Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek

ThULB Jena - Thüringer Universitäts und Landesbibliothek

Handschriften

Die Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek Jena (ThULB) verwahrt gegenwärtig rund 3.400 Handschriften, rund ein Zehntel davon entstammt dem Mittelalter. Der Schwerpunkt liegt auf lateinisch- und deutschsprachigen abendländischen Exemplaren. Neben einer Gruppe von 15 teils kunsthistorisch bedeutsamen französischsprachigen Codices sind außerdem vereinzelt griechische, hebräische und in kleinerem Umfang auch außereuropäische (u.a. arabische, persische, türkische) Handschriften vorhanden.

Die Signaturengruppen spiegeln zumeist Provenienzen. Hier stehen an erster Stelle die Handschriftenbestände der ehemaligen Wittenberger "Bibliotheca Electoralis" (Kurfürstliche Bibliothek; Ms. El.) und der einstigen Sammlung des Jenaer Historikers Johann Andreas Bose (Ms. Bos.), denen die wertvollsten Zimelien der ThULB zu verdanken sind. Neben größeren Beständen aus dem ehemaligen Besitz des Jenaer Juristen und Historikers Christian Gottlieb Buder (Ms. Bud.), des Goethe-Enkels Wolfgang Maximilian von Goethe (Ms. G.B.) und des Jenaer Historikers Caspar Sagittarius (Ms. Sag.) befinden sich einzelne Bücher des Orientalisten Georg Heinrich Bernstein (1787-1860; Ms. Bernstein), des Erfurter Beamten Paul Christian Birkner († 1742; Ms. Birkner) und des Barons Carl von Bjelke (Ms. Bjelke) in der Sammlung. Auf Körperschaften bezogene Signaturengruppen sind Ms. Soc. Thur. und Acta Soc. Thur. (Handschriften bzw. Akten des Vereins für Thüringische Geschichte und Altertumskunde), Ms. Conc. Akad. (Noten der Jenaer Akademischen Konzerte) und Ms. Klosterbibl. (fünf Bände, zumindest teilweise aus früherem Jenaer Klosterbesitz, 1759 an die Bibliothek gelangt). Die zugleich quantitativ größte wie inhaltlich heterogenste Gruppe des Handschriftenbestands bilden die (längst endgültig gewordenen) "Provisoria" (Ms. Prov.). Übrige Signaturengruppen: Ms. App. (Appendix Manuscriptorum), Ms. rec. adj. (Manuscripta recens adjecta), Chorbuch (Chorbücher), Ms. Chron. (Chronologische Signaturen), Ms. Fragm. (Fragmentesammlung), Ms. Membr. N.S. (Pergamenthandschriften jüngsten Ankaufdatums), Ms. Mus. (Musikalia), Ms. Palm. Sg. und Ms. Tam. (Palmblatthandschriften, singhalesisch bzw. tamilisch), Stb. (Stammbücher).

Zum Erschließungsstand: Maßnahmen zur Erschließung der Handschriften durch Kataloge, Verzeichnisse und Repertorien reichen bis in das 17. Jh. zurück. Ein umfassender Gesamtkatalog der Handschriften ist mit dem alten Gebäude der Universitätsbibliothek 1945 zerstört worden und bis heute ohne vollständigen Ersatz geblieben. Allerdings liegen mittlerweile für alle mittelalterlichen Handschriften moderne Beschreibungen in gedruckten Katalogen vor; erschlossen sind zudem die griechischen, orientalischen und hebräischen Handschriften (vgl. Kataloge und Literatur). Die neuzeitlichen Handschriften sind großenteils nur über hand- oder maschinenschriftliche Findmittel vor Ort recherchierbar.

Mittelalterliche Handschriften

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Weltchronik Ottos von Freising
2. Hälfte 12. Jahrhundert
ThULB Jena, Ms. Bos. q. 6, Bl. 78v

Unter den etwa 350 mittelalterlichen Handschriften der ThULB befinden sich Exemplare hervorragender kulturgeschichtlicher Bedeutung (Überblick: Irmgard Kratzsch, Schätze der Buchmalerei, Jena 2001, erhältlich im ThULB-Shop). Letztere stammen vorrangig aus der "Bibliotheca Electoralis" und der Sammlung des Johann Andreas Bose, allen voran die Jenaer Liederhandschrift (Ms. El. f. 101 Digitalisat) aus der Zeit um 1330 mit einer etwa zur Hälfte nur in ihr erhaltenen, komplett mit Notation versehenen Sammlung deutscher Sangsprüche des 13./14. Jh. Zu den berühmtesten Chronikhandschriften des Mittelalters zählt Ms. Bos. q. 6 (Digitalisat), die früheste erhaltene illustrierte Abschrift der Weltchronik Ottos von Freising (2. Hälfte 12. Jh.). In dieselbe Kategorie gehört das Autograph der Weltchronik Frutolfs von Michelsberg mit eigenhändigen Ergänzungen Ekkehards von Aura (Ms. Bos. q. 19; 1099/1106 Digitalisat). Weitere herausragende Stücke sind ein Quedlinburger Evangeliar um 1000 mit elfenbeingeschmücktem Einband (Ms. El. f. 3), das illuminierte Jenaer Martyrologium, einziger vollständiger Textzeuge des ältesten deutschsprachigen Martyrologiums (Ms. Bos. q. 3; um 1275 Digitalisat), sowie das Handschriftenpaar des Fest-Evangelistars und Fest-Epistolars Friedrichs des Weisen von 1507 (Ms. El. f. 1-2). Hervorzuheben ist ferner der Bestand an kostbar illuminierten französischsprachigen Handschriften des 15. Jh. (z. B. ein in Paris um 1400 gefertigtes prächtiges Exemplar von De proprietatibus rerum des Bartholomaeus Anglicus in französischer Übersetzung, Ms. El. f. 80 Digitalisat) sowie die mit elf Exemplaren weltweit größte Sammlung illuminierter flämischer Chorbücher aus der Werkstatt des Petrus Alamire mit Vertonungen u.a. von Josquin Desprez, Johannes Ockeghem und Pierre de la Rue; inhaltlich zugehörig sind mehrere deutsche Chorbücher (jeweils frühes 16. Jh.). Eine Handschrift der "Bibliotheca Electoralis" (Ms. Bos. o. 1 Digitalisat) stammt aus der Bibliothek von König Matthias Corvinus (Bibliotheca Corviniana), die 2005 von der UNESCO zum Weltdokumentenerbe (Memory of the World) ernannt wurde.

Neuzeitliche Handschriften

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Stammbuch Johann B. W. Sternberger
Jena 1773-1795
ThULB Jena, Stb. 90, S. 176

Der Bestand an neuzeitlichen Handschriften verdankt sich in erster Linie der Sammeltätigkeit Jenaer Professoren und Gelehrter. Hinzu kommen Bestände verschiedener Jenaer akademischer Institutionen und Körperschaften. Den vielfältigen Sammelschwerpunkten ihrer Vorbesitzer entsprechend ist das inhaltliche Spektrum der neuzeitlichen Handschriften uneinheitlich. Dies gilt besonders für den Bestand vor 1800, der sich zum einen aus Verwaltungsschriftgut der Reichsinstitutionen (Reichstag und -kammergericht), Landtagsakten, Kopialbüchern, Lehenssachen und anderen Juridica zusammensetzt. Hinzu kommen Schriften zur sächsisch-thüringischen Landesgeschichte wie etwa Landes- und Städtechroniken, städtische Statuten, Genealogien oder Erbverträge und Heiratsakten ernestinischer Häuser. Einen großen Teil der Sammlung nehmen Materialien ein, die eng mit der Universität Jena und ihren Angehörigen verbunden sind. Sie entstammen vornehmlich dem 19. und 20. Jh., reichen aber bis in die frühen Universitätsjahre zur Mitte des 16. Jh. zurück. Es handelt sich um handschriftliches akademisches Schrifttum wie Vorlesungs- und Vortragsskripte oder Rechtsgutachten. Hervorzuheben sind die am 15. August 1557 ausgestellte, vom Habsburger Ferdinand I. unterzeichnete Stiftungsurkunde der Universität Jena, die ersten Statuten der Hohen Schule und der Universität Jena (1548/58) sowie die historischen Matrikel der Universität Jena von den Anfängen der Hohen Schule 1548 bis zum Jahr 1882 (die Matrikel 1548-1764 sind ediert, vgl. Kataloge und Literatur) und die Studentenalben der Universität für die Zeit von 1818 bis 1923. Für die lokale Studentengeschichte besonders interessant ist die Sammlung von derzeit rund 160 Stammbüchern in der Regel Jenaer Studenten des 16. bis 19. Jh. Wegen der in Jena zu reicher Blüte getriebenen Sitte, farbige Illustrationen einzufügen, sind diese Stammbücher auch von optischem Reiz (das besonders schöne Stammbuch des Johann Bernhard Wilhelm Sternberger ist als Faksimile im ThULB-Shop erhältlich). Reformationsgeschichtlich außerordentlich wichtig sind die Handschriften aus der 1557 in die Bibliothek gelangten Sammlung Georg Rörer (1492-1557, vgl. den folgenden Abschnitt "Nachlässe und Autographen").

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