Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek

ThULB Jena - Thüringer Universitäts und Landesbibliothek

Objekt des Monats: Februar 2019

vom 01.02.2019 bis 28.02.2019

Clemens von Delbrück: Manuskript der Rede in der verfassungsgebenden Nationalversammlung am 28. Februar 1919

Mit dem Nachlass des Politikers Clemens von Delbrück (1856-1921) besitzt die Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek Jena einen bedeutenden Quellenbestand zur Entstehungsgeschichte der Weimarer Verfassung. Delbrück, ein konservativer Modernisierer, durchlief im Kaiserreich eine Musterkarriere, die ihn in höchste Staatsämter führte - er war preußischer Handelsminister (1905-1909), leitete das Reichsamt des Innern (1909-1916), war also de facto Innenminister des Reiches, und diente dem Kaiser im Oktober und November 1918 als letzter Chef des Geheimen Zivilkabinetts.

Die Novemberrevolution empfand Delbrück als eine Schmach für Deutschland. Er zog sich aber nicht aus der Politik zurück, sondern stürzte sich in neue Aufgaben, Ende 1918 gehörte er zu den Mitbegründern der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP). Auf einem der Gründungstreffen warb Delbrück für eine rechtsgerichtete Partei, die Realpolitik betreibe, keine Gegenrevolution anstrebe, für jede Regierung, die Ordnung schafft, eintrete und in der Nationalversammlung positiv mitarbeite. Obwohl er mit dieser Haltung in seiner Partei auf heftigen Widerstand stieß, wurde er am 19. Januar 1919 für die DNVP in die Verfassungsgebende Nationalversammlung gewählt, die am 6. Februar 1919 in Weimar zusammentrat. Seine Fraktion entsandte ihn in den Verfassungsausschuss (Ausschuss 8). Die 28 Frauen und Männer, die auf dem Foto zu sehen sind, sollten die neue Verfassung entwerfen. Delbrück (auf dem Foto der Zweite von links) war ein fleißiger Arbeiter. Zum Nachlass gehören ca. 15.000 Blatt mit Notizen aus dem Verfassungsausschuss. Am 27. Februar lag ein Text vor, der auf einen Entwurf von Hugo Preuß (DDP) zurückging, in den im Verlauf der Verhandlungen des Ausschusses 8 aber auch Ideen anderen Politiker eingegangen sind. Am 28. Februar begann die Erste Lesung des Entwurfs der neuen Verfassung im Plenum der Nationalversammlung. Zur Überraschung vieler Beobachter, aber auch vieler Parlamentarier trat der Hauptredner der DNVP nicht als hasserfüllter Gegner des Neuen auf, sondern als konstruktiver Kritiker, dem es um die Wahrung konservativer Interessen, aber nicht auf die kompromisslose Ablehnung und Bekämpfung der neuen Ordnung ankam. Delbrück war auch in der weiteren Arbeit des Ausschusses am konstruktiven Ringen um eine Verfassung beteiligt, die das Grundgesetz für eine neue Ordnung bilden konnte. Der Vorsitzende des Verfassungsausschusses, der linksliberale Politiker Conrad Haußmann, erinnerte sich gern an die Arbeit in diesem Gremium. Hier hätten alle Mitglieder die Arbeit an der Verfassung über parteipolitische Grundsätze gestellt, Kompromisse gesucht und einen sehr kollegialen Umgang gepflegt. Delbrück würdigte die Weimarer Verfassung am 17. Juni 1920 als einen beispielgebenden politischen Kompromiss: Sie stelle das dar, was die Linke im Angriff, die Rechte in der Abwehr zu erreichen vermochte.

Signatur: ThULB, Nachlass Delbrück, Material zur Nationalversammlung

Ansprechpartner: Dr. Uwe Dathe, Tel. +49 3641 9-40048

Literatur:

Matthias Steinbach/Uwe Dathe: Ein deutscher Tory zwischen Kaiserreich und Weimarer Republik. Der Nachlass Clemens von Delbrücks, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 58 (2010), S. 139-145. [ThULB Suche]

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