Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek

ThULB Jena - Thüringer Universitäts und Landesbibliothek

Objekt des Monats: Januar 2017

vom 01.01.2017 bis 31.01.2017

WALTER EUCKEN ALS MODELL DES MALERS FERDINAND HODLER

Eines der bedeutendsten Kunstwerke der Friedrich-Schiller-Universität Jena ist das Monumentalgemälde des Schweizer Malers Ferdinand Hodler (1853-1918) Auszug deutscher Studenten in den Freiheitskrieg von 1813, das heute in der Universitätsaula hängt.

Hodler erhielt 1907 von der Gesellschaft der Kunstfreunde von Jena und Weimar den Auftrag, für den Neubau der Jenaer Universität ein Gemälde zu schaffen. Irene Eucken (1863-1941), Geschäftsführerin der Gesellschaft und Ehefrau des Jenaer Philosophieprofessors Rudolf Eucken (1846-1926), war die treibende Kraft, Hodler zu engagieren. Sie korrespondierte mit dem Künstler, besuchte ihn zusammen mit ihrem Mann am Comer See und organisierte seinen Jenaer Aufenthalt. Vom 15. April bis zum 2. Mai 1908 hielt sich Hodler zu Vorstudien in Jena auf. Er wohnte während dieser Zeit bei Euckens in der Villa am Forstweg 22. Hier lernte er Walter Eucken (1891-1950), den Sohn seiner Gastgeber, kennen. Eucken, damals Oberprimaner am Jenaer Gymnasium, später einer der wichtigsten Ökonomen des 20. Jahrhunderts, stand Hodler für den Mantelanzieher, die zentrale Figur des Gemäldes, Modell. Obwohl die Geschichte des Gemäldes intensiv erforscht wurde und in der Literatur (Wahl 1988, Verspohl 1997, Bálint 1999, Steinbach 2014) umfassend dargestellt ist und außerdem ein Bericht Euckens über Hodlers Arbeit mit ihm vorliegt (Jöhr 1953), hört man gelegentlich, dass der Mantelanzieher nicht Eucken, sondern den Schweizer Bildhauer Hermann Hubacher (1885-1976) abbilde. Diese Auffassung stützt sich auf ein Foto des Modells, das Jura Brüschweiler, einer der besten Kenner von Leben und Werk Hodlers, in dem wichtigen Band "Ferdinand Hodler. Fotoalbum" (Brüschweiler 1998, S. 17) publiziert hat und das mit unserer Abb. 1 identisch ist. Deutet bereits der Hintergrund der Fotografie im Band von Brüschweiler darauf hin, dass die Aufnahme vor der Villa Forstweg 22 entstanden ist, belegen nun Funde im Nachlass Walter Euckens eindeutig Euckens Rolle als Modell. Die beiden Fotografien, die den jungen Walter Eucken zeigen, gehören zur Sammlung privater Aufnahmen in seinem Nachlass. Während die Abb. 1 durch einige Veröffentlichungen, so z.B. in der Dissertationsfassung der Arbeit von Anna Bálint, bereits bekannt ist, zeigen wir hier erstmals die Originalaufnahme (Abb. 2) eines unbekannten Fotografen von 1908. Ergänzt werden die beiden Aufnahmen durch das Typoskript Euckens (Abb. 3) mit seinen Erinnerungen an die Arbeit mit Hodler. Der in St. Gallen lehrende Volkswirt Walter Adolf Jöhr (1910-1987), ein Hodler-Sammler, hatte Eucken gebeten, zu der Vermutung des Zürcher Kunsthistorikers Marcel Fischer (1906-1962), auf dem Jenaer Gemälde sei ein Sohn Rudolf Euckens abgebildet, Stellung zu nehmen. Eucken verfasste daraufhin die hier präsentierte Notiz und legte sie am 8. August 1947 einem Brief an Jöhr bei. Dieser veröffentlichte Euckens Erinnerungen aus Anlass einer Hodler-Ausstellung am 9. Dezember 1953 im St. Galler Tagblatt.

Vorläufige Signaturen: Nachlass Walter Eucken, Lebensdokumente (Fotosammlung) bzw. (Dokumente zur Familie)

Ansprechpartner: Dr. Uwe Dathe, Tel. +49 3641 9-40048

Literatur:

Anna Bálint: Auszug deutscher Studenten in den Freiheitskrieg von 1813 (1908-1909). Ferdinand Hodlers Jenaer Historiengemälde. Auftragsgeschichte, Werkgenese, Nachleben, Frankfurt a. M. 1999. (ThULB Suche)

Jura Brüschweiler: Ferdinand Hodler. Fotoalbum, Bern 1998. (ThULB Suche)

Walter Adolf Jöhr: Zu einem Jugendbildnis von Walter Eucken in der Hodler-Ausstellung in St. Gallen, in: St. Galler Tagblatt, Nr. 576 (Abendblatt) vom 9. Dezember 1953.

Matthias Steinbach: Der Fall Hodler. Krieg um ein Gemälde 1914-1919, Berlin 2014. (ThULB Suche)

Franz-Joachim Verspohl: "Gebannt, fast erschrocken bleiben wir vor dem Hodlerbilde stehen". Ferdinand Hodlers >Der Auszug der deutschen Studenten in den Freiheitskrieg von 1813<, in: Jenaer Universitätsreden 2, hrsg. von Klaus Manger, Jena 1997, S. 224-261. (ThULB Suche)

Volker Wahl: Jena als Kunststadt 1900-1933, Leipzig 1988. (ThULB Suche)

Abb. 1
Abb. 2
Abb. 3
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