Reinmar von Zweter, Frau-Ehren-Ton


Mitteldeutschland, wohl Anfang 14. Jh.
Pergament (Querstreifen eines Doppelblattes), 6,8 x 29,2 cm

Textumfang: 8 Strophen, davon eine bislang unbekannt (Roethe Nr. 25 [Schluss fehlt], 39 [Anfang fehlt], 54 [nur Anfang], 99-100 [Anfang der ersten und Schluss der zweiten Strophe fehlen], 199 [nur Schluss des letzten Verses] 213 [Anfang fehlt])

Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz · Hdschr. 401

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Die Herkunft des Fragments ist unbekannt. Als es 1983 veröffentlicht wurde, gehörte es Beate Buchholz (Bonn); seit 1993 wird es in der Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz verwahrt.

Die Handschrift, die durch das Fragment bezeugt ist, war einspaltig geschrie­ben. Die Strophen sind abgesetzt und durch eine zweizeilige Initiale markiert. Das Versende ist durch Reimpunkt hervorgehoben, der Versanfang durch eine Majuskel mit Zierstrich. Die Strophenteile sind durch größere Majuskeln gekennzeichnet, was auf eine genaue Kenntnis des Strophenbaus schließen lässt. Möglicherweise waren in dieser Handschrift alle Strophen mit Autor­namen versehen (fol. 2b).

Die dialektal nicht sonderlich ausgeprägte Schreibsprache zeigt neben nieder- wie hochdeutschen Formen auch solche, die für das Mitteldeutsche der Jenaer Liederhandschrift kennzeichnend sind (vůr- / vur- für ver-).

Überlieferungshistorisch gesehen ist das Fragment deshalb bedeutsam, weil es neben den deutlich jüngeren 'Möserschen Fragmenten' (Berlin, SBPK, Ms. germ. quart 795), der dialektal weiter nördlicher stehenden Leipziger Lieder­handschrift (Leipzig, UB, Rep. II 70a) und dem niederdeutschen Göttinger Bruchstück (Göttingen, SUB, Cod. Ms. Müller I,4) eine Reinmarrezeption im (nord-) mitteldeutschen Raum bezeugt. Es ist sogar vermutet worden, dass die durch das Fragment bezeugte Handschrift Reinmar speziell im mitteldeut­schen Norden, etwa am Hof der Askanier, vertreten haben könnte (Tervoo­ren). In jedem Fall könnte das Berliner Fragment, mit dem Soester Frauenlob-Frag­ment, in der Schreibsprache, der Stropheneinrichtung und anderen kodi­kolo­gischen Charakteristika eine Gruppe von Handschriften repräsentieren, die, so Tervooren, "interessante Vorstufen" zur Jenaer Liederhandschrift bil­den, "zwar weniger kostbar aus­gestaltet", aber "in Anlage und Schreibkon­vention" den Jenaer Codex vorbereitend.

Die sieben bereits durch andere Handschriften bekannten Strophen themati­sieren für Reinmar Typisches (Minne-, Frauen- und Tugendlehre; geistliche Ermahnung). Die nur hier erhaltenen Verse der achten Strophe schildern den Eingang des Weihnachtswunders.

Jens Haustein

Literatur: Marburger Repertorium

Bildmaterial: Digitalisate

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