Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek

ThULB Jena - Thüringer Universitäts und Landesbibliothek

Objekt des Monats: Dezember 2018

vom 01.12.2018 bis 31.12.2018

Der Schreckenskomet des Dreißigjährigen Kriegs

Unserem heutigen Geschichtsverständnis entspricht es, das markante Gewaltereignis des Prager Fenstersturzes vom 23. Mai 1618 als Auftakt des Dreißigjährigen Kriegs zu sehen. Viele Menschen von damals beschäftigte in dieser Hinsicht jedoch offensichtlich eher etwas Anderes: eine außergewöhnliche Himmelserscheinung. Ein besonders heller, mit bloßem Auge gut sichtbarer Komet war in Indien und China am 24./25. November 1618 gesichtet worden und kam dann auch, von Ende November 1618 bis über die Mitte des Januars 1619 hinaus, in das Blickfeld der europäischen Astronomen wie Johannes Kepler, um nur den berühmtesten zu nennen. Zwei kleinere Kometen zeigten sich in zeitlicher Nähe. Damals wurde erstmalig bei Kometenbeobachtungen das nicht lange zuvor erfundene Fernrohr eingesetzt. In der Nomenklatur der heutigen Astronomie trägt der Hauptkomet von 1618/19 die Bezeichnung C/1618 W1.

Sofort nach der Kometenerscheinung trat neben die nüchterne wissenschaftliche Erörterung, die in zahlreichen Publikationen ihren Niederschlag fand, eine langanhaltende Diskussion darüber, ob das Himmelsphänomen als von Gott gesandtes Anzeichen bevorstehender Kriegsschrecken zu gelten hatte. In diesem Sinne äußerte sich später auch der thüringische Hofrat Volkmar Happe (*1587; † vor 1659) in seinem Chronicon Thuringiae: "Den 3. November anno 1618 ist ein schrecklicher Compet [sic!] am Himmel erschienen, der etzliche Monath und gar biß in das folgende Jahr gesehen war, denn, darauff in aller Welt Krieg, auffruhr, Blutvergießen, Pestilentz, und theure Zeit, und unaussprechlich unglück erfolget. Kein schrecklichen Comet man spürt, der nicht groß unglück mit sich führt. In diesem Jahre ist der Böhmische Krieg angangen und starck continuiret worden." Die als Selbstzeugnis des Dreißigjährigen Kriegs höchst ergiebige Happe-Chronik ist in Form einer späteren Abschrift überliefert, die sich in der ThULB Jena befindet (Ms. Bud. q. 17-18; Zitat: q. 17, 24v; Näheres vgl. http://www.mdsz.thulb.uni-jena.de/happe/quelle.php). Happes Wortwahl lässt darauf schließen, dass in seinen Augen die Kometenerscheinung (deren Dauer er zu lang ansetzt) den Beginn des Kriegs markierte. So sahen es auch andere, und als 1648 der Westfälische Frieden vollzogen war, entsann man sich wieder des Kometen. Es gab Chronisten, die zu wissen glaubten, der Komet sei genau 30 Tage am Himmel zu sehen gewesen und habe mithin die dreißigjährige Kriegsdauer exakt angekündigt.

Als Objekt des Monats wurde nicht die Happe-Chronik gewählt, sondern ein Kupferstich von Matthäus Merian d.Ä., der einige der bekanntesten zeitgenössischen Bilddokumente des Dreißigjährigen Kriegs geschaffen hat. Merian zeigt den Kometen in eindrucksvoller Größe und Helligkeit über der nächtlichen Stadt Heidelberg (mit noch unzerstörtem Schloss). Der Stich wurde in den erstmals 1635 publizierten ersten Band des "Theatrum Europaeum", des berühmtesten Geschichtswerks der Zeit, aufgenommen (die Fotos zeigen die dritte Auflage, Frankfurt am Main 1662; 2 Hist.un.23a). In dem das Bild umgebenden Text wird das variable Aussehen des Kometen detailliert beschrieben, und es werden antike und jüngere Autoren mit Aussagen zu den Unglücksfolgen von Kometenereignissen zitiert. Zum Kometen von 1618/19 heißt es (S. 100 f.): "So hat nun diese schröckliche Fackel der Allmächtige Gott für einen Bußprediger an die hohe Cantzel des Himmels gestellet, damit die Menschen sehen möchten, wie er sie wegen der Sünd zustraffen, und seine Zorn-Ruthen über sie ergehen zulassen beschlossen. [...] Unnd ist einmahl dieser Comet ein rechter Vorbott gewesen der künfftigen Straffen Gottes, mit welchen wir heimgesucht und gezüchtiget werden sollen."

Signatur: 2 Hist.un.23a

Ansprechpartner: Dr. Joachim Ott

Literatur:

Andreas Bähr: Der grausame Komet. Himmelszeichen und Weltgeschehen im Dreißigjährigen Krieg, Reinbek 2017 [ThULB Suche]

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