Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek

ThULB Jena - Thüringer Universitäts und Landesbibliothek

Objekt des Monats: November 2017

vom 01.11.2017 bis 30.11.2017

ZUR ERINNERUNG AN FELIX HAUSDORFF (1868-1942) UND DEN 9. NOVEMBER 1938

BRIEF VON FELIX HAUSDORFF AN FRANZ MEYER. BONN, 6. DEZEMBER 1938

Als Franz Meyer (1880-1973) im November 1905 seine Tätigkeit an der Universitätsbibliothek Jena aufnahm, war er ein begeisterter Anhänger Friedrich Nietzsches. Er hatte in der Philosophischen Gesellschaft zu Jena einen Lektürekurs zu Nietzsches Abhandlungen über die "Genealogie der Moral" geleitet, mehrfach selbst über Nietzsche vorgetragen und ihn gegen psychologisierende Interpretationen verteidigt. Meyer tauschte sich nicht nur in Jena über Nietzsche aus. Er suchte den Kontakt zu Autoren, die Nietzsche nicht nur wissenschaftlich analysierten, sondern ihn auch als weltanschauliche Orientierungshilfe schätzten.

Wir wissen nicht, ob Meyer in der "Zukunft" die Selbstanzeige eines gänzlich unbekannten philosophischen Schriftstellers las, der sich für sein Debüt die "Spezies freier, genußfähiger, wohlgelaunter Menschen, die aller feierlichen Borniertheit und polternden Rechthaberei niederer Kulturformen entwachsen sind", wünschte. Wohl aber wissen wir, dass ihn das angezeigte Buch Paul Mongrés "Sant' Ilario. Wanderungen in der Landschaft Zarathustras" fasziniert hatte. Er reiste mit dem Buch ans Ligurische Meer - die Landschaft Zarathustras - und zeichnete die von Mongré und Nietzsche geliebten Zypressen von Sant' Ilario. Seine handschriftliche Autobiographie von 1948 (ThULB, Nachlass Franz Meyer, Kasten 8) und eine Federzeichnung der Zypressen (Nachlass Meyer, Kasten 6) erinnern an das Lektüreerlebnis.

Paul Mongré war das Pseudonym des Mathematikers Felix Hausdorff, der grundlegende Beiträge zur Mengenlehre, zur Maßtheorie, Topologie, Funktionalanalysis und Wahrscheinlichkeitstheorie leistete und 1914 die allgemeine Topologie als eigenständige mathematische Disziplin begründete. Meyer, vom Nietzsche-Bild Mongrés begeistert, schrieb dem Autor Ende 1903. Hausdorffs Antwort vom 8. Februar 1904 eröffnete eine intensive philosophisch-literarische Korrespondenz, die von gelegentlichen Besuchen Meyers in Leipzig, wo Hausdorff bis 1910 lehrte, aufgelockert wurde. Hausdorffs Briefe an Meyer aus den Jahren 1904 bis 1917 zählen zu den wichtigsten Qellen zur Biographie und philosophischen Entwicklung des großen Mathematikers überhaupt. Warum nach 1917, anscheinend auf beiden Seiten, das Interesse an der Beziehung erlahmte und die Verbindung für mehr als 20 Jahre abbrach, ist nicht bezeugt. Meyer konzentrierte sich zunehmend auf seine Tätigkeit an der Universitätsbibliothek Jena, von der er sich aber 1933 beurlauben ließ, um dem Regime keine Loyalität erweisen zu müssen. Philosophisch rückte er in den 1920er Jahren von Nietzsche ab und wandte sich vor allem Max Scheler und David Henry Thoreau zu. Hausdorff publizierte nichts Philosophisches mehr und war, wie er einmal schrieb, nun nur noch "ganz eingeschneit in reine Mathematik".

Meyers Erinnerungen an Hausdorff waren 1938 noch so lebendig, dass er diesem zum 70. Geburtstag gratulierte. Der hier vorgestellte Dankbrief gehört zu den ergreifendsten Selbstzeugnissen Hausdorffs. Hausdorff vereinsamte nach 1935, nur wenige Kollegen kümmerten sich noch um den jüdischen Mathematiker. Der Novemberpogrom, einen Tag nach seinem 70. Geburtstag am 8. November 1938, war ein Wendepunkt in seinem Leben. Seine Frau schrieb 1941 in einem Brief mit Blick auf die Ereignisse im November 1938: "von da an hat Leid und Aufregung nicht mehr aufgehört". Angesichts der drohenden Deportation in ein Vernichtungslager nahmen sich Charlotte und Felix Hausdorff 1942 das Leben.

Signatur: Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek Jena, Nachlass Franz Meyer, Kasten 1.

Ansprechpartner: Dr. Uwe Dathe

Literatur:

Uwe Dathe: "Philosophie als eigene Antwort auf die Frage Welt". Briefe Felix Hausdorffs an Franz Meyer. In: NTM. Zeitschrift für Geschichte der Wissenschaften, Technik und Medizin N.S. 15 (2007), S. 137-147.

Felix Hausdorff: Gesammelte Werke. Band IX: Korrespondenz. Hrsg. von Walter Purkert, Berlin u.a.: Springer 2013, S. 501-513.

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