Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek

ThULB Jena - Thüringer Universitäts und Landesbibliothek

Objekt des Monats: August 2019

vom 01.08.2019 bis 31.08.2019

Ernst Haeckel: Anthropogenie oder Entwickelungsgeschichte des Menschen : gemeinverständliche wissenschaftliche Vorträge über die Grundzüge der menschlichen Keimes- und Stammes-Geschichte. Leipzig: Engelmann, 1874.

Am 9. August vor 100 Jahren verstarb in Jena der am 16. Februar 1834 in Potsdam geborene Ernst Haeckel. Auf Wunsch seiner Eltern studierte Haeckel, der eigentlich Botaniker werden wollte, Medizin in Berlin, Würzburg und Wien, um später, angeregt durch meereszoologische Exkursionen, als Zoologe zu arbeiten. 1857 promovierte er in Berlin mit einer Arbeit Über die Gewebe des Flußkrebses. 1861 wurde Ernst Haeckel mit der die Strahlentierchen behandelnden Schrift De Rizopodum finibus et ordinibus für das Fach Vergleichende Anatomie in Jena habilitiert. 1865 wurde er zum o. Professor auf den neugegründeten Lehrstuhl für Zoologie der Universität Jena berufen, den er bis zu seiner Emeritierung 1909 innehatte.

Nach der Lektüre von Charles Darwins (1809-1882) 1859 erschienenem Werk On the origin of species by means of natural selection bekannte sich Haeckel, der von der Konstanz der Arten überzeugt war, sofort zu der noch sehr umstrittenen neuen Theorie. Der leidenschaftliche Kampf für die Anerkennung und Weiterentwicklung der Evolutionstheorie charakterisierte von nun an sein Schaffen. Vor allem durch seine populärwissenschaftlichen Werke trug er wesentlich zur Verbreitung einer naturwissenschaftlich-materialistischen Weltanschauung bei. Mit seinem 1874 erschienenem Werk Anthropogenie oder Entwickelungsgeschichte des Menschen (1874) brachte er den Entwicklungsgedanken in breiteste Bevölkerungskreise.

Das Buch ist in vier Abschnitte unterteilt, die sich mit der Geschichte der Anthropogenie (Darstellung der menschlichen Evolution), der Ontogenese (Entwicklungsgeschichte) des Menschen, der Stammesgeschichte des Menschen und der Entwicklungsgeschichte der menschlichen Organe befassen. In allgemeinverständlicher Form stellte er die Grundzüge der menschlichen Keimesentwicklung dar und versuchte, mit Hilfe des "Biogenetischen Grundgesetzes", das er 1866 in seiner Schrift Generelle Morphologie der Organismen formulierte, daraus hypothetisch die Stufenfolge der Stammesentwicklung des Menschen abzuleiten. Einer historischen Betrachtung aller maßgeblichen embryologischen Theorien sowie einer historischen Übersicht über die Schöpfungs- und Entwicklungslehren von Aristoteles bis Darwin folgt ein Vergleich Haeckels von einzelnen Embryonalstadien des Menschen mit denen verschiedener Wirbeltiere. Aus deren prinzipieller Übereinstimmung schloss er auf die Abstammung von einer gemeinsamen Stammform. Durch zahlreiche Abbildungen versuchte er die große Ähnlichkeit der frühen Embryonalstadien verschiedener Wirbeltiere und des Menschen zu verdeutlichen (Abb. 1).

Im zweiten, phylogenetischen Teil leitete Haeckel eine 22 Stufen umfassende Ahnenreihe des Menschen ab und gab eine Übersicht über die stammesgeschichtliche Ableitung der verschiedenen Organe des Menschen. Der allgemein bekannte "Systematische Stammbaum des Menschen" (Abb. 2) demonstriert klar Haeckels Auffassungen über die Ahnenstufen des Menschen. An der Wurzel einer Eiche verdeutlichen die strukturlosen Moneren (zelluläre Lebewesen ohne echten Zellkern) den Übergang zwischen anorganischer und organischer Natur. Die weiteren Übergangsformen der menschlichen Entwicklung erschloss Haeckel nach dem "Biogenetischen Grundgesetz" und verglich sie mit ähnlichen lebenden Formen.

Die Anwendung der Evolutionstheorie auf die Stammesgeschichte des Menschen stieß in mehrfacher Hinsicht auf erheblichen Widerstand. Nicht nur kirchliche Kreise kämpften dagegen an, auch führende Fachgelehrte, u.a. der Arzt und Anthropologe Rudolf Virchow (1821-1902), akzeptierten die ohnehin nur spärlich vorliegenden fossilen Beweise nicht. Zugleich war das Interesse an Haeckels Anthropogenie so groß, dass bereits zwei Monate nach Erscheinen die zweite, 1877 die dritte verbesserte und erweiterte und 1910 bereits die sechste, inzwischen zweibändige, Auflage herausgegeben wurde.

Zur Popularisierung der Abstammungslehre gründete Haeckel 1907 das Phyletische Museum in Jena, das heute Teil des Institutes für Zoologie und Evolutionsforschung ist.

Signatur: 8 Med.XV,407/1

Ansprechpartner: Dr. Kirsten Gerth

Literatur:

Hans Wußing: Fachlexikon ABC Forscher und Erfinder. Thun: Deutsch 1992. [ThULB Suche]

Erika Krauße: Ernst Haeckel. Leipzig: Teubner 1987. [ThULB Suche]

Digitalisat (Externer Link zum digitalisierten Exemplar der Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz)

Abb. 1: Vergleich der Embryonen verschiedener Säugetiere auf drei verschiedenen Entwicklungsstufen
Abb. 2: Stammbaum des Menschen
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