Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek

ThULB Jena - Thüringer Universitäts und Landesbibliothek

Objekt des Monats: Juni 2016

vom 01.06.2016 bis 30.06.2016

ZUR ERINNERUNG AN HEINRICH STOY (1846-1905)

BRIEF VON KARL BRUGMANN AN HEINRICH STOY, NOVEMBER 1875

Der Pädagoge Karl Volkmar Stoy (1815-1885) ist in Jena nicht vergessen. Das Berufsschulzentrum für Wirtschaft und Verwaltung in der Paradiesstraße und eine Wiese unterhalb des Forsthauses tragen seinen Namen, auf dem Schulhof der Stoy-Schule und am Fürstengraben stehen Denkmäler für ihn. Vergessen ist hingegen sein Sohn Heinrich. An ihn erinnert kein Denkmal, sein Name wird auf der Internetseite der Stoy-Schule nicht einmal erwähnt. Ihm aber ist es zu verdanken, dass die 1844 vom Vater gegründete Schule, die nach dessen Wechsel von Jena nach Heidelberg schließen musste, in Jena wieder eröffnet und Ende des 19. Jahrhunderts zu einer international bekannten Erziehungsanstalt wurde. Die Organisation des Schulalltags, die Ausarbeitung pädagogischer Konzepte, deren Verarbeitung in Universitätsvorlesungen und Veröffentlichungen führten dazu, dass Heinrich Stoy ein wissenschaftliches Vorhaben, von dem sich die Fachwelt viel versprach, über die Anfänge hinaus nicht fortführen konnte.

Der kleine, drei Archivboxen umfassende Nachlass Heinrich Stoys im Bestand der ThULB Jena erlaubt einen Einblick in die vielversprechenden wissenschaftlichen Anfänge Stoys. In Jena, Heidelberg und Gießen studierte Stoy Pädagogik, Mathematik, Physik und Chemie, danach unterrichtete er an bedeutenden Schulen in Berlin und Leipzig. 1875 kam er nach Jena zurück, um sich zu habilitieren. Schon ein Jahr später legte er der Philosophischen Fakultät die Arbeit "Zur Geschichte des Rechenunterrichtes" vor, ein Büchlein mit nur 62 Seiten. Als "erster Theil" einer alle Zeiten und Kulturen umfassenden Arbeit angekündigt, überzeugte die Schrift sowohl die Fakultät als auch die wissenschaftlichen Rezensenten. Führende Mathematikhistoriker (Moritz Cantor, Siegmund Günther, Peter Treutlein) würdigten die Schrift, hoben ihre historische Genauigkeit und ihren pädagogischen Nutzen hervor. Sie bemängelten nur, dass sie so kurz sei, und drängten Stoy, dem ersten Teil weitere folgen zu lassen. Vor allem seine oben erwähnten Tätigkeiten im Stoyschen Institut ließen ihm keine Zeit für die Fortsetzung der mathematikhistorischen Forschungen.

Wie intensiv Stoy seine wissenschaftliche Arbeit begann, dokumentiert der Brief, den wir hier vorstellen. Im Abschnitt "Vom Zählen und den Zahlbezeichnungen" geht Stoy auf die "Vorgänge bei der Entstehung der Zahlzeichen und Zahlwörter" ein. Weil er der Sache auf den Grund gehen wollte, las er nicht nur zahlreiche Werke zur altorientalischen und altgriechischen Wissenschaft, zur Ethnologie und historischen Sprachforschung, sondern wandte sich auch an einen der talentiertesten Indogermanisten seiner Zeit. Karl Brugmann (1849-1919) - er selbst schrieb seinen amtlichen Namen auch "Brugman" -, für den nach Professuren in Leipzig und Freiburg 1887 in Leipzig eigens der Lehrstuhl für indogermanische Sprachwissenschaft eingerichtet wurde und dessen "Grundriß der vergleichenden Grammatik der indogermanischen Sprachen" (1886-1910) als Klassiker der Indogermanistik gilt, musste Stoy in dem Schreiben vom 11. November 1875 mitteilen, dass es der indogermanischen Sprachforschung noch kaum gelungen [sei] irgend etwas haltbares über den Ursprung der Zahlwörter aufzustellen". In einem Exkurs zum Zahlwort "zehn" bestätigt er Stoys Vermutung, dass die Bedeutung einzelner Zahlwörter mit der Verwendung alltäglicher Dinge, hier der Finger, als Zeichen für abstrakte Gebilde, hier der Zahl 10, zusammenhänge.

Vorläufige Signatur: Nachlass Heinrich Stoy, Rechenkunst (Varia)

Ansprechpartner: Dr. Uwe Dathe

Literatur:

Heinrich Stoy: Zur Geschichte des Rechenunterrichtes. Erster Theil. Inaugural-Dissertation zur Erlangung der venia docendi der Philosophischen Fakultät an der Universität Jena, Jena: Druck von Ed. Frommann 1876

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