Mitteldeutsche Epenhandschrift


Mitteldeutschland, um 1330
Pergament, ursprünglich ca. 47,5 x 36,5 cm

Inhalt: Wolfram von Eschenbach, 'Parzival'; 'Segremors'

Im 19. Jahrhundert wurden nach und nach Blätter einer großformatigen Epenhand­schrift entdeckt, die in den Jahren um 1540 makuliert und gemäß ihrer Aufschriften zu Bindearbeiten teils im Amt Arnstadt (Nr. 2), teils im Amt Wachsenburg nahe Arnstadt (Nr. 1, 3, 4) verwendet worden war. Diese Handschrift enthielt außer dem 'Parzival' Wolframs von Eschenbach wenigstens noch den anonymen 'Segremors', eine wohl in Thüringen entstandene Sprossdichtung um eine arthurische Nebenfigur.

Der Handschrift lassen sich die folgenden Blätter zuordnen:

1. Universitäts- und Forschungsbibliothek Erfurt / Gotha · Memb. I 130 ('Parzival')
2. Schlossmuseum Sondershausen · Germ. lit. 2 (olim: Hs Br. 3) ('Parzival')
3. Universitäts- und Forschungsbibliothek Erfurt / Gotha · Memb. I 133 ('Segremors')
4. Thüringisches Hauptstaatsarchiv Weimar · Ern. Ges.arch., Reg. V 1 ('Segremors')

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Die Epenhandschrift wurde als "Schwesterhandschrift" der Jenaer Lieder­handschrift angesprochen, da sie die nämlichen Ausstattungsmerkmale (For­mat, Layout, Schrift) aufweist. Es gilt als ausgemacht, dass beide Handschrif­ten wenn nicht von demselben Hauptschreiber, so doch von demselben Skriptorium angefertigt wurden. Im Gegensatz zu den Strophen der Jenaer Liederhandschrift, die fortlaufend notiert wurden, sind die Verse der Epen­handschrift jedoch abgesetzt, wie es seit dem frühen 13. Jahrhundert Brauch wurde; Reimpunkte markieren die Versenden. Durch die Ausrückung des An­verses erscheint das Verspaar als Einheit. Rote und blaue Initialen mit einer feinen Fleuronnée-Füllung wechseln regelmäßig. Das ausgewogene, transpa­rente Layoutkonzept findet sich im ausgehenden 13. und frühen 14. Jahrhun­dert bevorzugt in ostbairischen, österreichischen und böhmischen Codices.

Die offenkundige Nähe zur Jenaer Liederhandschrift erleichterte die genauere Einordnung der Epenhandschrift nur bedingt, übernahm man doch von hier mitunter widersprüchliche Angaben zum Schreibdialekt. Attestierte man dem Jenaer Codex stets einen niederdeutschen Einfluss, galt für die Epenhandschrift generell ostmitteldeutsche, näherhin thüringische Färbung (Bo­nath/Lomnitzer).

Entstehungs- und Aufbewahrungsort der Epenhandschrift vor 1540 sind un­bekannt. Der Codex dürfte allerdings nicht allzu weit vom Ort seiner Makulie­rung gelagert haben. Liturgische, juristische und theologische Fragmente, die seit 1535/36 in Arnstadt als Einbände verwendet wurden, entstammen über­wiegend den 1533 bzw. 1538 aufgehobenen Arnstädter Klöstern, die sich im Herrschaftsbereich der Grafen von Schwarzburg befanden.


Die erhaltenen Fragmente aus der Epenhandschrift lassen sich wie folgt auf zwei Werkzusammenhänge aufteilen:


1. Wolfram von Eschenbach, 'Parzival'


Pergament (1 Doppelblatt), 44,4 x 34,5 cm (Gotha)
(1 Doppelblatt), 46,5 x 35,5 + 31,2 x 12,5 cm (Sondershausen)

Textumfang: 'Parzival' Buch I, 15, 13 - 24, 26 (Gotha) Buch I, 48, 27 - 52, 20; Buch II, 63, 9 - 68, 2 (Sondershausen)

Universitäts- und Forschungsbibliothek Erfurt / Gotha · Memb. I 130
Schlossmuseum Sondershausen · Germ. lit. 2 (olim: Hs Br. 3)

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Das Sondershäuser Doppelblatt wurde 1889 von zwei Heimatforschern, dem Gymnasiallehrer Prof. Emil Einert und dem Archivrat Hermann Schmidt, im Regierungsarchiv Arnstadt als Umschlag einer Rechnung des Amtes Arnstadt (1540-1541) entdeckt, abgelöst und 1890 von Otto Behaghel der Fachwelt angezeigt. Behaghel fiel auch die Zusammengehörigkeit mit dem 1868 von Franz Pfeiffer publizierten Gothaer Doppelblatt auf. Er notierte die Lesarten des Sondershäuser Bruchstücks und setzte sie ins Verhältnis zum (unvollstän­digen und unzuverlässigen) Apparat von Lachmanns 'Parzival'-Ausgabe. Ge­meinsam tragen die Bruchstücke die Sigle h und gehört zur Handschriften­klasse *D. Mit der alten und wichtigen D-Klasse teilt das Gothaer Bruchstück die Auslassung der Verse 17, 1-2. Vor 18, 17 befindet sich ein gereimter Titulus (hie tůt diz mere kvnt / Aventivre von patelamunt). Der zusammenhängende Text des (in zwei Teile zerschnittenen) Sondershäuser Fragments ist noch un­veröffentlicht.

Beide Fragmente stammen vom mutmaßlichen Anfang der Handschrift. Das Bruchstück aus Gotha war das innere Doppelblatt wohl des ersten, das aus Sondershausen das dritte Doppelblatt des zweiten Quaternio. Sie enthalten längere Abschnitte aus den beiden ersten Büchern des 'Parzival', die die Ge­schichte Gahmurets, des Vaters des Titelhelden, erzählen. Gahmuret, der jün­gere Sohn des Königs Gandin von Anschouwe, zieht in den Orient und be­währt sich im Dienst des Baruc. Das Fragment setzt ein, nachdem er Bela­kane, die dunkelhäutige Königin von Zazamanc, aus einer militärischen Not­lage befreit und ihre Zuneigung erworben hat. Zwölf Wochen nach Hochzeit und Hochzeitsnacht stiehlt sich der Ruhelose jedoch bei Nacht davon. Er ge­langt nach Kanvoleiz (Buch II), wo er als König von Zazamanc ein Turnier gewinnt, dessen Ausrichterin Herzeloyde ihn ihrerseits als Gemahl bean­sprucht und diesen Anspruch auch gerichtlich durchsetzt. Die Geburt seiner Söhne Feirefiz (Belakane) und Parzival (Herzeloyde) wird Gahmuret, der bald darauf im Orient umkommt, nicht mehr erleben.


Literatur: Marburger Repertorium

Bildmaterial: Digitalisate - Memb. I 130

Bildmaterial: Digitalisate - Germ. lit. 2


2. 'Segremors'

Den Inhalt des 'Segremors' Fragments finden Sie auf der nächsten Seite.

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