Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek

ThULB Jena - Thüringer Universitäts und Landesbibliothek

Objekt des Monats: Juli 2016

vom 01.07.2016 bis 31.07.2016

Stammbuch des Jenaer Studenten August Christoph Reinhardt

Kürzlich ist es gelungen, die beachtliche Sammlung studentischer Stammbücher der ThULB um ein sehr attraktives Exemplar zu erweitern: das Stammbuch August Christoph Reinhardts.

Die Gepflogenheit von Studenten, Leeralben zu erwerben und ihre Kommilitonen, Professoren und Freunde zu bitten, dort kurze Texte hineinzuschreiben respektive selbst gemalte oder käuflich erworbene Bildchen beizutragen, stand besonders im Jena des 18. Jahrhunderts in Blüte. Aufgekommen war der Brauch des "Album amicorum" in Wittenberg zur Reformationszeit. Man kennt das Prinzip heute noch, unter dem Begriff Poesiealbum; verwandt ist die Autogramm-Jägerei. Die studentischen Stammbücher sind eine außerordentlich wertvolle Quelle für die Personenforschung zur Frühen Neuzeit. Wenn sie mit Gouachen oder anderen buchkünstlerischen Elementen verziert sind, werden sie auch für die Kunstgeschichte und Volkskunde interessant. Nicht zuletzt vermitteln die oft enthaltenen Miniaturen mit fechtenden, trinkenden, bisweilen randalierenden Studenten einen lebendigen Eindruck einer (nicht ganz) vergangenen akademischen "Kultur".

Das nun der Forschung zur Verfügung stehende Stammbuch 160 im typischen Querformat (10,5 x 18 cm; 3 cm dick) ist reich gefüllt mit Einträgen von Angehörigen der Jenaer Universität, geschrieben in den Jahren 1733 bis 1736. Es soll in nächster Zeit genauer untersucht werden. Insbesondere sind dann alle Einträge zu erschließen. Bislang wissen wir über den Stammbuchhalter nicht viel: Wie er hieß, erfahren wir auf der ersten Seite: Aug. Christ. Reinhardt. Dieser Name findet sich in der Matrikel der Jenaer Universität unter den Einträgen des Wintersemesters 1732/33: August. Christoph Reinhardt, Mulhus. Thur. Also stammte Reinhardt aus der Stadt bzw. Region Mühlhausen in Thüringen. Der Tag seiner Immatrikulation war der 6. Oktober 1732.

Das Stammbuch erfreut durch eine prächtige Ausstattung. Besonders schön ist allein schon der verzierte Ledereinband. Von großem Reiz sind aber vor allem mehrere kunstvolle Gouachen auf Pergament mit Buntpapier-Schutzblättern. Man konnte solche handgemalten Kunstblätter von (unterschiedlich begabten) professionellen Stammbuchmalern kaufen. Zumeist wurden sie erst nachträglich in die Stammbücher geklebt. Zum ikonographischen Repertoire in Reinhardts Album gehört eine höfisch anmutende Szene mit einem von drei Instrumentalisten begleiteten Tanzpaar, außerdem sieht man Interieurs oder Landschaften mit Studenten, die sich mit Zechen, Fechten, Jagen, Ausreiten oder auch einem Schäferstündchen die Zeit vertreiben - einmal steht dabei: Sic Jenae vivimus (So leben wir in Jena!). Dargestellt sind außerdem Geschichten der antiken Mythologie. Auf einer Seite gegen Schluss erblickt man einen stehenden Mann mit einem Paddel (man befuhr gerne die Saale). Seine vornehme Kleidung ist aus aufgeklebten, teils golddurchwirkten Seidenstückchen virtuos gestaltet. Reinhardts Stammbuch erweist sich mithin als aussagekräftige Forschungsquelle, die zudem etwas fürs Auge bietet.

Signatur: Stb. 160

Ansprechpartner: Dr. Joachim Ott

 | ThULB Suche | Online-Katalog | Benutzerkonto