Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek

ThULB Jena - Thüringer Universitäts und Landesbibliothek

Objekt des Monats: Juni 2019

vom 01.06.2019 bis 30.06.2019

Leonardo da Vinci in deutscher Übersetzung von 1724

Über Leonardo da Vinci, der am 15. April 1452 geboren wurde und am 2. Mai 1519, also vor 500 Jahren, starb, scheint schon alles gesagt - mitunter mehr, als tatsächlich historisch abgesichert ist -, und es gibt kaum einen Superlativ, den man nicht auf ihn bezogen hätte. Die Fülle an Literatur und Auslassungen zu diesem vielfach Befähigten täuscht darüber hinweg, dass einige zentrale Fragen zu seiner Person und zu seinem in Teilen verlorenen Werk ungeklärt bleiben müssen, wie dies angesichts eines mehr als halbtausendjährigen Zeitabstands schlechterdings nicht anders sein kann. Inwieweit der Mensch Leonardo seinem von der Nachwelt über die Jahrhunderte geformten Bild entsprochen hat, ist nicht mehr verlässlich zu beurteilen. Hier spielt mit hinein, dass früher unter Umständen die interpretierende Rezeption seines Werks für das Narrativ vom Künstlergenie prägender war als Dokumente von der Hand des Meisters selbst.

Dies gilt auch für das Objekt des Monats, die früheste in der ThULB Jena vorhandene Ausgabe eines "Leonardo-Werks" (im Sinne eines schriftlichen Traktats), die zwar Leonardos Namen im Titel führt, aber nur sehr bedingt auf ihn zurückgeht. Es handelt sich um den Druck "Des vortreflichen Florentinischen Mahlers Lionardo Da Vinci höchst-nützlicher Tractat von der Mahlerey. Aus dem Italiänischen und Frantzöischen [!] in das Teutsche übersetzet; Auch nach dem Original mit vielen Kupfern und saubern Holtzschnitten versehen: und mit beygefügtem Leben des Auctoris zum Druck befördert, von Johann Georg Böhm. Sen.", 1724 in Nürnberg erschienen. Das Exemplar der ThULB ist in Pergament gebunden; es gehörte früher zur Bibliothek des Jenaer Schlosses. Der Verleger des Werks war Christoph Weigel (1654-1725), eine der prägenden Figuren des Nürnberger Buchwesens seiner Zeit. Er war ein Neffe des berühmten Jenaer Mathematikprofessors Erhard Weigel (1625-1699), hatte in Jena studiert und war als Kupferstecher auch künstlerisch tätig. Die Drucklegung besorgte Lorenz Bieling († 1741). Der Quartband ist mit einem Leonardo-Porträt als Frontispiz (Abb. 1) und 57 Holzschnitt-Abbildungen, davon 28 auf ausfaltbaren Blättern (Abb. 2), ausgestattet. 1747 erfuhr das Werk in Nürnberg eine zweite und 1786 eine dritte Auflage.

Mit dem Erstdruck von 1724 wurde erstmals eine deutsche Übertragung der für lange Zeit als eine Hauptschrift Leonardos gehandelten Textsammlung "Trattato della pittura" vorgelegt. Dieser von vielen berühmten Künstlern studierte Traktat prägte bis ins 19. Jahrhundert das Bild von Leonardos Kunsttheorie maßgeblich. Dabei handelt es sich nicht um ein originäres Werk Leonardos, sondern um eine von dessen Erben Francesco Melzi (um 1491/92 - um 1570) erstellte Kompilation aus diversen, später großenteils verlorengegangenen Notizheften Leonardos zu Fragen der Malerei, ihrer Bedeutung, Lehre und Techniken. Die auf ca. 1540 datierte Urschrift des "Trattato della pittura" mit rund 220 Zeichnungen ist im Codex Urbinus Latinus 1270 der Bibliotheca Apostolica Vaticana erhalten; über 40 weitere Handschriften sind bekannt. 1651 erschien in Paris bei Giacomo Langlois die erste Druckausgabe, parallel in einer italienischen und einer französischen Textversion, mit einer teils auf Federzeichnungen von Nicolas Poussin (1594-1665) zurückgehenden Bebilderung; weitere Ausgaben in verschiedenen Sprachen folgten (Näheres: Claire Farago u.a., The Fabrication of Leonardo da Vinci's Trattato della pittura with a scholarly edition of the editio princeps [1651] and an annotated English translation, 2 Bde. Leiden/Boston 2018 sowie http://www.treatiseonpainting.org/home.html).

Die deutsche Übertragung von 1524, der eine Beschreibung des Lebens und Wirkens Leonardos vorgeschaltet ist, basiert auf der Urausgabe von 1651 sowie einer in Paris bei Pierre-François Giffart gedruckten französischen Ausgabe von 1716, deren Holzschnitte von ähnlicher Machart sind wie jene im Nürnberger Druck. Letztere sind das Werk des Dresdner kursächsischen Hofmalers und Kupferstechers Johann Georg(e) Böhm (um 1673-1746). Auf Böhm geht auch die Übersetzung ins Deutsche zurück. Allerdings entnimmt man dem (vermutlich von Weigel verfassten) "Vorbericht", dass man Böhms Übersetzung im Druck "etwas anderst antrift, als sie ihm aus der Feder geflossen ist"; seine "Verteutschung" sei "zu sehr nach der Italiänischen und Frantzöischen [!] Construction eingerichtet" und mit zu vielen Fremdwörtern versehen gewesen, "die nicht jedermann so gut wie er verstehet". So habe man "alles so gut als möglich, pur Teutsch ausdrücken müssen." Dies und kürzende Eingriffe waren mit Böhm ersichtlich nicht abgesprochen gewesen. Christoph Weigel als der gebildete Verleger und Künstler, der er war, könnte die Eingriffe durchaus selbst vorgenommen haben. Was dabei von der offenbar von größerer Werktreue geprägten Fassung Böhms übrigblieb, lässt sich nicht mehr ermessen. Seine in das Werk aufgenommenen Holzschnitte jedenfalls orientieren sich eng an den Abbildungen der Ausgabe von 1651, sind aber in ihrer Betonung der klaren Linie schematischer angelegt; aus dem französischen Erstdruck übernahm Böhm eine (seitenverkehrte) Darstellung der berühmten "Mona Lisa", welche das Kapitel "Wie man es machen soll / daß die Gesichter eine annehmliche Erhebung überkommen" illustriert (Abb. 3). Das Auffälligste des Nürnberger Drucks ist, dass der Text und die Abbildungen in eine von den vorherigen Ausgaben völlig abweichende Ordnung gebracht sind, wobei die Kapitelzählung der Referenzausgabe von 1651 in Klammern mitgeführt ist, um den Abgleich zu ermöglichen. Wie all dies zeigt, ist die deutsche Erstausgabe von 1724 das Resultat einer eigenständigen planerischen, übersetzerischen und künstlerischen Leistung mit dem Ziel, den "Trattato della pittura" für die deutsche Leserschaft aufzubereiten.

Signatur: 4 Art.lib.III,1

Ansprechpartner: Dr. Joachim Ott

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