Mitteldeutschland, um 1330

Pergament, 133 Blätter, 56 x 41 cm

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Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek Jena · Ms. El. f. 101

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Die Jenaer Liederhandschrift (J) ist die aufgrund ihres Alters, Umfangs sowie ihres Text- und Melodiebestandes bedeutendste Sammlung mittelhochdeutscher Sangspruchdichtung im mitteldeutschen Raum. Ihre Besonderheit ist die Kombination aus Text und Musiknotation. Ihr Entstehungsort und die genaue Anfertigungszeit sind nicht bekannt. Seit 1543 ist J sicher in Katalogen der Wittenberger Kurfürstlichen Bibliothek (Bibliotheca Electoralis) nachweisbar. Kurz zuvor dürfte sie ihren heutigen, somit rund 200 Jahre jüngeren Einband in der Werkstatt des Wittenberger Buchbinders Wolfgang Schreiber erhalten haben. Nach der Niederlage der Truppen des Schmalkaldischen Bundes unter dem Kurfürsten Johann Friedrich I. in der Schlacht bei Mühlberg 1547 wurde die Bibliotheca Electoralis zunächst in die Residenz der Ernestiner nach Weimar, im August 1549 weiter nach Jena verbracht und dort im so genannten Collegium Jenense, dem aufgehobenen Jenaer Dominikanerkloster, verwahrt. 1548 war dort eine Hohe Schule gegründet worden. Mit deren Erhebung zur Universität 1558 wurde die Bibliothek zur Universitätsbibliothek, deren Gründungsbestand die Bibliotheca Electoralis, somit auch J, ist. Die Universitätsbibliothek verblieb im Colle­gium Jenense, bevor sie 1858 ein neues Gebäude bezog, das 1945 zerstört wurde. An seiner Stelle befindet sich heute das Hauptgebäude der ThULB Jena.

Die repräsentative Ausstattung der Handschrift, das ungewöhnlich große Format und die bei der Notierung waltende Sorgfalt lassen auf eine Entstehung an einem fürstlichen Hof im mitteldeutschen Raum schließen. Man hat als Auftraggeber sowohl den Landgrafen Friedrich den Ernsthaften von Thüringen (1324-1349) als auch den Askanierfürsten Rudolf I. von Sachsen-Wittenberg (1298-1356) ins Spiel gebracht. Da die Sprache der Texte traditionell als "auf niederdeutschem Boden erwachsenes Schriftmitteldeutsch" gilt, hat man den Thüringer ausgeschaltet gesehen. Da J freilich nicht vor 1541/43 in Wittenberg in Erscheinung tritt, spricht auch wenig für eine Herkunft aus Beständen des vor Ort residierenden Askaniers. In den bereits 1437 sauber mit Anfang und Ende verzeichneten Büchern der Wittenberger Schlosskapelle ist der Codex, dem Anfang und Ende und noch mindestens 10-14 Blätter aus dem Inneren fehlen, jedenfalls nicht nachweisbar.

Die Handschrift vereint Sangspruchdichter des 13. und frühen 14. Jahrhunderts, der vielleicht jüngste - und wohl prominenteste - Gattungsvertreter im Grundstock ist der am 29. November 1318 verstorbene Heinrich von Meißen gen. 'Frauenlob'. Allein von ihm, dessen Wirkungsraum ausweislich seiner Gönnernennungen im mittleren und nördlichen Deutschland lag, überliefert J 88 (80 echte) Spruchstrophen in 4 Tönen. Quantitativ übertroffen wird Frauenlob noch vom Meißner (128 Strophen), vom 'Wartburgkrieg' (119) und von Rumelant von Sachsen (105), deren Wirken ebenfalls ins mittlere Deutschland fällt. Hierher gehören auch Meister Stolle (40) und, weiter in den Norden weisend, Hermann Damen (39) und Wizlav von Rügen (46), dessen Werk freilich nachgetragen wurde (fol. 72v - 80v). Von den Oberdeutschen sind vor allem Friedrich von Sonnenburg (64) und Bruder Wernher (67) präsent. Aus dem Fehlen prominenterer oberdeutscher Gattungsvertreter (Marner, Reinmar von Zweter) wird man für die Sammlungsschwerpunkte weniger ziehen können als aus der Gegenwart kleinerer mitteldeutscher Autoren wie Fegfeuer (7), Gervelin (4), dem Henneberger (11) oder Kelin (26), deren Œuvre sonst nur in der J nahe stehenden Überlieferung (Basler Fragment: Fegfeuer, Kelin) oder gar nicht erhalten ist. Bei der Zusammenstellung der Handschrift scheint, so weit man das angesichts der Blattverluste und möglicher Umstellungen noch sagen kann, eine Vierteilung in 1. Berühmte alte Tonmeister, 2. Kleinere Œuvres, 3. Bedeutende Tonmeister der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts und 4. 'Wartburgkrieg' beabsichtigt gewesen zu sein. Läge dieser Anordnung Absicht und nicht das zufällige Vorhandensein entsprechender Corpora zugrunde, bezeugte sie, beachtlich genug, "ein Bewußtsein von der Geschichte der Gattung" (Wachinger).

J bietet bevorzugt die im 13. Jahrhundert voll entfaltete Sangspruchdichtung, nur ganz am Rande das Minnelied. Thematisch bietet der Codex die volle Vielfalt der Gattung, die affirmierende wie reflektierende Genera umschließt: geistliche und weltliche Preislieder, geistliche und weltliche Lebenslehre, Herrscherlob und Herrschertadel, Rätsel und Zeitkritik, Kunstreflexion und Kunstpolemik. Gerade in letzteren offenbart sich eine starke Tendenz der Zunft, ihren sozialen Status als Mahner und Lehrer der Laienfürsten nicht durch Duldung schwarzer Schafe zu riskieren. Eine Organisation des Gesamtbestandes unter solch inhaltlichen Aspekten war natürlich nicht beabsichtigt. Wohl aber scheinen die Teilsamm­lungen oft zwei, drei oder mehr zusammenhängende Strophen zu einem Thema geboten zu haben. Da freilich das Ton-Prinzip maßgeblich war, muss man sich Strophen ähnlichen Inhalts unter den jeweiligen Tönen zusammensuchen.

In keiner J-Strophe wird einer der Fürsten, die für die Entstehung der Handschrift ins Spiel gebracht wurden, namentlich gepriesen, auch von den späten Autoren (Frauenlob), die sie noch hätten kennen können, nicht. Über eine Verbindung der Auftraggeber von J zum Literaturbetrieb der Zeit finden sich im erhaltenen Bestand keine Spuren. Es ist aber zumindest auch nicht wahrscheinlich, dass sich dergleichen (etwa Lobstrophen auf den Sammler) am Anfang befunden haben: zu deutlich ist das den Kanon teils abbildende, teils zur Kanonisierung selbst beitragende Profil der Sammlung. Dem gattungsgeschichtlichen Bewusstsein könnte auch eine die Texte entaktualisierende Tendenz korrespondieren. Lehrreich ist hier der Vergleich mit der Parallelüberlieferung. In einigen Corpora, z. B. bei Bruder Wernher, wurden Zeitbezüge, die in der 'Manessischen (Großen Heidelberger) Liederhandschrift' noch zu greifen sind, getilgt und ins allgemein Didaktische gewendet. Auch hier wird man freilich kaum entscheiden können, ob und inwiefern sachverständige Redaktoren vereinheitlichend wirkten, ob es zu Umordnungen der Töne oder Anpassungen der Texte kam, oder ob das bereits auf die Teilsammlungen, die bei der Erstellung von J vorgelegen haben müssen, zurückgeht.

Betrachtet man die vielen Nachträge am unteren Blattrand, erweist sich J als regelrechter "Codex in progress": immer wieder tauchten während der Niederschrift neue Texte auf, die nicht durch Einlegeblätter nachgebunden, sondern direkt an 'ihrem' Ort, das heißt: unter ihrem Ton, nachgetragen wurden. An der Initialgestaltung war derselbe Rubrikator wie im Haupttext beteiligt. Noch vor der Jahrhundertmitte wurde das umfangreichere Corpus von Sangsprüchen und Minneliedern des Niederdeutschen Wizlav von Rügen (um 1300 / 1. Drittel 14. Jh.), den man früher mit einem gleichnamigen Fürsten (gest. 1325) identifizierte, nachgetragen.

J steht im Zentrum einer größeren Gruppe handschriftlicher Textzeugen, die eine rege Sammeltätigkeit im Bereich der Spruchdichtung (bevorzugt), Minnelyrik und wohl auch Epik im mitteldeutschen Raum bezeugen. Außer den schon früh aus J entfernten Blättern (bisher als einziges wieder aufgefunden ist das Dillinger Blatt) verdienen insbesondere das Basler Fragment und die Epenhandschrift, die offenbar vom gleichen Hauptschreiber wie J stammt und auch sonst alle Merkmale im Layout mit ihr teilt, einige Aufmerksamkeit. Mit dem 'Parzival' Wolframs von Eschenbach und der arthurischen Sprossdichtung 'Segremors' versammelt der seit 1540 in schwarzburgischen Kanzleien zerschnittene Epencodex Werke, die im ersten Drittel des 13. Jahrhunderts ebenfalls auf mitteldeutschem Boden entstanden waren. Dass die Handschriften einmal zu derselben Sammlung gehörten, ist sehr wohl denkbar. Zusammen stehen sie für eine ihrem Wesen nach retrospektive, dabei durchaus regional akzentuierte, das heißt: auf eine etwa durch Walther, Wolfram und 'Wartburgkrieg' geprägte Literaturgeschichte ausgerichtete Archivierungstätigkeit.