Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek

ThULB Jena - Thüringer Universitäts und Landesbibliothek

Objekt des Monats: Juni 2018

vom 01.06.2018 bis 30.06.2018

Gedenkblatt auf Johann Joachim Winckelmann, 1783


Als vor 250 Jahren, am 8. Juni 1768, auf der Rückfahrt von der nach römischem Heimweh und großer Schwermut kurzerhand abgebrochenen Deutschlandreise der erst fünfzigjährige Johann Joachim Winckelmann in Triest einem Raubmord zum Opfer fiel, da zeigte sich die europäische Kunst- und Gelehrtenwelt bis ins Mark erschüttert. Wenige Tage zuvor noch hatte ihn Kaiserin Maria Theresia in Wien zur Audienz empfangen und ihn ehrend mit goldenen und silbernen Gedenkmünzen bedacht.

Winkelmanns Ruhm als der wohl namhafteste Kenner antiker Kunst seiner Zeit war schon zu seinen Lebzeiten legendär. Und der Lebensweg vom aus ärmlichen Verhältnissen stammenden Stendaler Schustersohn zum päpstlichen Präfekten der Altertümer in und um Rom wusste seit jeher zu faszinieren, - ein Weg, der den Dreiundzwanzigjährigen zum Studium der Medizin und Mathematik 1741/42 auch in die Universitätsstadt Jena geführt hatte.

Der große Altertumsforscher gilt als Vater der Klassischen Archäologie und Wegbereiter der neueren Kunstgeschichte im Sinne moderner, eigenständiger Wissenschaftsdisziplinen. Zugleich war er wichtiger Impulsgeber der europäischen Aufklärung, der Weimarer Klassik sowie der klassizistischen Kunst und Kunsttheorie. Seine Stellung als Gallionsfigur eines gesamteuropäischen Griechenkults (Gräkomanie) hat bis in die Gegenwart hinein nachhaltige Spuren hinterlassen. Und schließlich haben sein brillanter Schreibstil und seine viel bewunderten Kunstbeschreibungen antiker Statuen Winckelmann auch eine prominente Stelle als Schriftsteller in der deutschen Literaturgeschichte beschert. Winckelmanns wissenschaftshistorische und ideengeschichtliche Bedeutung reicht damit weit über die Klassischen Altertumswissenschaften hinaus und ist, bei allen Brechungen im Einzelnen, für die europäische Geistes- und Kulturgeschichte kaum zu überschätzen.

Als "Objekt des Monats Juni 2018" präsentieren wir ein Gedenkblatt auf Johann Joachim Winckelmann aus dem Jahre 1783 (Abb. 1, 2). Es eröffnet als Frontispiz den ersten Band der von Carlo Fea herausgegebenen dreibändigen italienischen Ausgabe (Roma: Pagliarini, 1783/84) von Winckelmanns Hauptwerk, der "Geschichte der Kunst des Alterthums". Die zweiteilige deutsche Erstausgabe war 1764 in der Waltherischen Hofbuchhandlung in Dresden erschienen.

Nach Ausweis der Bezeichnungen am unteren Rand des Blattes - "Oeser inv[enit]. Bossi inc[idit]. Roma 1783" - handelt es sich um einen Kupferstich von Giacomo Bossi nach einem Entwurf von Adam Friedrich Oeser, dem Zeichenlehrer, Freund und Hausgenossen Winckelmanns aus Dresdner Tagen (1754/55).

Die überlieferte Entwurfszeichnung Oesers (Leipzig, Museum der bildenden Künste) hatte dieser 1781 für die französische Ausgabe von Winckelmanns Kunstgeschichte in der Übersetzung von Michael Huber (3 Bde., Leipzig: Breitkopf, 1781) angefertigt. Christian Gottlieb Geyser reproduzierte die Zeichnung noch im gleichen Jahr in Kupfer für das Frontispiz des ersten Bandes von Hubers Ausgabe. Geysers im Vergleich zur Entwurfszeichnung Oesers inhaltlich geringfügig modifizierter Stich diente Bossi als unmittelbare Vorlage.

Man hat im Zusammenhang von Oesers bildkünstlerischem Werk treffend von einem "empfindsamen Klassizismus" gesprochen. Das vorliegende allegorisierende Gedenkblatt liefert hierfür ein besonders anschauliches Beispiel. Es zeigt in einer intimen parkähnlichen Szenerie ein vor Büschen und Bäumen eingebettetes Erinnerungsmal für Winckelmann in Form eines steinernen Sarkophagmonuments, an das sich eine trauernde Figur lehnt. Grafische Denkmäler wie dieses wurden in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zu einem gängigen Motiv der Buchgestaltung. Sie sind sowohl bildhafter Ausdruck des zeitgenössischen "empfindsamen" Freundschaftskultes als auch Exempel für das klassizistische Grab- und Denkmalverständnis, welches mit der kontinentaleuropäischen Hinwendung zum "englischen" Landschaftsgarten einherging.

In Bossis Stich erhebt sich ein antikischer, in groben Formen gehaltener Sarkophag mit der Namensinschrift des Geehrten auf einem mannshohen, quaderförmigen Postament. An der Längsseite des Sarkophags ist ein mit einem Feston gesäumtes Reliefmedaillon mit dem Profilbildnis Winckelmanns angebracht. Kranz und Schaft des Postaments sind weitgehend von einem herabhängenden Tuch verhüllt, - ein zeittypisches, als Bahr- oder Leichentuch zu verstehendes Trauerrequisit. Unter dem Tuch ist an der Schauseite des Postaments als Reliefschmuck schemenhaft ein Gesicht zu erkennen, das sinnbildlich für die Sonne des Ruhmes steht und dessen Strahlen an den unbedeckten Teilen der Schaftfläche sichtbar werden.

Die erste Aufmerksamkeit des Betrachters zieht gleichwohl die weibliche Figur in der rechten Bildmitte auf sich. Auf der ausladenden Fußplatte des Memorialgrabes stehend lehnt sie sich von rechts an den Sockel an. Sie stellt das Schicksal in Gestalt einer in antikisierender Trauerkleidung gehüllten Parze dar. Ein Stilett sowie zwei Medaillen in ihren Händen spielen auf Tatwaffe und Motiv von Winckelmanns Ermordung an. Zu Füßen der Parze liegen ihre Attribute: ein Wollknäuel und eine Spindel als Zeichen des gewaltsam abgerissenen Lebensfadens. Weiteres allegorisches Beiwerk verweist im linken Vordergrund auf Winckelmanns schon zu Lebzeiten vielgerühmte Leistungen als Altertumsforscher. Die am Boden liegenden Fragmente antiker Bildhauerei - Winckelmanns bildkünstlerische Leitgattung - sowie ein mit einem Efeuzweig (Sinnbild der Unsterblichkeit, Treue und Freundschaft) bedeckter Foliant stehen für antike Sach- und Textquellen als den beiden Hauptquellengattungen seiner Kunstgeschichtsschreibung.

Das nicht sonderlich fein ausgearbeitete Winckelmann-Bildnis im Porträtmedaillon geht dem Zeugnis des Herausgebers Carlo Fea zufolge - abweichend von Oesers bzw. Geysers Bildversionen, die hierfür auf eine Porträtzeichnung ad vivum von Giovanni Battista Casanova aus dem Jahre 1764 (Leipzig, Museum der bildenden Künste) zurückgriffen hatten - auf die postum angefertigte Marmorbüste Winckelmanns zurück, die der Gothaer Hofbildhauer Friedrich Wilhelm Doell im Jahre 1781 für das Pantheon in Rom geschaffen hatte und somit Bossi unmittelbar vor Augen stand (heute: Rom, Kapitolinische Museen).

Einen sehr viel lebendigeren Eindruck von Winckelmanns Physiognomie konnte sich der Käufer von Feas Edition allerdings anhand des dritten Bandes machen. Dieser wartet im Frontispiz mit einem Kupferstich von der Hand Girolamo Carattonis auf (Abb. 3). Im Brustausschnitt zeigt er das Bildnis Winckelmanns nach dem bekannten Weimarer Ölgemälde, das Anton von Maron in Winckelmanns Todesjahr in Rom angefertigt hatte (Weimar, Schlossmuseum).

Signatur: 4 Art.lib.I,4/4

Ansprechpartner: Dr. Uwe B. Glatz

Abb. 1: Objekt des Monats Juni 2018
Abb. 2: Winckelmanns „Geschichte der Kunst des Alterthums“ in der ital. Ausgabe von C. Fea; Bd. 1, 1783, Frontispiz und Titelblatt
Abb. 3: Winckelmanns „Geschichte der Kunst des Alterthums“ in der ital. Ausgabe von C. Fea; Bd. 3, 1784, Frontispiz und Titelblatt
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