Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek

ThULB Jena - Thüringer Universitäts und Landesbibliothek

Objekt des Monats: Juli 2019

vom 01.07.2019 bis 31.07.2019

Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe in den Jahren 1794 bis 1805. Stuttgart, Tübingen: Cotta 1828/29

Vor 225 Jahren, am 20. und 22. Juli 1794, kam es in Jena zu den ersten intensiven Gesprächen zwischen Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) und Friedrich Schiller (1759-1805). Beide Zusammenkünfte markieren den Beginn einer der prominentesten Dichterfreundschaften der deutschen Literaturgeschichte.

Zwei persönliche Begegnungen hatte es bereits vorher gegeben: Im Dezember 1779 wohnten Goethe und der Weimarer Herzog Carl August (1757-1828) auf der Rückreise von Bern an der Hohen Karlsschule in Stuttgart der Verleihung der Jahrgangspreise bei. Unter den Ausgezeichneten befand sich auch der Medizinstudent Friedrich Schiller. Im September 1788 kam es zu einem durch Schillers spätere Frau Charlotte von Lengefeld (1766-1826) organisierten zweiten Treffen der beiden Dichter in Charlottes Elternhaus in Rudolstadt. Die Begegnung blieb jedoch kühl und oberflächlich.

Ganz anders im Sommer 1794: Schiller hatte am 13. Juni in einem Brief Goethe um Mitarbeit an der von ihm gegründeten Zeitschrift "Die Horen" gebeten. Am 24. Juni erklärte sich Goethe zur Mitarbeit bereit. Am 20. Juli kam Goethe nach Jena, um mit den Herausgebern der "Horen" Schiller, Johann Gottlieb Fichte (1762-1814) und Wilhelm von Humboldt (1767-1835) zusammenzukommen. Zuvor besuchte er einen Vortrag über Botanik in der von ihm mitbegründeten Naturforschenden Gesellschaft, bei dem auch Schiller anwesend war. In seinem 1817 verfassten Aufsatz "Glückliches Ereignis" schildert Goethe, wie es zu dem sich an den Vortrag anschließenden Gespräch gekommen ist, in dem es um Goethes Konzept der Metamorphose der Pflanzen ging, das den Gegensatz von Goethes Beharren auf der Natur der "Vorstellung" und Schillers an Kant geschultem Begriff der "Idee" auf konstruktive Weise zutage treten ließ: "[W]ir gingen zufällig beide zugleich heraus, ein Gespräch knüpfte sich an […]. Wir gelangten zu seinem Hause, das Gespräch lockte mich hinein […]." Zwei Tage später, am 22. Juli 1794, fand das Gespräch im Hause Wilhelm von Humboldts - diesmal über das Thema Kunst und Kunsttheorie - seine Fortsetzung. "Der erste Schritt war […] getan, Schillers Anziehungskraft war groß […]." Diese beiden Gespräche markieren den Beginn der Freundschaft zwischen Goethe und Schiller, welche bis zu Schillers Tod im Jahre 1805 währte.

Seinen Ausdruck fand diese Freundschaft nicht zuletzt in dem Briefwechsel beider Dichtergrößen, der im Sommer 1794 einsetzte und für den sich konstatieren lässt, "dass es in der Geschichte der deutschen Literatur keinen auch nur annähernd so bedeutenden Briefwechsel gibt" (Fischer, 23). Die Erstausgabe dieses Briefwechsels erschien vor 190 Jahren (1828/29) in sechs Bänden. Sie befindet sich im Bestand der ThULB und ist anlässlich des Jahrestages der Freundschaft zwischen Goethe und Schiller unser Objekt des Monats Juli.

Beide Briefpartner nehmen in den frühesten Briefen Bezug auf das genannte erste, für beide folgenreiche Treffen im Juli 1794 in Jena. So schreibt Goethe am 25. Juli 1794 an Schiller (vgl. Abb. 2): "Erhalten Sie mir ein freundschaftliches Andenken und seyn Sie versichert daß ich mich auf eine öftere Auswechslung der Ideen mit Ihnen recht lebhaft freue", während sich Schiller am 23. August 1794 an Goethe mit den Worten wendet: "Die neulichen Unterhaltungen mit Ihnen haben meine ganze Ideenmasse in Bewegung gebracht […]."

Das Besondere an der Erstausgabe von 1828/29 ist nicht nur der Umstand, dass sie zu Goethes Lebzeiten erschien, sondern vor allem, dass sie von Goethe selbst herausgegeben wurde. Die Arbeiten an der Ausgabe, das heißt die Zusammenstellung, Anordnung und Bearbeitung der rund eintausend Briefe, die für Goethe "den größten Schatz" darstellten, "den ich vielleicht besitze" und "die tiefsten Geheimniße der Freundschaft" offenlegten (Briefe an Cotta, 11. Juni 1823 und 30. Mai 1824), reichen bis in das Jahr 1823 zurück.

Bemerkenswert sind Goethes Eingriffe in die Brieftexte. Dies betrifft in erster Linie Korrekturen in Orthographie und Interpunktion, jedoch auch inhaltliche Änderungen und Tilgungen zu dem Zweck, unter den in den Briefen genannten Personen keinen Anstoß zu erregen, weshalb es zu zahlreichen Abweichungen zwischen Brieforiginalen und Erstausgabe kam. Die Honorarverhandlungen zwischen Goethe, Schillers Erben und dem Verleger Johann Friedrich Cotta (1764-1832) zogen sich noch bis 1828 hin. Der Erfolg der Briefedition untertraf die Erwartungen jedoch zunächst erheblich: Von den 3.125 Exemplaren waren bis März 1830 erst ungefähr 900 verkauft.

Signatur: 8 C.A.B.IV,117

Ansprechpartner: Dr. Boris Hoge-Benteler

Literatur:

Fischer, Bernhard: Literaturpolitik und Pietas. Zum Hintergrund der Erstausgabe des 'Briefwechsels zwischen Schiller und Goethe' bei Cotta (1828/29). In: Bernhard Fischer und Norbert Oellers (Hg.): Der Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe. Berlin: Erich Schmidt 2011, S. 9-22. [ThULB Suche]

Goethe, Johann Wolfgang von: Glückliches Ereignis [1817]. In: Hendrik Birus u.a. (Hg.): Johann Wolfgang Goethe: Sämtliche Werke. Briefe, Tagebücher und Gespräche. Bd. 24: Dorothea Kuhn (Hg.): Schriften zur Morphologie. Frankfurt a. M.: Deutscher Klassiker Verlag, 1987, S. 434-438. [ThULB Suche]

Oellers, Norbert: Zur Geschichte des Briefwechsels zwischen Schiller und Goethe. In: Bernhard Fischer und Norbert Oellers (Hg.): Der Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe. Berlin: Erich Schmidt 2011, S. 23-34. [ThULB Suche]

Safranski, Rüdiger: Goethe und Schiller. Geschichte einer Freundschaft. München: Hanser 2009. [ThULB Suche]

Schiller, Friedrich; Goethe, Johann Wolfgang: Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe in den Jahren 1794 bis 1805. Stuttgart, Tübingen: Cotta 1828/29. [ThULB Suche]

Abb. 1
Abb. 2
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