Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek

ThULB Jena - Thüringer Universitäts und Landesbibliothek

Objekt des Monats: September 2015

vom 01.09.2015 bis 30.09.2015

Eugen Diederichs zum 85. Todestag

Fotografie des Maifests zu Ehren Ellen Keys auf der Lobdeburg bei Jena

Der Verleger Eugen Diederichs, geboren am 22. Juni 1867 in Löbitz bei Naumburg, starb am 10. September 1930 in Jena und ist auf dem Jenaer Nordfriedhof begraben. 1896 gründete der gelernte Landwirt, dann Buchhändler, seinen Verlag in Florenz und Leipzig als "Verlag für moderne Bestrebungen in Literatur, Naturwissenschaft, Sozialwissenschaft und Theosophie". 1904 zog er nach Jena, mit dem Verlag zuerst in die Jenergasse 6 (über der "Hopfenblüte"), 1907 an den Carl-Zeiß-Platz 5. Hier wurde er zum 'Kulturverleger' par excellence. Er war zweimal mit Schriftstellerinnen verheiratet, 1898-1911 mit Helene Voigt (1875-1961), der Mutter seiner vier Kinder, seit Ostern 1916 mit Lulu von Strauß und Torney. Seine Wohnung lag im ersten Stock des damals neu gebauten Hauses in der Sedanstraße 8 (heute Ebertstraße), ab 1928 lebte er im eigenen Haus in der Beethovenstraße 30.

Schon in Leipzig versammelte Diederichs Kreise von Gleichgesinnten, Jugendlichen und Reformfreudigen, Büchermenschen und Künstlern um sich. In Jena pflegte er von Anfang an Festlichkeiten in der Natur. Zum 6. Mai 1906 lud das Verlegerehepaar eine "liebwerte" Gesellschaft zur Maibowle am Sonntagnachmittag zu Ehren der befreundeten Schriftstellerin Ellen Key (1849-1926) auf die Lobdeburg, wovon das Objekt des Monats September, eine Fotografie von Gustav Kerb, zeugt. Ein Zeitungsartikel von Diederichs selbst erschien drei Tage später in der Jenaischen Zeitung ("Der 'Willkommen' auf der Lobedaburg") - in dem er sich dem genius loci, dem romantischen Geist Jenas in Vergangenheit und Zukunft ergibt und ein poetisch-philosophisch-religiöses Fest, Frühlingserwachen und Verbrüderungsstimmung nachzeichnet. (http://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00169328/1906_Jenaische_0728.tif). Ellen Key war mehrfach Diederichs' Gast in Jena (ohne je seine Autorin zu werden): "Ich führte sie in Jena an die historischen Stätten und zeigte ihr die 'blaue Blume der Romantik', die Küchenschelle, die hier im Vorfrühling seltsam blüht, wenn die Natur noch schläft. Noch 1919 schrieb sie in einer schwedischen Zeitschrift: "'Wenn man nach Jena kommt, muß man sich von Eugen Diederichs führen lassen.'" ("Lebensaufbau", mschr. Ms., 1920, S. 154).

Die Fotografie erzählt aber auch von der Welthaftigkeit, die Eugen Diederichs immer umgab - in seiner Gruppierung von Studenten, Künstlern, Schriftstellern, Buchhändlern und Wissenschaftlern: In der Mitte links, stehend, mit Glas in der Hand, Eugen Diederichs; rechts, neben Ellen Key sitzend, seine jugendliche Ehefrau, damals schon Mutter von vier Kindern; Ellen Key, die schwedische Reformpädagogin und Schriftstellerin, als bekränzte Zentralfigur, auf dem Zenit ihres Ruhms, nachdem ihr Buch "Das Jahrhundert des Kindes" 1902 bei S. Fischer, Berlin, auf Deutsch erschienen war; rechts, sitzend, der Physiker Felix Auerbach und seine Frau Anna, fast Nachbarn der Diederichs-Familie, die sich 1933 gemeinsam das Leben nahmen; links der Germanist und Leipziger Bibliothekar Hans Schulz (1870-1939), der "Onkel Schulle" der Familie seit dem Leipziger Freundeskreis; links, stehend, der Schriftsteller Wilhelm Hegeler (1870-1943), dem Verleger bekannt durch den Friedrichshagener Dichterkreis, kein Autor, doch ein Rezensent von Verlagsbüchern; mittig, stehend, Erich Kuithan (1875-1917), mit der Geige in der Hand, Künstler und Leiter der durch die Carl-Zeiss-Stiftung finanzierten Zeichenschule, ein tiefer Verehrer von Helene Diederichs; neben ihm, noch ein Student, Alphons Paquet (1881-1944), Volkswirtschaftler, Dichter, bald Weltreisender, bald auch Sekretär des Werkbunds in Hellerau, der seine Bücher seit 1908 zum Teil bei Diederichs erscheinen ließ; rechts, stehend, der lebenslange Buchhändlerfreund Eckard Klostermann (1870-1958), seit 1900 Gesellschafter der Frommann'schen Hof-Buch- und Kunsthandlung in Jena, Gründungsmitglied des Jenaer Kunstvereins 1903, später in Bonn, Vater des Frankfurter Verlegers Vittorio Julius Klostermann; nicht zu vergessen schließlich die Frauen und Mädchen, Studentinnen, denen Diederichs immer unbeschwert zugetan war, unter ihnen, bekränzt und bekränzend, die Studentin Elisabeth Ziegler.

Im letzten Lebensjahrzehnt erkrankte Diederichs mehrfach schwer und litt seit 1929 an einer Folge von Erschöpfungszuständen und Krankheiten, die 1930 als Polyneuritis diagnostiziert wurde. Lähmungserscheinungen traten auf und nahmen zu, zu Ostern 1930 kam er ein letztes Mal in den Verlag; bald konnte er nicht mehr sprechen, bald nicht mehr schreiben. Doch trug er sein Leiden in philosophischer Weise (siehe "In Memoriam Eugen Diederichs", Jena 1930). Von der Beerdigung am 13. September erzählte einer der ihn verehrenden Jungbuchhändler, Gotthold Müller: "An dem Samstag vor den kritischen September-Wahlen, in denen die Nazis zum ersten Mal mit über hundert Abgeordneten in den Reichstag einzogen, wurde dieser große Mann auf dem Friedhof am Saalehang zu Grabe getragen, unter dem Geläut sämtlicher Glocken Jenas, das dem Ehrenbürger galt [der er seit seinem 60. Geburtstag war], und den Kampfgesängen der beiden demonstrierenden Parteien, hie Kommunisten, hie Nazis!" (Interview H. G. Göpfert, Ms., S. 2/3).

Fotografie von Gustav Kerp, Jena, 6.5.1906. ThULB Jena, Sammlung Ulf Diederichs

Ansprechpartnerin: Dr. Irmgard Heidler

Literatur:

Vgl. zu Eugen Diederichs zuletzt: Ulf Diederichs, Eugen Diederichs und sein Verlag. Bibliographie und Buchgeschichte 1896 bis 1931, Göttingen 2014. ThULB Suche

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