Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek

ThULB Jena - Thüringer Universitäts und Landesbibliothek

Objekt des Monats: April 2021

vom 01.04.2021 bis 30.04.2021

Vor 500 Jahren: Luther in Worms und sein Brief an Cranach d. Ä.

Im April 2021 ist es 500 Jahre her, dass Martin Luther (1483-1546) seinen berühmten Auftritt auf dem Wormser Reichstag hatte. Ein bedeutendes Quellenzeugnis für dieses Schlüsselereignis der Reformation befindet sich in den Sammlungen der ThULB Jena.

Am 27. Januar 1521 eröffnete Kaiser Karl V. (1500-1558) den Reichstag in Worms, der erst am 26. Mai sein Ende finden sollte. Im März wurde Luther bei Zusicherung freien Geleits nach Worms vorgeladen, um seine allseits für Gesprächsstoff sorgenden Schriften zu erörtern. Luthers Ankunft in Worms am 16. April erregte großes Aufsehen. Am Folgetag wurde er zum Kaiser gebeten. Luther hatte sich auf eine Disputation eingestellt, doch ging es nur darum, ihn ohne Austausch von Argumenten zum Widerruf seiner reformatorischen Thesen aufzufordern. In einem Sequestrationsmandat hatte Karl Luthers Schriften zuvor bereits zur Vernichtung freigegeben. Man fragte Luther, ob er die im Saal ausgelegten Schriften als die seinen anerkenne, sich zu ihrem Inhalt bekenne und was er widerrufe. Bei einem zweiten Treffen am 18. April wurden die Fragen wiederholt. Luther forderte jedoch, durch Beweise aus der Bibel widerlegt zu werden, was die Gegenseite nicht leistete. In der Konsequenz lehnte Luther, unter Berufung auf die Heilige Schrift und sein Gewissen, jeglichen Widerruf ab und blieb auch in Gesprächen mit Vertretern der Reichsstände dabei. Somit wurde er am 25. April vom Reichstag entlassen und reiste am folgenden Morgen ab.

Auf der Rückreise gelangte Luther am 27. April nach Frankfurt am Main, wo er im Gasthaus "Zum Strauß" in der Buchgasse unterkam, wie schon auf der Hinreise. Am Morgen des 28. April, vor der Weiterreise Richtung Friedberg, nahm er sich die Zeit, an Lukas Cranach den Älteren (1472 [?] - 1553) in Wittenberg zu schreiben. Dieser Frankfurter Brief bietet einen wertvollen Einblick in Luthers Gefühlslage direkt nach seinem Wormser Erlebnis. Sehr bemerkenswert ist, dass er Cranach gleich zu Beginn seine bevorstehende fingierte "Gefangennahme" ankündigt; er weiß zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass er auf die Wartburg gebracht werden wird ("Ich las mich einthun und verbergen, weis selb noch nicht wo"). Dass Luther sich Cranach, den er seinen "Freund" nennt, gegenüber so offen mitteilt, zeugt von einer sehr vertrauensvollen Beziehung der beiden. Luther ruft mit Blick auf seine kommende Abwesenheit eine Passage aus Jesu Abschiedsreden (Joh 16,16) in Erinnerung, ein markanter Christus-Vergleich. Seine Anhörung in Worms handelt Luther ganz kurz ab, in lapidaren, ironischen Worten: Es sei nicht mehr passiert als die Befragung, ob es seine Schriften seien - Luther: "Ja" - und ob er sie widerrufen wolle - Luther: "Nein" -, dann möge er verschwinden ("So heb dich"). Wie blind seien die Deutschen, sich von den "Romanisten" so zum Narren halten zu lassen. Luther richtet Grüße an Cranachs Frau Barbara († 1540) sowie an den Goldschmied Christian Düring und dessen Frau Barbara († 1564) aus und übermittelt dem Wittenberger Rat seinen Dank für die Finanzierung der Worms-Reise. Auch schreibt Luther, Nikolaus von Amsdorf (1483-1565) könne ihn in Wittenberg als Prediger vertreten, falls Johann Dölsch (1486-1523) nicht genehm sei. Mit dem Wunsch, Gott möge alle vor den Römischen Wölfen und Drachen, also der Papstkirche mit ihren Anhängern, beschützen, schließt Luther.

Das Autograph des Briefes ist bedauerlicherweise verloren. Umso glücklicher ist es, dass sein Wortlaut trotzdem überliefert ist, dank einer Abschrift, die Luthers Weggefährte Georg Rörer (1492-1557) angefertigt hat. Sie findet sich in einer der in der ThULB aufbewahrten Handschriften Rörers: Der Band mit der Signatur Ms. Bos. q. 24s umfasst 470 Blätter. Er enthält Abschriften von Briefen, Tischreden und Buchvorreden Luthers und Philipp Melanchthons (1497-1560), die Rörer zwischen 1550 und 1553 in Wittenberg zu Papier brachte. Luthers Frankfurter Brief steht auf Blatt 43v. Auf dieser Abschrift fußen alle gedruckten Ausgaben des Briefes, beginnend mit dem Abdruck in der von Rörer mitverantworteten Jenaer Lutherausgabe (Deutsche Reihe, Bd. 1, 1555, 503v) sowie in der Wittenberger Lutherausgabe (Deutsche Reihe, Bd. 9, 1557, 118r). Dass die Abschrift bei der Konzeption des Eröffnungsbandes der im Karmelitenkloster gedruckten Jenaer Ausgabe als Vorlage verwendet wurde, beweist ganz konkret eine Ergänzung Rörers am linken Seitenrand, wo er mit roter Tinte "H G" schrieb. In der Druckfassung ist diese Anonymisierung des in der Briefabschrift im Klarnamen genannten, von Luther geschmähten Herzogs Georg der Bärtige von Sachsen (1471-1539) übernommen.

Nachfolgend der transkribierte Wortlaut der Abschrift Georg Rörers (Ms. Bos. q. 24s, 43v):

Dem fursichtigen M Lucas Chranach Maler zu Wittemberg meinem lieben Gefattern und freunde. Jhesus. Meinen dienst. Lieber gefatter Lucas, ich segene und befelh euch Gott. Ich las mich einthun und verbergen, weis selb noch nicht wo, und wiewol ich lieber hette von den Tyrannen, sonderlich von des wütenden Hertzogen Georgen [am linken Rand in Rot: H G] zu Sachssen, henden den tod erlitten, mus ich doch guter Leut radt nicht verachten, bis zu seiner Zeit. Man hat sich meiner Zukunfft zu Worms nicht versehen, und wie mir das geleid ist gehalten, wisset ir alle wol, aus dem verbot das mir entgegen kam. Ich meinet, Kay[serliche] Ma[ieste]t solt ein Doctor oder funffzig haben versamlet, und den Münch redlich uberwunden. So ist nichts meher hie gehandelt, denn so viel, Sind die bucher dein? Ja. Wiltu sie widerruffen, odder nicht? Nein, So heb dich. O wir blinden deudschen, wie kindisch handeln wir, und lassen uns so iemerlich die Romanisten effen und nerren. Sagt meiner gefattern, ewrem lieben Weib, mein Grus, und das sie sich die weil wol gehabe. Es müssen die Juden einmal singen, Jo, Jo, Jo: Der Ostertag wird uns auch komen, so wollen wir denn singen, alleluia. Es mus ein klein Zeit geschwiegen und gelitten sein. Ein wenig, so sehet ir mich nicht, und aber ein wenig, so sehet ir mich, sprach Christus. Ich hoff es soll itzt auch so gehen, Doch Gottes wille, als der allerbeste, geschehe hirinn, wie in Himel und erden Amen. Grusset mir Meister Christian [Düring] und sein Weib, Wollet auch dem Radt mein grossen danck sagen für die fure. Ist euch der Licentiat Feldkirch [Johann Dölsch] nicht gnugsam, mugt ir Er [Nikolaus von] Amsdorff zum Prediger ersuchen, er wirds gerne thun. Ade. Hiemit alle sampt Gott befolhen, der behüt ewer aller verstand und glauben in Christo, fur den Romischen Wolffen und trachen, mit irem anhang, Amen. Zu Franckfortt am Mayn Sontags Cantate 1521 D.M.L. Dem fursichtigen Meister Lucas Cranach, Maler zu Wittemberg meinem lieben gefattern und freund M L. [darunter, von anderer Hand: D M L Brieff an Lucas maler]

Signatur: Ms. Bos. q. 24s (Digitalisat

Ansprechpartner: Dr. Joachim Ott


Literatur:

  • D. Martin Luthers Werke. Kritische Gesamtausgabe. Briefwechsel, Bd. 2, Weimar 1931, S. 305 f., Nr. 400 (ThULB Suche)
  • Joachim Ott: Hus - Luther - Cranach. Handschriften und Drucke der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek Jena, Jena 2015, S. 22-24 (ThULB Suche)
  • Jürgen Schefzyk / Eberhard Zwink: Luthers Meisterwerk. Ein Buch wie eine Naturgewalt, Mainz 2015, S. 82 f., Nr. 315 (ThULB Suche)
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