Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek

ThULB Jena - Thüringer Universitäts und Landesbibliothek

Objekt des Monats: Mai 2014

vom 01.05.2014 bis 31.05.2014

Brief Elisa von der Reckes an Wilhelmine von Sagan, Pauline von Hohenzollern-Hechingen und Johanna von Acerenza, 6. Mai 1814

Sie verfasste pietistisch-empfindsame Gedichte, ein Drama, Reisebeschreibungen und Memoiren. Ihre entlarvende Schrift über den "magischen" Hochstapler Cagliostro machte sie 1787 europaweit bekannt: Die heute nahezu vergessene deutschbaltische Dichterin Elisa von der Recke wurde vor 260 Jahren am 20. Mai 1754 geboren.

Elisa von der Recke war die ältere Stiefschwester der Herzogin Dorothea von Kurland und die Patin Theodor Körners. Mit zahlreichen bedeutenden Persönlichkeiten des politischen und geistigen Lebens ihrer Zeit war sie bekannt oder befreundet, so mit Klopstock, Friedrich Nicolai, Johann Gottfried Seume, Johanna Schopenhauer oder Beethoven. Ihre autobiographischen Aufzeichnungen sowie vielfältigen Korrespondenzen legen davon eindrucksvoll Zeugnis ab.

Auch die Adressatinnen des vorliegenden Briefes, Töchter der Herzogin und somit Nichten von der Reckes, machten seinerzeit von sich reden: Die zweifach geschiedene Wilhelmine von Sagan (1781-1839) war die Geliebte Metternichs und führte während des Wiener Kongresses einen politisch einflussreichen Salon. Johanna von Acerenza (1783-1876) war mit Metternichs engem Vertrauten Friedrich von Gentz liiert, während Pauline von Hohenzollern-Hechingen (1782-1845) durch ihre Liaison mit General Ludwig von Wallmoden-Gimborn (einem Enkel des britischen Königs Georg II.) in Wien Aufsehen erregte.

Der ausgewählte Brief vom 6. Mai steht ganz im Zeichen der politischen Entwicklungen des Jahres 1814: Der Erste Pariser Frieden besiegelt am 30. Mai das Ende der Koalitionskriege gegen Napoleon und schafft die Voraussetzungen für den Wiener Kongress, der im September beginnen wird. Die Schwestern machen sich auf nach Paris, um den dortigen Ereignissen beizuwohnen. Ihre Mutter, die Herzogin von Kurland, welche zunächst eine Verehrerin Napoleons war, nun als eine entschiedene Gegnerin desselben hervortritt, ist bereits vor Ort. Auch ihre jüngste Tochter Dorothea von Sagan hält sich in Paris auf. Sie wird den französischen Außenminister Talleyrand als enge Vertraute nach Wien zum Kongress begleiten.

Das Beziehungsgefüge, in welchem sich Elisa von der Recke und ihre Familie bewegten, deutet sich in dem Brief ebenso an wie die Bedeutung des Politischen im Denken und Agieren der Protagonistinnen. Dabei tritt ein weibliches Selbstbewusstsein zutage, das über den privaten Bereich hinaus politische Handlungsspielräume und Einflussmöglichkeiten erkennt und zu nutzen weiß. Dies konnte auch, wie die Autorin ausführt, zu Unstimmigkeiten und Konflikten innerhalb der Familie führen. Der empfindsam-überschwängliche Ton des Briefes ist dabei nicht allein der Persönlichkeit von der Reckes geschuldet, sondern durchaus charakteristisch für die Briefkultur des 18. und frühen 19. Jahrhunderts. Auch die patriotischen Anklänge sind im zeitlichen Kontext zu sehen und zu bewerten. Nachfolgend eine kleine Kostprobe:

"Nachod d: 6 May 1814. So schmerzhaft es mir ist, Euch, meines Lebens beste Freude, Euch Ihr theuren Kinder meines Herzens, nicht hier zu sehen, eben so sehr freue ich mich Eures Entschlusses nach Paris zu reisen. Hätte ich Geld und Gesundheit, ich würde jetzt auch die Reise nach Paris machen. Nun freue ich mich darüber daß Ihr den Genuß haben werdet, unsre Monarchen und Truppen als verehrte Sieger in dem Orte zu sehn, von wo aus uns seit 23 Jahren so viel Unheil, und auch der Schmerz kam, daß Eure uns so liebe Mutter ein ganz andres Interesse hatte als das, welches uns beseelte. Nun ist wenigstens dies schmerzliche Gefühl für uns vor der Hand gehoben, daß Eure holde Mutter uns, und wir der gutmüthigen Seele wehethun werden, wenn über politische Gegenstände gesprochen wird. Daß Ihr meine Kinder, und Eure Mutter auch jetzt noch verschiedne Ansichten haben werdet, davon bin ich überzeugt, und so meine Lieben bitte ich Euch, zu schweigen wenn Eure Mutter Euch Dinge vorträgt über die Ihr anders denkt. […] So teutsch und rechtlich gesinnte Wesen als Ihr seyd, selbst von einer Nation die uns unterdrücken wollte, verehrt zu sehn, würde mich unsäglich freuen: und um wie viel mehr würde meine Freude erhöht werden, wenn diese sich allein klug dünkenden Menschen eingestehn müßten, daß die Lieblinge meines Herzens, so liebenswürdige und schätzbare Wesen sind, wie man sie selten findet. […] Daß Ihr mich auch in Teplitz und Carlsbad nicht ohne Nachricht von Euch lassen werdet, dieß verbürgt mir Eure Liebe, die wahrlich meine beste Lebensfreude ist. Das [sic!] aber Briefe über die Post in Paris geöffnet werden, dieß muß Euch Ihr Lieben gegenwärtig bleiben, aber ich hoffe durch Metternich, oder auch durch Humbold [sic!] werdet Ihr mir offenherzig schreiben können. Ich werde meine Briefe an Euch fortdauernd nach Wien adressieren. Sage Du meine Wilhelmine Deinem verehrten Freunde Metternich daß er in mir eine Verehrerin hat, und dem altteutschen Windischgrätz und unsern Lichtensteinen sage viel Liebes von mir. […]"

Signatur: Nachl. Biron, Abt. B, Va, Bl. 4-5

Ansprechpartner: Dr. Boris Hoge-Benteler

Literatur:

Donnert, Erich: Schwärmerei und Aufklärung. Die kurländische Freifrau Elisa von der Recke (1754-1833) in den Geisteskämpfen ihrer Zeit. Frankfurt a. M., New York: Lang 2010.

Erbe, Günter: Dorothea Herzogin von Sagan (1793-1862). Eine deutsch-französische Karriere. Köln: Böhlau 2009.

McGuigan, Dorothy Gies: Wilhelmine von Sagan. Zwischen Napoleon und Metternich. Wien: Amalthea 1994.

Recke, Elisa von der: Mein Journal. Elisas neu aufgefundene Tagebücher aus den Jahren 1791 und 1793/95. Hrsg. und erl. von Johannes Werner. Leipzig: Koehler & Amelang 1927.

Recke, Elisa von der: Tagebücher und Selbstzeugnisse. Hrsg. u. mit einem Vorw. vers. v. Christine Träger. Leipzig: Koehler & Amelang 1984.

Söhn, Gerhart: Frauen der Aufklärung und Romantik. Von der Karschin bis zur Droste. Düsseldorf: Grupello 1998.

 | ThULB Suche | Online-Katalog | Benutzerkonto