Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek

ThULB Jena - Thüringer Universitäts und Landesbibliothek

Objekt des Monats: Januar 2016

vom 01.01.2016 bis 31.01.2016

WALTER EUCKEN ZUM 125. GEBURTSTAG
BRIEF WALTER EUCKENS (1891-1950) AN CHARLOTTE LEUBUSCHER (1888-1961) VOM 7. OKTOBER 1946

An der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek Jena wird seit zwei Jahren der Nachlass des Ökonomen Walter Eucken erschlossen. Der umfangreiche Nachlass enthält zahlreiche Quellen, die unsere Kenntnisse über die Geschichte der Wirtschaftswissenschaften und des Liberalismus im 20. Jahrhundert, der Genese der deutschen Wirtschaftspolitik nach 1945 und des Widerstands gegen den Nationalsozialismus erheblich erweitern.

Euckens Brief vom 7. Oktober 1946 an Charlotte Leubuscher ist aus mehreren Gründen bemerkenswert. Er gehört zu den Dokumenten, die unbekannte Momente des Widerstands aufdecken und auf bislang verborgene Beziehungen der ökonomischen Dogmengeschichte hinweisen. Der Brief ermöglicht zudem einen Einblick in die alte Jenaer Gelehrtenkultur, und er erinnert uns an eine bedeutende und doch vergessene Ökonomin.

Die Briefpartner kamen aus Jenaer Gelehrtenfamilien. Eucken wurde am 17. Januar 1891 als Sohn des Philosophen und Literaturnobelpreisträgers Rudolf Eucken in Jena geboren. Großvater und Vater der am 24. Juli 1888 in Jena geborenen Charlotte Leubuscher waren Medizinprofessoren in Jena.

Eucken und Leubuscher habilitierten sich 1921 in Berlin und wirkten dort als Privatdozenten. Leubuscher blieb bis 1933 in Berlin, wo sie 1929 als erste Frau eine Professur für Staatswissenschaften antrat. Da ihre Vorfahren jüdischen Glaubens waren, wurde sie 1933 entlassen und emigrierte nach England. Aus London, wo sie an der berühmten London School of Economics lehrte, schrieb sie ihrem seit 1927 in Freiburg lehrenden Kollegen am 21. September 1946 einen Brief, in dem sie sich nach dem Schicksal seiner Familie und dem gemeinsamer Freunde erkundigte, von ihren Arbeiten auf dem Gebiet der internationalen Wirtschaftspolitik berichtete und den Tod ihrer Mutter mitteilte. Dieser Mitteilung fügte sie hinzu: "Auch meine weitere Familie hat schwer gelitten - der hingerichtete Paul von Hase war der Vetter und Patensohn meiner Mutter, und von dem traurigen Schicksal meiner beiden Vettern Bonhoeffer und ihrer beiden Schwager Schleicher und Dohnanyi werden Sie gehört haben."

Dass Walter Eucken zur Kerngruppe des wohl wichtigsten akademischen Widerstandskreises, des Freiburger Kreises, gehörte, ist der Forschung seit langem bekannt. Dieser Kreis bildete sich nach den Pogromen im November 1938. Bereits einen Monat später legten die Freiburger eine Denkschrift vor, in der sie die nationalsozialistische Politik und Ideologie unmissverständlich kritisierten. Ihre Kritik sollte vor allem der Bekennenden Kirche Argumente für widerständiges Handeln liefern. Sie fand aber auch in anderen Widerstandsgruppen Widerhall. Dietrich Bonhoeffer, Carl Goerdeler und Mitglieder des Kreisauer Kreises suchten den Kontakt zu den Freiburger Professoren Eucken, Constantin von Dietze, Gerhard Ritter und Adolf Lampe. Die Freiburger berieten Goerdeler und die Kreisauer vor allem zur Frage der Wirtschafts- und Sozialordnung nach dem Sturz Hitlers. Für Bonhoeffer verfassten sie Ende 1942 eine Denkschrift mit weitreichenden Vorschlägen zu einer politischen, rechtlichen und ökonomischen Neuordnung. Bonhoeffer erwartete von den Freiburgern den Entwurf für ein institutionelles Gefüge in Politik, Recht, Wirtschaft und Gesellschaft, das als Garant gegen den totalen Machtanspruch eines Einzelnen, einer Gruppe oder einer Partei wirkte. Auf einer Geheimtagung im November 1942, an der Bonhoeffer nicht teilnehmen konnte, erhielt die Denkschrift ihre Form. Direkte Kontakte zwischen Eucken und Bonhoeffer waren bislang unbekannt. Euckens Brief zeigt, dass sich der politisch aktive Theologe und der theologisch interessierte Ökonom trotz grundlegender theologischer Differenzen lebhaft miteinander ausgetauscht haben. Der Brief repräsentiert aber auch eine Gruppe von Nachlassdokumenten, die Euckens enge Beziehungen zu anderen Widerstandskämpfern, so zu Carl Goerdeler, Johannes Popitz, Peter Graf Yorck von Wartenburg und Hansjoachim von Rohr belegen.

Vorläufige Signatur: Nachlass Walter Eucken, Korrespondenz L.

Ansprechpartner: Dr. Uwe Dathe

Literatur:

Hans Maier (Hrsg.), Die Freiburger Kreise. Akademischer Widerstand und Soziale Marktwirtschaft, Paderborn 2014. ThULB Suche

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