bis 31.03.2020

Zur Erinnerung an Walter Eucken

Brief von Paul Hermberg an Edith Eucken. Frankfurt, 26. März 1950

Als Walter Eucken, geboren am 17. Januar 1891 in Jena, auf einer Vortragsreise am 20. März 1950 in London überraschend verstarb, verlor die deutsche Nationalökonomie eine ihrer herausragenden Persönlichkeiten. Sein wissenschaftliches Werk wurde seit Mitte der zwanziger Jahre weltweit rezipiert. Das belegen u.a. Euckens Korrespondenzen mit Maurice Allais, Karl Brunner, Gerhard Colm, Luigi Einaudi, Gottfried Haberler, Friedrich August von Hayek, John Hicks, Karl Jaspers, Frank Knight, Fritz Machlup, Ludwig von Mises, Hans Neisser, Bertil Ohlin, José Ortega y Gasset, Lionel Robbins, Wilhelm Röpke, Jacques Rueff, Erich Schneider, Alfred Schütz, Joseph Alois Schumpeter, Heinrich von Stackelberg, George Stigler, Jan Tinbergen und vielen anderen Ökonomen, Soziologen und Philosophen. Nach dem Ende des Nationalsozialismus sahen Gelehrte und Politiker, Journalisten und Gewerkschafter in ihm nicht nur den bedeutenden Wissenschaftler, sondern auch einen Repräsentanten der Deutschen, die Hitler widerstanden hatten.

Ein bewegendes Zeugnis der Wertschätzung Euckens ist der Kondolenzbrief des Ökonomen Paul Hermberg (1888-1969) an Edith Eucken (1896-1985). Hermberg gehörte zu den angesehensten Statistikern des 20. Jahrhunderts. Er wurde 1913 bei Ferdinand Tönnies in Kiel promoviert, habilitierte sich 1921 ebendort. Hermberg, der 1919 der SPD beigetreten war, engagierte sich als Privatdozent in der wissenschaftlichen Ausbildung von Gewerkschaftern und sozialdemokratischen Arbeitern. 1922 wurde er zum Direktor der Staatlichen Fachschule für Wirtschaft und Verwaltung in Berlin ernannt, wechselte 1923 ins Statistische Reichsamt, leitete ab 1924 das Volksbildungsamt in Leipzig und lehrte ab 1925 zudem als außerordentlicher Professor an der Universität Leipzig. Zum 1. April 1929 wurde Hermberg auf den Lehrstuhl für Statistik der Thüringischen Landesuniversität Jena berufen. In seiner Jenaer Zeit verfasste Hermberg vor allem Arbeiten zur Konjunkturtheorie, zur Statistik und allgemeinen Wirtschaftsordnung. Bereits 1933 schied Hermberg aus dem Lehrkörper der Universität aus. Als die Landesregierung im März 1933 von allen Universitätsangehörigen verlangte, aus "marxistischen und pazifistischen Organisationen" auszutreten bzw. schriftlich ihre Nichtzugehörigkeit zu erklären, verweigerte er diese Erklärung. Er schrieb dem Rektor am 25. März 1933 nicht nur, dass er diese Erklärung nicht abgebe, sondern teilte ihm auch mit, dass er als Hochschullehrer moralisch verpflichtet sei, zu seinen Überzeugungen zu stehen, und er deshalb den vom "Staatsministerium geforderten Austritt aus der Sozialdemokratischen Partei" nicht vollziehen könne. Daraufhin wurde er aus dem Dienst entlassen. Er gehörte sozialdemokratischen Widerstandsgruppen am und emigrierte 1936 nach Kolumbien, wo er als Wirtschaftsberater der Regierung tätig war. 1939 ging er in die USA, wo er ebenfalls die Regierung in Wirtschaftsfragen beriet. Nach 1945 war er maßgeblich an der Durchführung des Marshall-Plans beteiligt. Mitte der 1950er Jahre wirkte er als Honorarprofessor an der Freien Universität Berlin, kehrte aber 1959 in die USA zurück, wo er bis zu seinem Tode in Berkeley lebte.

Eucken und Hermberg lernten sich im Ersten Weltkrieg kennen. Die Entscheidung des Freundes in die SPD einzutreten, kommentierte der nationalkonservative Eucken 1919 als "etwas blödsinnig". Den wissenschaftlichen Gedankenaustausch und den freundschaftlichen Verkehr schränkten die unterschiedlichen politischen Standpunkte nicht ein. Im April 1933 protestierte Eucken im Weimarer Ministerium gegen die Entlassung Hermbergs. Über einen gemeinsamen Schüler, den im Brief erwähnten Hermannus Siefkes, blieben sie während Hermbergs Emigration in Kontakt. Und es war, wie Eucken 1946 schrieb, Hermbergs Engagement für eine neue Ordnung nach dem Ersten Weltkrieg, die ihm den Anstoß für sein politisches Engagement nach dem Zweiten Weltkrieg gab. Hermberg, der Sozialist, und Eucken, der Liberale, stritten über die Gestaltung der Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung nach 1945, waren sich aber einig, dass sie als Wissenschaftler gefordert waren, am politischen Neuaufbau Deutschlands teilzunehmen. Im wissenschaftlichen und wirtschaftspolitischen Streit versuchten sie nicht, sich in einer imaginären Mitte zu treffen, sondern die andere Position zum Anlass zu nehmen, selbst schärfer zu denken und besser zu argumentieren.

Die folgenden Zeilen aus dem Brief sagen viel über Eucken, Hermberg und ihr Verhältnis aus:

"In all den Jahren des Umherirrens im Ungewissen habe ich immer an Eucken gedacht als an einen der ganz wenigen Zuverlässigen, die mir in Deutschland geblieben waren. Und dies Gefühl verstärkte sich bei jedem der kurzen Zusammentreffen, die wir in den letzten Jahren hatten.

Ich wusste, dass mir in ihm ein guter Kamerad und treuer Freund geblieben war, auf den ich unbedingt in jeder Lage und über alle politischen Konstellationen hinweg zählen konnte. Was das bedeutet, wenn man zwischen den Kontinenten treibt, kann nur jemand abmessen, der einmal gezwungen gewesen ist, alle Traditionen und alle Bindungen fahren zu lassen.

[…]

Aber vielleicht ist es Ihnen doch ein kleiner Trost, wenn Sie noch einmal von mir wie von vielen andern hören wieviel uns Eucken nicht nur als Wissenschaftler, sondern mehr noch als Muster eines aufrechten, starken und geformten Menschen bedeutet."

Signatur: Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek Jena, Nachlass Edith Eucken, Korrespondenz.

Ansprechpartner: Dr. Uwe Dathe, Tel. 03641 9-404 048

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