Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek

ThULB Jena - Thüringer Universitäts und Landesbibliothek

Objekt des Monats: Mai 2018

vom 01.05.2018 bis 31.05.2018

KARL MARX: DAS KAPITAL. KRITIK DER POLITISCHEN OEKONOMIE. ERSTER BAND. HAMBURG: MEISSNER, 1867. - XII, 784 S.


"[…] es ist der letzte Endzweck dieses Werks das ökonomische Bewegungsgesetz der modernen Gesellschaft zu enthüllen […]." (S. XI)

Als Karl Marx im September 1867 den druckfrischen ersten, in einer Auflage von 1.000 Exemplaren erschienenen Band seines opus magnum "Das Kapital. Kritik der politischen Oekonomie" in Händen hielt, durfte wohl weder der Hamburger Verleger Otto Meißner noch der Autor selbst geahnt haben, welch geradezu welthistorische Wirkung dieses Werk entfalten sollte.

Der Geburtstag des Philosophen, Ökonomen und Gesellschaftstheoretikers, der im April 1841 im Alter von 22 Jahren an der Universität Jena mit der Schrift "Differenz der demokritischen und epikureischen Naturphilosophie" in absentia zum Dr. phil. promoviert wurde, jährt sich am 5. Mai zum 200. Mal.

Am Projekt einer "Kritik der politischen Ökonomie" arbeitete Marx rund vier Jahrzehnte. Während er eine überarbeitete zweite Auflage des ersten "Kapital"-Bandes, der dem "Produktionsprocess des Kapitals" gewidmet ist, 1872 noch selbst auf den Weg bringen sowie eine russische (1872) und französische (1872-1875) Übersetzung desselben begleiten konnte, war ihm der Abschuss seines Hauptwerks nicht mehr vergönnt. Nach Marx' Tod 1883 stellte sein Weggefährte Friedrich Engels aus den nachgelassenen Manuskripten noch zwei Folgebände zusammen. Band 2 erschien 1885 mit dem Untertitel "Der Cirkulationsprocess des Kapitals". Neun Jahre später folgte als dritter Band "Der Gesammtprocess der kapitalistischen Produktion" (1894).

Im "Kapital" unternimmt Marx den Versuch, die grundlegenden Gesetzmäßigkeiten kapitalistischer Gesellschaften zu entschlüsseln. Seine Kritik zielt dabei sowohl auf die Theorien der klassischen Nationalökonomie (Adam Smith, David Ricardo u.a.) als auch auf die politischen Ordnungen seiner Zeit und das nach Marx sie verschleiernde 'bürgerliche Bewusstsein'.

In seinem Londoner Exil, in das er nach dem Ende der Revolution in Deutschland 1849 gehen musste, hatte Marx ausgiebig Gelegenheit, die Entstehung kapitalistischer Produktionsweisen zu studieren und hierfür auf die riesige Bibliothek des British Museum zurückzugreifen. England war damals das fortgeschrittenste Industrieland der Welt, und Marx war überzeugt, dass alle anderen Länder dessen Weg folgen müssten. Seine Vorgehensweise verglich Marx dabei mit der eines Naturwissenschaftlers.

"Der Physiker beobachtet Naturprozesse entweder dort, wo sie in der prägnantesten Form und von störenden Einflüssen mindest getrübt erscheinen, oder, wo möglich, macht er Experimente unter Bedingungen, welche den reinen Vorgang des Prozesses sichern. Was ich in diesem Werk zu erforschen habe, ist die kapitalistische Produktionsweise und die ihr entsprechenden Produktions- und Verkehrsverhältnisse. Ihre klassische Stätte ist bis jetzt England. Diess der Grund, warum es zur Hauptillustration meiner theoretischen Entwicklung dient." (S. IX)

Die allgemeinste Beschreibung des Kapitals, das, was den Kapitalismus im Kern ausmacht, fand Marx in der Formel G - W - G'. Geld (G) wird investiert, um Waren (W) herzustellen. Diese Ware wird in Geld rückverwandelt, und zwar so, dass dabei mehr Geld (G') erwirtschaftet wird als zuvor investiert wurde.

"Kaufen um zu verkaufen, oder vollständiger, kaufen um theurer zu verkaufen […]. In der That also ist G - W - G' die allgemeine Formel des Kapitals, wie es unmittelbar in der Circulationssphäre erscheint." (S. 117)

Kapital kann nach Marx demnach weder als Ding (Rohstoffe, Maschinen, Gebäude etc.) noch als Geldsumme begriffen werden, sondern nur als eine Bewegung, ein Prozess. Kapital ist eine Wertsumme, die diese Bewegung G - W - G' vollzieht. Das treibende Motiv und den bestimmenden Zweck des kapitalistischen Produktionsprozesses identifizierte Marx demnach nicht in der Befriedigung von Bedürfnissen, sondern in der möglichst großen, maß- und rastlosen "Selbstverwerthung des Kapitals". Diese Selbstverwertung ist ausgelegt auf eine möglichst große Produktion von Mehrwert, d. h. den Überschuss über den ursprünglichen Wert (die Differenz von G' und G). Und da Marx in der Arbeitskraft die alleinige Quelle der Mehrwertschöpfung sah, hieß dies für ihn letztlich: Die Selbstverwertung des Kapitals geht gleichsam naturgesetzlich einher mit der möglichst großen "Ausbeutung der Arbeitskraft durch den Kapitalisten" (S. 312 f.).

Als scharfsinniger Analytiker beschrieb Marx nicht nur den zunehmenden 'Klassenkampf' von Proletariat (Arbeit) und Bourgeoisie (Kapital) sowie die widersprüchlichen Kräfte des Kapitals, die immer wieder Reichtum und Elend zugleich hervorbringen. Als Prognostiker leitete er vielmehr daraus auch ab, dass diese Gegensätze niemals innerhalb des Kapitalismus, sondern nur durch die proletarische Revolution beseitigt werden können. Marx konnte sich nicht vorstellen, dass eine Gesellschaft, die auf Ausbeutung beruhte, dauerhaft Bestand haben würde. Denn die Ausbeutung von Menschen war für ihn gleichbedeutend mit einer Negation ihres Menschseins. Dagegen würden sie früher oder später revoltieren. Was dann kommen würde, nannte Marx in hegelscher Diktion die "Negation der Negation" (S. 745). Das politische Ziel der "Kritik der politischen Ökonomie" sah Marx in der Aufhebung der kapitalistischen Gesellschaftsordnung durch die ausgebeutete Arbeiterklasse. So heißt es in revolutionärem Gestus mit Verweis auf das "Kommunistische Manifest" (1848) in einer berühmten Sentenz gen Ende des "Kapital": "Die Stunde des kapitalistischen Privateigenthums schlägt. Die Expropriateurs werden expropriirt." (S. 744)

Eine kommunistische Gesellschaft, in der das Privateigentum an Produktionsmitteln abgeschafft wäre und daher auch nicht mehr mit dem Ziel der Profitmaximierung produziert würde, sollte an die Stelle der kapitalistischen Gesellschaftsordnung treten. Eine ausführliche Konzeption für eine solche Gesellschaft hat Marx gleichwohl nicht entworfen, weder im "Kapital" noch in anderen Schriften.

Die Beurteilung von Marx als Analytiker, Prognostiker und Revolutionär sind bis heute Gegenstand kontroverser Debatten. Unbestritten ist, dass "Das Kapital" zu den wirkmächtigsten Publikationen des 19. Jahrhunderts zählt und ideengeschichtlich als Klassiker des ökonomischen und sozialwissenschaftlichen Denkens seinen festen Platz hat. In vielfach gebrochener Art und Weise und nicht immer im Rückgriff auf den Originalgehalt hatte das Werk nicht nur großen Einfluss auf nahezu alle Disziplinen der Sozial-, Wirtschafts- und Geisteswissenschaften, sondern, wie ein Blick auf die Entwicklung der sozialistischen und kommunistischen Bewegungen des 19. und 20. Jahrhunderts zeigt, auch ganz handgreiflich auf die gesellschaftliche und politische Wirklichkeit selbst. In Zeiten globaler Banken-, Staatsschulden- und Wirtschaftskrisen wirkt sein enormer Einfluss auch jenseits des traditionellen Marxismus in Wissenschaft, Politik und Gesellschaft bis heute nach.

Das vorliegende Jenaer Exemplar der Erstausgabe ist in einen schmucklosen Bibliotheks-Halbkunstledereinband aus der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts gefasst und weist auf dem Buchrücken eine schlichte Prägung mit Angabe von Autor, Titel, Bandzählung und Signatur auf. Zu einem Preis von 3 Talern und 10 Neugroschen erschien der Oktav-Band ursprünglich broschiert lediglich in einem gelben Schutzumschlag aus Papier, der im vorliegenden Exemplar jedoch nicht erhalten blieb. Der Titelaufdruck auf dem ersten Umschlagsblatt war etwas anders gestaltet als auf dem weißen Titelblatt. Die Rückseite desselben trägt einen zeitgenössischen ovalen Bibliotheksstempel mit dem Schriftzug "BIBL[IOTHECA]. UNIV[ERSITATIS]. IENENS[IS]." Im sogenannten "Vermehrungsbuch" der Universitätsbibliothek Jena ist die Akzession des Bandes für das Jahr 1869 unter Nummer 227 nachgewiesen. Anstreichungen und einige wenige Randglossen von unbekannter Hand geben Zeugnis von zeitgenössischer Lektüre.

Signatur: 8 Cam.IX(S.p.),1120a:1

Ansprechpartner: Dr. Uwe B. Glatz

Objekt des Monats: Mai 2018
Objekt des Monats: Mai 2018
Akzessionsnachweis des „Kapital“ für das Jahr 1869 (Nr. 227)
 | ThULB Suche | Online-Katalog | Benutzerkonto