Walther von der Vogelweide

Niederdeutschland, 2. Viertel 14. Jh.
Pergament (2 Doppelblätter), 21 x 13 cm

Textumfang: 44 Strophen

Biblioteka Jagiellońska Krakau · Berol. Ms. germ. oct. 682

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In einer Sammlung orientalischer Handschriftenreste, die von Einbänden ab­gelöst wurden, entdeckte Hermann Degering 1931 in der Preußischen Staats­bibliothek Berlin die zwei Pergamentdoppelblätter mit Liedern Walthers von der Vogelweide, die in der Forschung die Sigle O erhalten haben. Die insge­samt 44 Strophen (davon 8 unvollständig) ohne Verfassernennung werden in anderen Handschriften Walther von der Vogelweide zugeschrieben und gehö­ren zu 11 Minneliedern (Cormeau 26, 85, 35, 29, 88, 42, 94, 21, 106, 44, 37). Fünf Strophen (Cormeau 106), die im Hausbuch Michaels de Leone zu Wal­thers Œuvre zählen, werden in der Manessischen Liederhandschrift Walther von Mezze, vier davon in der Kleinen Heidelberger Liederhandschrift dem Truchsess von St. Gallen, Ulrich von Singenberg, zugeschrieben. Die Anbin­dung an den Umkreis der Jenaer Liederhandschrift ist nicht unmittelbar gege­ben: die beiden Doppelblätter sind früher zu datieren, bieten keine Melodie­überlieferung und stellen insgesamt mit der einfachen Kursive und spärlichen blauen Verzierungen einen eher kunst- und anspruchslosen Überlieferungs­träger dar. Die Strophengliederung erinnert von der Systematik, nicht von der konkreten Ausführung her, an die der Jenaer Liederhandschrift. Hinsichtlich der Schreibsprache erweist sich das Fragment als niederdeutsche Abschrift einer wohl ostmitteldeutsch/thüringischen Vorlage. Insofern bezeugt sie mit­telbar das Vorhandensein lyrischer Überlieferung für einen regionalen Raum, in dem die Jenaer Liederhandschrift entstanden ist. Als Folge des Zweiten Weltkriegs befindet sich das Fragment heute als Teil der so genannten "Ber­linka" in der Krakauer Biblioteka Jagiellońska.

Wolfgang Beck

Literatur: Marburger Repertorium

Bildmaterial: Digitalisate

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