Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek

ThULB Jena - Thüringer Universitäts und Landesbibliothek

Objekt des Monats: Dezember 2019

vom 01.12.2019 bis 31.12.2019

Daniel Defoes "Robinson Crusoe" in der französischen Erstausgabe von 1720

Der Begriff des "Bestsellers" trifft auf "Robinson Crusoe" von Daniel Defoe (* vermutlich 1660; † 1731) uneingeschränkt zu. Das gilt heute, und es galt bereits bei Erscheinen der Erstausgabe des Romans in London vor 300 Jahren, am 25. April 1719.

Man riss sich damals dermaßen um dieses Buch, dass es binnen weniger als vier Monaten drei Nachauflagen erfuhr, wohl in einer Höhe von jeweils etwa 1.000 Exemplaren, bei einem Verkaufspreis von fünf Schilling. Der Verleger William Taylor soll damit einen Gewinn von rund 1.000 Pfund erwirtschaftet haben. Im Gespräch blieb der Roman auch deshalb, weil es für eine gewisse Zeit gelang, die Leserschaft in dem Glauben zu lassen, er sei tatsächlich - wie auf dem Titel angegeben ("Written by Himself") - von jenem schiffbrüchigen Seemann Robinson Crusoe selbst verfasst worden, bevor dann im Spätsommer 1719 die wahre Identität des Autors herauskam.

Auch wer Defoes Roman nie zur Hand genommen hat, begegnet dessen Hauptfigur doch allenthalben: dem Typus des in die Isolation (bei Robinson im Wortsinn: aus ital. isola bzw. lat. insula = Insel) verschlagenen und dort eine Persönlichkeitsentwicklung durchlaufenden Menschen. Die sprichwörtliche "Robinsonade" spielt sich in der Literatur, auf Bühnen, im Hörspiel und im (Hollywood-) Film in vielfältiger Interpretation ab. Defoe, dessen "Robinson Crusoe" Anleihen aus älteren Abenteuergeschichten nimmt und unter anderem schon in der "Odyssee" vorgeprägt ist, gelang hier ein zugleich kurzweiliges wie tiefgründiges Werk von zeitloser Gültigkeit.

Nach 1719 kamen zunehmend weitere englische Ausgaben des "Robinson Crusoe" auf den Markt, und bereits 1720 entstanden erste Übersetzungen: ins Deutsche (beginnend mit einer Hamburger Ausgabe), Niederländische und Französische. Hiervon besitzt die ThULB Jena die in Amsterdam erschienene französische Erstausgabe, das Objekt des Monats. Der Titel des 12 Seiten Vorwort und 629 Seiten Romantext umfassenden Oktavbandes lautet: "La vie et les avantures surprenantes de Robinson Crusoe, Contenant entre autres évenemens, le séjour qu'il a fait pendant vingt & huit ans dans une Isle déserte, située sur la Côte de l'Amerique, près de l'embouchure de la grande Riviere Oroonoque. Le tout écrit par lui-même. Traduit de l'Anglois. A Amsterdam, Chez L'Honoré & Chatelain. MDCCXX". Die Übersetzungsarbeit hatten sich der französische Satiriker Hyacinthe Cordonnier alias Thémiseul de Saint-Hyacinthe (1684-1746) und der niederländische Zeitungsautor Justus van Effen (1684-1735) geteilt. Als ergänzende Bände 2 und 3 folgten 1720/21 in gleicher Ausstattung die französischen Übertragungen zweier von Defoe 1719/20 angesichts des Erfolgs nachgeschobener Fortsetzungen des "Robinson Crusoe", die freilich die Popularität des Erstlings nicht erreichen konnten.

Mit der französischen Erstausgabe nimmt die lange und vielfältige Tradition, das Werk mit lebhaften Illustrationen zu versehen, ihren Anfang. Die vorangegangenen englischen Ausgaben enthalten lediglich einen Frontispiz-Kupferstich mit einer Darstellung Robinsons in Ziegenfellkleidung (s. den Link oben). Dieses Bild variierte der Stecher Bernard Picart (1673‒1733) für die französische Erstausgabe, wobei er das kompositorische Grundgefüge der englischen Vorlage übernahm. Während dort Robinson zwei Musketen schultert und ein Degen an seinem Gürtel hängt, stecken in Picarts Version ein Beil und eine Säge im Gürtel; zudem trägt Robinson einen umgehängten Beutel und auf dem Rücken einen Korb. Er schultert lediglich eine Muskete und stemmt mit der Linken seinen im Text erwähnten, mit Ziegenfell bespannten großen Sonnenschirm in die Höhe. Diese Darstellung wurde ikonisch; in späteren Ausgaben ist sie bis heute (z.B. in einer Neuausgabe für Kinder des Knesebeck-Verlags von 2019) immer aufs Neue mehr oder weniger modifiziert aufgegriffen worden. Die hauptsächliche künstlerische Neuerung der französischen Erstausgabe sind sechs im Text verteilte ganzseitige Kupferstiche zu zentralen Begebenheiten des Romans, die gleichfalls Picart zugeschrieben werden. Zusätzliche Attraktivität gewinnt der Band durch eine dem Frontispiz-Blatt vorgeschaltete, aus der vierten englischen Ausgabe übersetzt übernommene ausfaltbare Weltkarte des Kartographen Herman Moll (* vermutlich 1654; † 1732), auf der Robinsons Reisewege eingezeichnet sind ("Sur la qu'elle est tracé le Voyage de Robinson Crusoe").

Signatur: 8 MS 5671

Ansprechpartner: Dr. Joachim Ott

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