Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek

ThULB Jena - Thüringer Universitäts und Landesbibliothek

Objekt des Monats: Juli 2017

vom 01.07.2017 bis 31.07.2017

Wahlkapitulation Franz' II., 5. Juli 1792

"Von allen Einrichtungen des alten Reiches ist nun kaum eine von der neueren Forschung derart vernachlässigt worden wie die kaiserlichen Wahlkapitulationen". Diese Feststellung, 1911 von dem Historiker Fritz Hartung formuliert, erweist sich gut 100 Jahre später als überholt. Nachdem über mehrere Jahrzehnte nur wenig zu Wahlkapitulationen geforscht worden war, steht das Thema seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bis zur Gegenwart wieder vermehrt im Fokus der Wissenschaft, wie Literaturrecherchen zu dem Thema zeigen. 2015 erschien erstmals eine kritische Edition sämtlicher Wahlkapitulationen der deutschen Könige und römisch-deutschen Kaiser.

Im frühneuzeitlichen Sprachgebrauch bedeutete Kapitulation eine in Kapitel unterteilte Urkunde. Wahlkapitulationen waren schriftliche Vereinbarungen des Thronkandidaten mit dem Wahlkollegium, den Kurfürsten. Der Zweck dieser Verträge bestand primär darin, die Kompetenzen des zukünftigen Königs bzw. Kaisers zu definieren und zu begrenzen. Als Beginn der Wahlkapitulationen auf politischer Ebene gilt die Wahl Karls V. im Jahre 1519. Die zu diesem Anlass ausgestellte Kapitulation wird auch als Urkapitulation bezeichnet. Im Mittelalter hatte es Wahlkapitulationen bereits im kirchlichen Bereich bei Bischofswahlen gegeben.

Bei Wahlkapitulationen handelte es sich um einseitige Verträge. Die Bedingungen wurden von den Kurfürsten formuliert und mussten vom Herrscher vor der Inthronisierung anerkannt werden. Mit dieser Selbstverpflichtung des Regenten an Bedingungen, die andere vorgegeben hatten, markieren Wahlkapitulationen eine verfassungsrechtliche Besonderheit. Die seit dem Spätmittelalter für zahlreiche Arten von Urkunden sowie für Privilegienerteilungen charakteristische Formel "wir wollen und sollen" findet sich häufig auch in Wahlkapitulationen und unterstreicht den Aspekt der Selbstverpflichtung. In der Praxis setzten sich die Kaiser bzw. Könige jedoch nicht selten über die von ihnen zum Amtsantritt abgegebenen Erklärungen hinweg.

Wahlkapitulationen waren ein bedeutender Vorläufer moderner Verfassungen. Seit 1711 wurden die Wahlkapitulationsurkunden nicht mehr vom neugewählten Regenten selbst, sondern von dessen Wahlbotschaftern unterzeichnet. Statt einer Unterschrift musste der Kaiser bzw. König versichern, dass er die Kapitulation persönlich beschwört, einhält und nicht eigenständig verändert.

Die am 5. Juli 1792 von Kaiser Franz II. (1768-1835) zu Beginn seiner Regentschaft beschworene Wahlkapitulation, deren Inkrafttreten sich 2017 zum 225. Mal jährt, war die letzte Wahlkapitulation des 1806 zu Ende gegangenen Alten Reiches. In seinem Aufbau folgt das Dokument der typischen Gliederung früherer Wahlkapitulationsurkunden. Es enthält 30 Artikel, unterteilt in zahlreiche Paragraphen, und lässt sich in sechs thematische Bereiche untergliedern: Staatsverfassung, Wirtschaftsverfassung, Lehensverfassung, Regierungsorganisation, Gerichtswesen sowie Selbstverpflichtungen im Bereich der Reservatrechte. Inhaltlich ist die Urkunde nahezu identisch mit der Kapitulation Leopolds II., Franz' direktem Amtsvorgänger. Dies war nicht ungewöhnlich. Es kam mehrfach vor, dass die jeweils vorausgegangene Wahlkapitulation als Vorlage für die neue diente. Unterzeichnet wurde Franz' II. Wahlkapitulationsurkunde vom ersten und zweiten kurböhmischen Wahlbotschafter, Anton Fürst Esterhazy und Joseph Freiherr von Bartenstein. Eines der Originale befindet sich heute im Österreichischen Staatsarchiv in Wien.

Die ThULB Jena verfügt über eine Druckausgabe der Wahlkapitulation Franz' II. Das Exemplar wurde 1792 im Verlag der St. Rochus Hospitals-Buchdruckerei in Mainz gedruckt.

Signatur: 8 Jur.XXV,147

Ansprechpartnerin: Angela Hammer

Literatur:

Burgdorf, Wolfgang: Die Wahlkapitulationen der römisch-deutschen Kaiser und Könige 1519-1792 (Quellen zur Geschichte der Heiligen Römischen Reiches, Bd. .1), Göttingen 2015. (ThULB Suche)

Hartung, Fritz: Die Wahlkapitulationen der deutschen Kaiser und Könige, in Historische Zeitschrift 107 (1911), S. 306-344. (ThULB Suche)

Marquardt, Bernd: Wahlkapitulation, in: Jaeger, Friedrich (Hg.): Enzyklopädie der Neuzeit, Bd. 14, Stuttgart 2011, Sp. 508-510. (ThULB Suche)

Abb. 1
Abb. 2
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