Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek

ThULB Jena - Thüringer Universitäts und Landesbibliothek

Objekt des Monats: Oktober 2016

vom 01.10.2016 bis 31.10.2016

Ein Dürer-Fund in Luthers "Wider Hans Worst"

Das Klischee, Hüter/innen alter Bücher in Bibliotheken seien Zerberusse mit dem festen Willen, ihre Schätze vor dem Zugriff anderer Menschen zu bewahren, mag noch heute hier und da zutreffen. Solch einem Zerberus jedenfalls bliebe manch Erfreuliches versagt, wie das Objekt des Monats Oktober belegt.

Vor einigen Monaten konsultierte ein Doktorand einer angesehenen schottischen Universität, der sich mit Drucken der Reformationszeit beschäftigt, in der ThULB über mehrere Tage einschlägige Bände. Dabei bemerkte er inmitten eines der Bücher ein Blatt mit einem Kupferstich Albrecht Dürers, dessen Existenz bis dato unbekannt war. Der wertvolle, dem Nutzer zu verdankende Fund beschert der ThULB die Gewissheit, ein (einziges) graphisches Blatt des großen Nürnberger Künstlers zu besitzen.

Der Kupferstich gehört zu Dürers bekannteren Porträtarbeiten. Dargestellt ist der bedeutende Kardinal Albrecht von Brandenburg im Profil-Brustbild, nach rechts blickend, umgeben von einem Wappen und Beischriften. Oben steht das Entstehungsjahr MDXXIII (1523), links unten entdeckt man Dürers vertrautes Signet "AD". Das Blatt misst 18,5 x 15 cm. Im Abgleich mit Joseph Meder, Dürer-Katalog. Ein Handbuch über Albrecht Dürers Stiche, Radierungen, Holzschnitte, deren Zustände, Ausgaben und Wasserzeichen, Wien 1932, S. 110 f., Nr. 1011 zeigt sich, dass es einem frühen Plattenzustand des von Dürer mehrfach überarbeiteten Porträts entspricht: dem Zustand 1 in der Variante b (vor der Aufätzung; Wasserzeichen Krug mit Buchstaben D B). Das gestochene Motiv geht auf eine Silberstiftzeichnung zurück, die Dürer in Nürnberg anfertigte, als Albrecht 1522/23 dort auf dem Reichstag weilte.

Der Band mit der Signatur 4 Hist.lit.V,47, in den der Kupferstich eingebunden ist, umfasst 17 Flugschriften aus der Zeit von 1541 bis 1546. Gemäß einer Notiz auf dem ersten Blatt kaufte Theodoricus Fredenus Brunsuicensis den Band 1546 in Wittenberg. Über ihn wissen wir, dass er im Sommersemester 1544 an der dortigen Universität immatrikuliert wurde. Der Stich ist um das Doppelblatt Hii / Hiii des vierten in dem Band enthaltenen Drucks eingehängt: "Wider Hans Worst" von Martin Luther, 1541 in Marburg erschienen (VD 16 L 7519). Diese wegen Luthers besonders grobem Ton berüchtigte, im selben Jahr zuerst in Wittenberg erschienene polemische Schrift greift Herzog Heinrich II. von Braunschweig-Wolfenbüttel an. Letzterer hatte sich 1538 mit den Anführern des Schmalkaldischen Bundes, Kurfürst Johann Friedrich I. von Sachsen und Landgraf Philipp I. von Hessen, verfeindet. In einer aus diesem Konflikt resultierenden, Ende 1540 herausgegebenen Streitschrift Heinrichs las man die Behauptung, Luther habe Johann Friedrich als "Hans Worst" bezeichnet. In seiner Replik "Wider Hans Worst" wendet Luther diesen Spottnamen nun gegen Heinrich selbst und verteidigt die protestantische Glaubenslehre.

Luther rechnet in "Wider Hans Worst" neben anderen Widersachern auch mit Albrecht von Brandenburg ab - genau an der entsprechenden Textstelle ist im Jenaer Exemplar Dürers Stich eingebunden. Da der Vorbesitzer des Buchs aus dem Braunschweigischen stammte (s.o.), war er an Luthers Schrift gegen Herzog Heinrich sicher besonders interessiert. In der Passage reflektiert Luther die Entzweiung Kurfürst Friedrichs des Weisen und Albrechts. Auf dem Wormser Reichstag 1521 waren sich beide noch herzlich zugetan gewesen, doch agierte Albrecht nur wenig später gegen den Kurfürsten. Friedrichs Gefühle zwischen Zuneigung und Ernüchterung beschreibt Luther einprägsam: Erst habe der Kurfürst "solchen gefallen und hoffnung zu dem Bischoue [Albrecht]" gehabt, "das er dis fröliche wort hat gesagt: Last mir den man mausen, Er wirds thun. Aber nicht lange hernach, da er das Kreutlin erkennen lernte, hat er also gesagt bei den seinen: Nu hat mich meinn leben lang keyn mensch also beschissenn, als der Pfaff. Denn es verdros in ubel, das er den Pfaffen so gelobt und doch gefeilet hatte." Wenige Zeilen später schließt Luther sich selbst ein: "Ich dachte für war, Er [Albrecht] were eyn Engel. Er hat den rechten Meyster Teufel, der sich so schön butzen kann, und doch darunter uns Lutherische Buben schalt, unnd was er wider diese Lere vermocht zuthun, nicht unterlassen hat. Ich meyne ja, ich sei auch beschissen in meinem hohen vertrawen auff solchen bösen menschen." - Dürers Kardinal indes nimmt's gelassen und schaut stoisch aus dem Buch heraus.

Signatur: 4 Hist.lit.V,47 (4)

Ansprechpartner: Dr. Joachim Ott

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