Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek

ThULB Jena - Thüringer Universitäts und Landesbibliothek

Objekt des Monats: Juni 2017

vom 01.06.2017 bis 30.06.2017

Georg Neumark: Wer nur den lieben Gott läßt walten (1657)

Das von Georg Neumark (* 1621 in Langensalza; † 1681 in Weimar) verfasste und vertonte Lied "Wer nur den lieben Gott läßt walten" gilt als eines der bekanntesten Kirchenlieder überhaupt. Schon seit dem späten 17. Jahrhundert ist es in den evangelischen Gesangbüchern enthalten (aktuell: EG 369), wurde später jedoch auch in das katholische Gotteslob (GL 424) und die Gesangbücher weiterer christlicher Konfessionen aufgenommen. Darüber hinaus wurde die Melodie zahlreichen anderen Liedtexten des Evangelischen Gesangbuchs zugeordnet und gehört damit zu den Hauptmelodien des protestantischen Kirchengesangs; auch existieren verschiedene Bearbeitungen des Lieds, u.a. von J. S. Bach und F. Mendelssohn Bartholdy.

Vor 360 Jahren - im Jahr 1657 - erfolgte unter dem Titel "Trostlied" der Erstdruck des prominenten Liedes. Er befindet sich im Bestand der ThULB und ist unser Objekt des Monats Juni.

Dem hohen Bekanntheitsgrad des Liedes steht die weitgehende Vergessenheit des Autors gegenüber. Dabei war Georg Neumark zu Lebzeiten als Dichter hochangesehen und galt unter Zeitgenossen als legitimer Nachfolger von Martin Opitz und Paul Fleming. Er war Mitglied und Sekretär der "Fruchtbringenden Gesellschaft", einer der wohl bedeutsamsten Sprach- und Dichtersozietäten des 17. Jahrhunderts, und stand mit fast allen literarischen Größen der Epoche in Kontakt. Sein Werk ist umfangreich und vielgestaltig, heute jedoch, mangels neuerer Editionen, nur noch schwer zugänglich.

Dieser Umstand mag auch ein Hauptgrund dafür sein, dass die Entstehungsgeschichte des "Trostliedes" heute nahezu unbekannt ist. Diese findet sich als Anmerkung zu einem Gedicht in Neumarks später Veröffentlichung "Thränendes Haus-Kreutz" (1681) abgedruckt, einer kleinen Dichtung, welche der im Alter erblindende Autor seinen Kindern, wie er selbst in der Widmungsvorrede angibt, "nach und nach in die Feder dictiret" haben will. In besagter Fußnote geht es dem Autor jedoch ausdrücklich nicht um die Mitteilung autobiographischer Details, sondern um die Anführung eines "Exempels" für die Gnade Gottes selbst in schwierigsten Zeiten.

Das "Exempel" führt den Leser hinein in die Wirren des Dreißigjährigen Krieges: Nach Abschluss seiner Schulausbildung am seinerzeit hochangesehenen Gothaer Gymnasium machte sich Neumark im September 1641 auf, in Königsberg das Studium der Jurisprudenz aufzunehmen. Königsberg war damals, da vom Kriegsgeschehen verschont, als Studienort außerordentlich begehrt. Da der Weg von Thüringen nach Königsberg über Leipzig, Berlin und das Weichselland kriegsbedingt als äußerst beschwerlich und gefährlich galt, entschied er sich für den sichereren Seeweg: Er schloss sich bis Leipzig und von dort aus weiter in Richtung Norden jeweils einer "starken Kaufmannsfuhr" an, um sich schließlich in Lübeck nach Königsberg einzuschiffen. Der Plan jedoch schlug fehl: In einem Wald nahe Gardelegen im heutigen Sachsen-Anhalt wurde der Zug, vermutlich durch marodierende Soldateska, überfallen und geplündert. Neumark verlor dabei, bis auf sein Stammbuch und einige wenige Geldstücke, fast alles, kam aber mit dem Leben davon. Da eine Umkehr aus Sicherheitsgründen nicht infrage kam setzte Neumark seine Reise "mit ein paar guten Freunden" fort und gelangte so nach Magdeburg.

In einer solchen schwierigen Situation war das Mitführen eines Stammbuchs von grundlegender Bedeutung: In ihm befanden sich Eintragungen derjenigen Akademiker, mit welchen Neumark bis dato in Kontakt getreten war. Das Stammbuch fungierte somit als eine Art Personalausweis und Empfehlungsschreiben, was im Falle Neumarks dazu führte, dass er in Magdeburg, obschon völlig mittellos, beim dortigen Domprediger freundliche Aufnahme fand. Dieser bemühte sich auch redlich um eine Anstellung, allerdings erfolglos, sodass er ihn weiter nach Lüneburg empfahl. Ähnliche Erfahrungen - freundliche Aufnahme und Versorgung, vergebliche Bemühung um ein Auskommen und enttäuschte Weiterreise - machte Neumark während der folgenden Monate immer wieder, so in Lüneburg, Winsen, Hamburg und, zunächst, in Kiel, wo er im Januar 1642 eintraf. Seine prekäre finanzielle Situation sowie die damit einhergehende "Tischgängerey" machten ihm dabei außerordentlich schwer zu schaffen. So diktiert er im Rückblick:

"[…] wenn ich meinen klagbaren Zustand überlegte / daß ungestümme Schnee- und harte Winter-Wetter / bey welchem mir / als einen abgeschälten und ausgeplünderten Menschen / weiter zu reisen unmüglich war / vor Augen sahe / meinen ziemlichen ausgelehreten Beutel […] betrachtete / und mein elendes Wesen bey mir erwoge / und / daß ich einen Weg von meinen Vaterlande / welches in vollen Kriegs-Flammen stunde […] / zu Sinne zog / so wurde ich so melancholisch / daß oftmals ich des Nachts in meiner Kammer den lieben Gott / mit heisen Thränen knieend um Hülfe anflehete […]."

Als ihm schließlich doch die Stelle als Hauslehrer des Kieler Amtsschreibers angeboten wurde, war die Freude übergroß:

"Welches schnelle / und gleichsam vom Himmel gefallene Glükk mich hertzlich erfreuete / und noch des ersten Tages / meinen lieben Gott zu Ehren / das hin und wieder wohl bekannte Lied: Wer nur den lieben Gott läst walten / und hoffet auf ihn allezeit / den wird er wunderlich erhalten in aller Noth und Traurigkeit / etc. aufzusetzen / und hatte genug Ursache / der Göttlichen Barmhertzigkeit / vor solche erwiesene unversehene Gnade / so wol damals / als noch itzo und biß an mein Ende / hertzinnigklich Dank zu sagen."

Das im Januar 1642 verfasste Lied wurde zuerst in Neumarks 1657 im Jenaer Verlag Georg Sengenwald erschienenen Lied- und Gedichtsammlung "Fortgepflantzter Musikalisch-Poetischer Lustwald" abgedruckt (s. Abb. 1 und 2).

Signatur: 8 Art.lib.XIV,29 :1

Ansprechpartner: Dr. Boris Hoge-Benteler

Literatur:

Ludscheidt, Michael: Georg Neumark (1621-1681). Leben und Werk. Heidelberg: Winter 2002. (ThULB Suche)

Neumark, Georg: Thränendes Haus-Kreutz […]. Weimar: Müller 1681. (ThULB Suche)

Neumark, Georg: Trostlied. In: Ders.: G. Neumarks von Mühlhausen aus Thüringen Fortgepflantzter Musikalisch-Poetischer Lustwald […]. Jehna: Sengenwald 1657, S. 26-30. (ThULB Suche)

Trunz, Erich: "Wer nur den lieben Gott läßt walten". Georg Neumarks Lied und seine Entstehung in Kiel. In: Jahrbuch für Liturgik und Hymnologie 30 (1986), S. 49-65 [enthält das Neumark-Diktat zur Entstehung des Lieds]. (ThULB Suche)

Abb. 1
Abb. 2
 | ThULB Suche | Online-Katalog | Benutzerkonto