Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek

ThULB Jena - Thüringer Universitäts und Landesbibliothek

Objekt des Monats: Juli 2021

vom 01.07.2021 bis 31.07.2021

DAS ERSTE SCHACHLEHRBUCH IN DEUTSCHER SPRACHE

Das 1616 beim Leipziger Buchhändler und Verleger Henning Groß d. J. im Klein-Folio-Format erschienene Werk "Das Schach- oder König-Spiel" ist nicht nur das älteste Schachlehrbuch in deutscher Sprache, sondern zugleich das älteste Schachbuch im Bestand der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek. Das weit über den Kreis der historisch interessierten Schachspieler hinaus bekannte Buch erlangte seinen heutigen Ruhm in erster Linie allerdings nicht durch seine prominente Stellung in der Geschichte der Schachpublizistik oder durch seinen schachlichen Inhalt, sondern durch die Prominenz seines Autors und seine aufwändige buchkünstlerische Ausstattung.

Es war der hochgelehrte August der Jüngere (1579-1666), Fürst von Braunschweig-Wolfenbüttel und Herzog zu Braunschweig-Lüneburg, der als 37-Jähriger - also noch vor Antritt seiner Regentschaft im Jahre 1635 - den Band unter dem anspielungsreich-spielerischen Kryptonym "Gustavus Selenus" erscheinen ließ. Den Kundigen war wohl schon bald nach Erscheinen des Buches klar, dass "Gustavus" ein Anagramm von "Avgustus" (Augustus) darstellt und mit "Selenus" auf die Stadt Lüneburg angespielt wurde. Der Nachname verweist nämlich auf die griechische Mondgöttin Σελήνη (Selene), deren römischer Name "Luna" ist. Von dieser leitete man im 16. Jahrhundert den Namen der Stadt Lüneburg - latinisiert: Luna(e)burgum, gräzisiert: Σεληνοπολις (Selenopolis) - her.

Herzog August d. J. war vermutlich auf seiner großen italienischen Bildungsreise (1598-1600) mit dem Schachspiel in Berührung gekommen. Dort hat er auch die einschlägige Literatur aus den damals führenden europäischen Schachnationen Spanien und Italien kennengelernt. In den romanischen Ländern spielte man nicht nur, wie in anderen europäischen Ländern auch, seit dem Mittelalter intensiv Schach, sondern brachte darüber hinaus auch die Schachtheorie weiter voran. Für den großen Bücherfürsten des 17. Jahrhunderts, dessen Bibliothek bis zum Ende seiner Regierungszeit mit mehr als 135.000 Titeln zur einer der größten der damaligen Zeit anwachsen sollte, gehörte die Schachliteratur ausweislich des Literaturverzeichnisses seines Schachbuches schon früh zu seinem "Erwerbungsprofil".

Inhaltlich gliedert sich der 495 Seiten starke Haupttext des Schachbuchs in fünf Teile. Dem Schachspiel selbst widmen sich auf den Seiten 1 bis 442 insgesamt vier, jeweils in mehrere Kapitel unterteilte "Bücher". Wie schon dem vollständigen Titel (Abb. 1) zu entnehmen ist, folgt als Anhang auf den Seiten 443 bis 495 die Darstellung eines mittelalterlichen (fälschlicherweise Pythagoras zugeschriebenen) mathematischen Brettspiels namens "Rythmomachia" ("Zahl-Kampf"). In den schachspezifischen ersten vier Teilen (Buch I-IV) hat das Erste Buch einführenden Charakter. Es handelt u. a. vom "Wesen" des Schachspiels, von seinen (legendären) Ursprüngen im Orient, seiner Verbreitung in Europa und von der bislang erschienenen Literatur (Druckwerke, aber auch Handschriften) des Schachspiels. Auch werden hier die Spielfiguren, ihre Gangart sowie das Schachbrett vorgestellt. Die folgenden drei Bücher beinhalten im Wesentlichen die Grundregeln und -strategien des Spiels, vor allem aber die Präsentation des zeitgenössischen Eröffnungsrepertoires sowie einige Vorgabepartien.

Im Vergleich mit den Veröffentlichungen eines Francesc Vicent, der 1495 in Valencia das erste (allerdings heute verschollene) Schachbuch erscheinen ließ und den bedeutenden "modernen" Schachlehrbüchern eines Luis Ramírez Lucena (Salamanca 1496/97), Pedro Damiano (Roma 1512), Ruy López (Alcalá 1561) oder Alessandro Salvio (Napoli 1604) bietet das Werk des Selenus unter rein schachlichen Gesichtspunkten nur wenig Eigenständiges. Es beruht zum überwiegenden Teil auf Überlegungen und Ausführungen anderer Autoren, die Selenus für sein Werk herangezogen hat. Während die ersten Kapitel (S. 1-173) vor allem von den Lesefrüchten des Herzogs aus der ihm in seiner umfänglichen Bibliothek vorliegenden Literatur zehren, stellen die folgenden Kapitel auf den Seiten 174 bis 424, die den Hauptteil des Werks bilden, eine bearbeitete Übersetzung aus der Feder des Herzogs von Ruy López' spanischem Schachlehrbuch "Buch von der Erfindungsgabe und der Spielkunst im Schach" (Orig.: "Libro de la Invención Liberal y Arte del Juego del Axedrez", Alcalá 1561) dar. Als direkte Vorlage für seine Übersetzung benutzte August allerdings nicht das spanische Original, sondern die leicht gekürzte italienische Fassung von Domenico Tarsia (Venetia 1584), die er bereits auf seiner Italienreise erworben hatte.

Unabhängig vom kompilatorischen Charakter des Werks kommt Herzog August das Verdienst zu, die Tradition der Schachliteratur im deutschen Sprachraum nicht nur begründet, sondern sie publizistisch zugleich auf ein Niveau gehoben zu haben, das bis zum Erscheinen der klassischen deutschsprachigen Schachwerke von Johann Baptist Allgaier (Wien 1795) und Paul Rudolf von Bilguer (Berlin 1843) unübertroffen blieb. Das Sammeln und Auswerten sämtlicher für ihn greifbarer Schachliteratur - ein für die Zeit des Selenus nicht hoch genug einzuschätzendes Unterfangen - trug dazu ebenso bei wie die eigens von ihm selbst angefertigten Übersetzungen und die geschlossene Gesamtpräsentation.

Nicht zuletzt war es aber die ambitionierte buchkünstlerische Ausstattung, die dem Werk zu bleibendem Ansehen verhalf. Schon allein aufgrund ihrer funktionalen Stellung im Kontext der Buchgestaltung stechen sowohl künstlerisch wie auch ikonografisch das Titelkupfer und die Stiche auf den insgesamt fünf Zwischentitelblättern hervor.

Die Titelseite (Abb. 1) zeigt vier Einzelszenen, die den Text des Titels umrahmen. Herzog August ließ es nach einem von ihm selbst eigens entworfenen Bildprogramm von dem Augsburger Zeichner und Kupferstecher Lucas Kilian (1579-1637) gestalten. In den drei oberen Bildfeldern ist die Legende von Palamedes dargestellt, der vor Troja das Würfel- und (gemäß der frühneuzeitlichen Umbildung des griechischen Mythos) auch das Schachspiel erfunden haben soll. Der Stich im unteren Bildfeld steht in keinem direkten Erzählzusammenhang mit den drei darüber befindlichen. Er zeigt eine Tischgesellschaft, in deren Zentrum (hinten) sich Augustus-Selenus als Kolumbus wiedergeben ließ, wie er gerade im Begriffe ist, das berühmte "Ei des Kolumbus" zu zerschlagen.

Ursprünglich hatte Herzog August für die Titelei ein anderes Bildprogramm vorgesehen, das schließlich auf den Zwischentitelblättern der ersten vier Bücher seines Werkes - jeweils bildgleich - einer Zweitverwertung zugeführt wurde (Abb. 2). Den Stichen dieser Zwischentitelblätter liegt allerdings eine andere Ursprungslegende des Schachspiels zugrunde, deren grafische Umsetzung Lucas Kilian bereits 1614 an Herzog August geliefert hatte. Zur Linken des Textfeldes ist - mit dem Schachbrett unter dem Arm - "Xerses" mit dem griechischen Beinamen "Philomater" (lies: "Philometer", Freund des Maßes oder der Gerechtigkeit) dargestellt. Die rechte Figur weist das Schriftband an der Fußkonsole als den babylonischen König "Amilinus Evilmerodach" aus. Bekrönt wird das Textfeld von zwei Putten, die ein leeres Schachbrett flankieren. In ihren Händen halten sie jeweils einen Palmwedel (als Zeichen des Sieges und des Friedens) sowie Dose und Deckel eines Gefäßes. Dessen Inhalt - zwei vollständige Sätze Schachfiguren - erblicken wir ganz offenkundig auf den einzelnen Sprossen der flamboyantartigen Rankenwerke, die die Baldachine über den beiden seitlichen Nischenfiguren umspielen. Der besagten Legende nach, die Selenus im Ersten Buch zitiert und diskutiert, soll ein heidnischer Philosoph namens Xerxes das Schachspiel als Mittel zur Mäßigung des aus dem Alten Testament bekannten Ewil-Merodach erfunden haben. Durch die Wirkung des "königlichen Spiels" sei der Herrscher wieder auf den rechten Weg geleitet worden und von der Tyrannei abgekommen.

Das illustratorische Prunkstück unseres Objektes des Monats stellt zweifelsohne die zwischen den Seiten 216 und 217 auf einem gesonderten Doppelblatt eingefügte Kupferstichtafel dar, die am linken unteren Plattenrand signiert ist: "J. ab heÿden sculpsit." (Abb. 3) Der Straßburger Stecher Jacob van der Heyden (1573-1645) zeigt Herzog August (rechts sitzend) nach Maßgabe seines Auftraggebers porträtgetreu beim Schachspiel mit einem unbekannten Partner und zwei "Kiebitzen". Die auf dem Schachbrett eingefangene Partie wird exakt an der angegebenen Textstelle besprochen. Allerdings führt August im Text das von López in weißer Gewinnstellung abgebrochene Spiel - wenig meisterhaft - in selbständiger Analyse bis zur (abgebildeten) Mattstellung fort.

Eine alte, mit Rötel eingeschriebene Signatur auf der Innenseite des Vorderdeckels ("XL, 24") weist darauf hin, dass das Selenus-Exemplar der ThULB aus der ehemaligen Bibliothek des (1905/06 am Standort des heutigen Universitätshauptgebäudes abgebrochenen) Jenaer Schlosses stammt. Im Zusammenhang mit der Neuordnung des Jenaer Bibliothekswesens unter der Oberaufsicht Goethes erfolgte 1818/19 die physische Eingliederung des Bestandes der Schlossbibliothek in die Jenaer Universitätsbibliothek. In diesem Zuge wurde der Selenus-Band offenkundig in den dort bereits vorhandenen Teilbestand aus dem Besitz Christian Gottlob Buders (1693-1763) integriert (Bibliotheca Buderiana) und mit der noch heute gültigen Signatur "2 Bud.Var.383" versehen.

Eine historische, handschriftliche Notiz auf dem Vortitelblatt des Jenaer Selenus-Exemplars verdient noch besonderer Aufmerksamkeit, da sie auf den Vorbesitzer verweist: "Joannes Thomas Cludius D[octor]. | Anno 1627. 13. Decembr:". Wie ein Vergleich mit dem eigenhändigen (!) Eintrag in der Matrikel der Universität Jena für das Sommersemester 1607 zweifelsfrei belegt, handelt es sich hierbei um den Juristen und Helmstedter Rechtsprofessor Johann Thomas Cludius (1585-1642). Cludius studierte Rechtswissenschaften in Helmstedt und Jena und wurde 1614 (?) in Basel Doktor der Rechte. Die Frage, ob Cludius der Erstbesitzer des Jenaer Selenus-Exemplares war, muss mangels eindeutiger Belege ebenso offenbleiben wie die Frage, auf welchem Wege sein Exemplar in die Jenaer Schlossbibliothek gelangte.

Signatur: 2 Bud.Var.383 (ThULB Suche)

Digitalisat: Exemplar der BSB München; Sign.: 2 Gymn. 46

Ansprechpartner: Dr. Uwe B. Glatz

PS: Der Selenus-Band ist Teil einer Sonderausstellung, die in Kürze in der ThULB eröffnet werden wird: "Schach. Spiel - Sport - Wissenschaft - Kunst. Aus den Beständen der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek Jena". Begleitend zur Sonderausstellung wird unter der Schirmherrschaft von Oberbürgermeister Dr. Thomas Nitzsche am 4. Dezember 2021 das 1. FSU-ThULB-Schachturnier veranstaltet. Das offene Turnier richtet sich an Spielerinnen und Spieler aller Spielstärken. Die Teilnehmerzahl ist auf 40 begrenzt, eine Anmeldung ab sofort möglich.

Abb. 1: Das Titelblatt
Abb. 2: Das Zwischentitelblatt zum Ersten Buch
Abb. 3: Herzog August von Braunschweig-Lüneburg beim Schachspiel
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