Frauenlob, Langer Ton

Mitteldeutschland, 1. Viertel 14. Jh.
Pergament (1 Blatt), 32,2 x 22,3 cm

Textumfang: 10 Strophen (GA V,37, ab v.11; V,30-32; V,43-45; V,102-104, bis v. 5)

Stadtarchiv und Wissenschaftliche Stadtbibliothek Soest · Fragment 157

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Das Blatt wurde als Einband für zwei Lübecker Drucke aus den Jahren 1550 und 1551 benutzt, die sich laut Einträgen auf den Titelblättern im Besitz von Thomas Schwartz befanden. Dieser war, nachdem er geistliche Ämter in der Nähe Lübecks inne gehabt hatte, 1555 in seine Heimatstadt Soest zurück­kehrt. Mit der Bibliotheca Ministerii Susatensis, der der Sammelband nach dem Tod von Schwartz gehört hatte, gelangte er in das Stadtarchiv Soest.

Das nur leicht beschnittene Blatt wird auf um oder bald nach 1300 datiert, könnte also noch zu Lebzeiten Frauenlobs († 1318) entstanden sein. Die Schreibsprache gilt wie die der Jenaer Liederhandschrift als Schriftmittel­deutsch auf niederdeutscher Grundlage. Zudem sind im Soester Fragment wie in der Jenaer Liederhandschrift die Strophenanfänge durch große Initialen gekennzeichnet, die Anfänge der zweiten Stollen und der Abgesänge durch rote oder blaue kleinere Initialen. Auch in diesem Fall muss der Schreiber also eine genaue Vorstellung vom Strophenbau gehabt haben. Darüber hinaus auf­fällig ist, dass das Soester Fragment die Frauenlob-Strophen in der gleichen Reihenfolge und Gruppierung wie die Jenaer Liederhandschrift überliefert. So hebt sich etwa die Dreigruppe V,30-32 mit ihrem Lob der Ritterschaft, aber auch der Mahnung an diesen Stand, nicht die Dörperheit in ihr Gefolge aufzu­nehmen, hier wie dort erkennbar von ihrer Strophenumgebung ab. Vergleich­bares gilt für die Gruppe V,43-45, in der es um die Voraussetzungen des Fürstenlobs geht, und wohl auch für V,102-104, die Fragen der Namens­gebung und Etymologie behandelt. Dieser wohl mehr als zufälligen Nähe in der Anordnung der Strophen stehen eigenartigerweise erhebliche Differenzen in den Lesarten entgegen. Im Fall von V,31, der einzigen Strophe, die auch in C (Manessische Liederhandschrift) überliefert ist, gehören sogar das Soester Fragment und C erkennbar gegen die Jenaer Liederhandschrift zusammen.

Jens Haustein

Literatur: Marburger Repertorium

Bildmaterial: Digitalisate

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