Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek

ThULB Jena - Thüringer Universitäts und Landesbibliothek

Objekt des Monats: Juli 2014

vom 01.07.2014 bis 31.07.2014

Ricarda Huch an Eugen Diederichs, 2. September 1923

Ricarda Huch (1864-1947) galt als Grande Dame der deutschen Literatur der Vorkriegszeit. Thomas Mann nannte sie "die erste Frau Deutschlands" und "die erste Europas". Häufig wird sie in einem Zuge mit den neuromantischen Tendenzen der vorletzten Jahrhundertwende genannt, doch zeichnet sich ihr umfangreiches Werk ebenso durch thematische wie stilistische Breite aus: Es entstand im Laufe eines halben Jahrhunderts und umfasst Gedichte, Dramen, Erzählungen, Romane, literaturgeschichtliche sowie historische Arbeiten. Aus Anlass ihres 150. Geburtstages am 18. Juli stellen wir Ihnen einen Brief Huchs an ihren Jenaer Verleger Eugen Diederichs aus den Beständen der ThULB (Nachlass Diederichs) vor.

Huchs Publikationspraxis zeichnete sich durch einen recht häufigen Verlagswechsel aus. Im Verlag Eugen Diederichs erschienen zwei ihrer Werke: Das Drama "Dornröschen" sowie der Roman "Aus der Triumphgasse" (beide 1902). Letzterer wurde zu einem der erfolgreichsten Bücher des Verlags im Bereich Belletristik. Als selbsterklärter "führender Verlag der Neuromantik" hatte Diederichs zu Jahrhundertbeginn erfolgreich um eine Zusammenarbeit mit Huch geworben. In ihren Briefen pflegten sie einen überwiegend freundlichen Umgang, wobei stets unverkennbar bleibt, dass sie in erster Linie Geschäftspartner waren. Huchs Verlagskorrespondenz beleuchtet somit eine zuweilen außer Acht gelassene Facette schriftstellerischer Existenz: Nicht allein um Inhalte, um Literaturproduktion als kreativer Akt geht es hier, sondern ebenso um Literatur als Ware und damit um ökonomische Interessen, die es auszuhandeln und zu verteidigen gilt. Bereits 1901 hatte Huch Diederichs um eine zügigere Honorarauszahlung gebeten. Im vorliegenden Brief von 1923 schlägt sie jedoch einen sichtlich schärferen Ton an.

1923 war das Jahr der Hyperinflation. Infolge des Ersten Weltkrieges und im Zuge der Ruhrbesetzung Anfang 1923 durch französische und belgische Truppen kam es im Laufe des Jahres zu einer rasanten und kaum aufzuhaltenden Geldentwertung, welche die deutsche Wirtschaft zusammenbrechen ließ und im Herbst in einer Währungsreform mündete. Weite Teile der Bevölkerung wurden durch die "Tragödie von 1923" (Heinrich Mann) in Armut gestürzt. Auch die Situation zahlreicher Schriftsteller spitzte sich zu. Noch Ende der 20er Jahre schien die "Gefahr einer Verelendung des deutschen Schrifttums" (so ein Aufruf der Notgemeinschaft des deutschen Schrifttums), von der auch namhafte Autoren betroffen waren, keineswegs gebannt. So sprach man sich gegen eine Nominierung der damals in München lebenden Ricarda Huch (sie siedelte erst 1936 nach Jena über) für den Münchener Literaturpreis aus, da dieser eine Talentförderung und "keine Unterstützung für notleidende Dichter darstellen" solle. Vielfach wurden Forderungen nach einer Anhebung der Autorenhonorare laut, die inflationsbedingt inzwischen niedriger seien "als der Wert der Briefmarke, die benutzt wurde, einem dies mitzuteilen" (Klabund). Gerichtsprozesse gegen die Verlage häuften sich entsprechend. Heinrich Mann schrieb 1923 an Félix Bertaux: "Ähnlich geht es jetzt den meisten Autoren."

Andererseits litten auch die Verlage unter der Inflation, geriet die Frage der Finanzierung immer mehr zur "Rätselfrage" (Diederichs). Im Sommer 1923 formulierte Diederichs gemeinsam mit weiteren Verlegern die "Richtlinien für die Honorierung schönwissenschaftlicher Bücher", in denen man an die Schriftsteller appellierte, sich angesichts der Situation mit niedrigeren Honoraren zufrieden zu geben, ihnen durch häufigere Abrechnungen jedoch auch entgegenzukommen versprach. Zwar wurden zum Inflationsausgleich Bücherpreise mit einer entsprechenden Schlüsselzahl multipliziert, die Geldentwertung bis zum Zeitpunkt der Abrechnung wurde dadurch jedoch nicht aufgefangen. Am Ende ausschlaggebend war allerdings nicht das Datum der Abrechnung, sondern der tatsächlichen Auszahlung des fälligen Honorars. Gerade hier kam es immer wieder zu Verzögerungen.

Vor diesem Hintergrund wird die eigentliche Brisanz des vorliegenden Briefs ersichtlich. Zwar war Diederichs bereits 1922 tatsächlich zu monatlichen Abrechnungen übergegangen. Gleichwohl kam es offensichtlich auch weiterhin zu verzögerten Zahlungen und entsprechendem Wertverlust zu Lasten der Autoren. Huch fordert ihren Verleger daher unmissverständlich zu einer umgehenden Auszahlung und einer möglichst aktuellen Honorarerrechnung auf. Ob die Verzögerungen von Seiten des Verlages beabsichtigt waren, wie von unbekannter Seite gegenüber dem Börsenverein angenommen - "Ricarda Huch versteht sonst von Geschäften gar nichts, aber da hat sie doch gemerkt, dass sie übers Ohr gehauen wurde […]" (zit. nach Scheideler) -, muss an dieser Stelle allerdings offen bleiben. Auch die Frage, inwieweit Huchs übrige Verlage, wie von ihr behauptet, wirklich anders agierten als Diederichs, wäre noch zu prüfen.

"München 2.IX 1923
Kaulbachstraße 35/I 2. Stock

Sehr geehrter Herr,

durch Ihre Honorarabrechnung über den Absatz der Triumphgasse in der Zeit vom 1. - 30. Juni 1923 erhalte ich am 14. Aug. den Beleg von M. 34.172, eine Summe, die ich kaum einem Bettler anbieten kann, da sie nicht einmal reicht, eine Semmel zu kaufen.
Froh der Zahlung a conto vom 17. Juli muss ich schon wieder die ganze Geldentwertung tragen, denn über den Monat Juli haben Sie noch nicht abgerechnet u auch keine Zahlung geleistet. Selbst wenn Sie auf dieses Schreiben umgehend abrechnen, erhalte ich nicht einmal den zehnten Teil des mir zukommenden Betrages. Das kann nicht länger so weitergehen. Alle Verlage, mit denen ich zu tun habe, zahlen 1000 Exemplare praenumerando nach der jeweils gültigen Schlüsselzahl. Das ist das einzig richtige, u ich habe es Ihnen seiner Zeit geschrieben. Bei nachträglicher Zahlung ist das mindeste, dass es nach der Schlüsselzahl berechnet wird, die zur Zeit des Eintreffens des Geldes bei mir galt.

Ricarda Huch"

Signatur: Di 727

Ansprechpartner: Dr. Boris Hoge-Benteler

Literatur

Diederichs, Eugen: Leben und Werk. Ausgew. Briefe und Aufzeichnungen. Hrsg. v. Lulu von Strauß und Torney-Diederichs. Jena: Diederichs 1936. (Online-Katalog)

Diederichs, Eugen: Selbstzeugnisse und Briefe von Zeitgenossen. Köln: Diederichs 1967. (Online-Katalog)

Diederichs, Eugen et al.: Richtlinien für die Honorierung schönwissenschaftlicher Bücher [Juni 1923]. In: Friedrich Pfäfflin, Ingrid Kussmaul: S. Fischer Verlag. Von der Gründung bis zur Rückkehr aus dem Exil. 2., durchges. Aufl. Marbach: Deutsche Schillergesellschaft 1986, S. 345f. (Online-Katalog)

Heidler, Irmgard: Der Verleger Eugen Diederichs und seine Welt (1896-1930). Wiesbaden: Harrassowitz 1998. (Online-Katalog)

Klabund: Unsere Verleger. In: Die Weltbühne 20 1924, 1, S. 213f. (Online-Katalog)

Kuhbandner, Birgit: Unternehmer zwischen Markt und Moderne. Verleger und die zeitgenössische deutschsprachige Literatur an der Schwelle zum 20. Jahrhundert. Wiesbaden: Harrassowitz 2008. (Online-Katalog)

Heinrich Mann: Sieben Jahre. Chronik der Gedanken und Vorgänge. Essays. Frankfurt a. M.: Fischer Tb 1994. (Online-Katalog)

Mann, Thomas: Essays II. 1914-1926. Frankfurt a. M.: S. Fischer 2002. (Online-Katalog)

Scheideler, Britta: Schriftsteller und Schriftstellerorganisationen. In: Ernst Fischer, Stephan Füssel (Hgg.): Geschichte des Deutschen Buchhandels im 19. und 20. Jahrhundert. Bd. 2: Die Weimarer Republik 1918-1933. Teil 1. München: Sauer 2007, S. 99-148. (Online-Katalog)

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