Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek

ThULB Jena - Thüringer Universitäts und Landesbibliothek

Objekt des Monats: Februar 2016

vom 01.02.2016 bis 29.02.2016

Brief Anna Dorotheas von Kurland an Wilhelmine von Sagan, 5. November 1815

Frauen des europäischen Hochadels blieb auch in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine offizielle politische Karriere in der Regel verwehrt: Das Ausüben politischer Ämter war - mit der Ausnahme einzelner regierender Fürstinnen und Herrscherinnen - den männlichen Vertretern ihres Standes vorbehalten. Gleichwohl verfügten sie, wenn auch indirekt, über z.T. erhebliche politische Einflussmöglichkeiten: Als Organisatorinnen und Gastgeberinnen von Visiten, Bällen, Soireen und politischen wie kulturellen Salons schufen und gestalteten sie Formen der gesellschaftlichen Zusammenkunft und des geistig-politischen Austauschs, welche ihnen nicht allein zu hohem Ansehen verhalfen, sondern sich mitunter, je nach Bedeutung und Konstellation der Gäste, als folgenreich erweisen konnten. Ein zweiter Weg indirekten politischen Wirkens bot sich adligen Frauen als persönliche Beraterinnen (nicht selten zugleich als außereheliche Gefährtinnen und Geliebte) einflussreicher Männer. Als solche konnte es ihnen gelingen, direkt auf das Handeln Letzterer einzuwirken.

Dorothea Herzogin von Kurland (3.2.1761-20.8.1821) sowie ihre Töchter Wilhelmine von Sagan (8.2.1781-29.11.1839) und Dorothea (Dorothée) von Sagan (21.8.1793-19.9.1862) bieten ein hervorragendes Beispiel für die Rolle hochadliger Frauen im politischen Geflecht des 19. Jahrhunderts.

Dorothea, die letzte Herzogin des im Zuge der Dritten Polnischen Teilung von 1795 an Russland gefallenen und damit zum Gouvernement gewordenen Herzogtums Kurland, verkehrte in den höchsten gesellschaftlichen Kreisen: Sie pflegte engen Kontakt zum preußischen Königshaus, nahm am Pariser Hofleben unter Napoleon teil und war mit Zar Alexander I, von dem sie finanziell abhängig war und der 1808 die Heirat der Tochter Dorothea mit Edmond de Talleyrand-Périgord vermittelte, persönlich bekannt. Mit dem Onkel ihres Schwiegersohnes, Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord, der zwischen 1797 und 1815 französischer Außenminister war und als einer der bedeutendsten französischen Staatsmänner der Epoche gilt, verband sie eine intime Freundschaft. In Berlin und auf Schloss Löbichau (Altenburger Land) betrieb sie literarische Salons. An letzterem nahm u.a. auch der Dichter Jean Paul teil.

Betroffen zeigte sich Dorothea, als nicht sie, sondern ihre jüngste Tochter Dorothea Talleyrand 1814 auf den Wiener Kongress, bei dem es um die Neuordnung Europas nach dem Sieg über Napoleon ging, begleiten durfte: Ihre jugendliche Attraktivität, ihre "überlegene Klugheit" sowie ihre verwandtschaftlichen Verbindungen waren dabei für ihn von unschätzbarem Wert. Nicht nur war sie seit jeher mit dem preußischen Königshaus befreundet. Auch war ihre Schwester Wilhelmine mit dem österreichischen Außenminister Metternich liiert. Wilhelmines Bedeutung während der Verhandlungen in Wien ging allerdings weit über die einer Geliebten hinaus. Bereits 1813 hatte sie als Vertraute Metternichs und Gastgeberin auf ihrem böhmischen Landsitz Ratiborschitz zum Zustandekommen der antinapoleonischen Koalition beigetragen. In Wien nun führte sie einen einflussreichen politischen Salon. Die Eingebundenheit der Schwestern in das komplexe diplomatische Gefüge von 1814/15 führte den engsten Berater Metternichs, Friedrich von Gentz, zu der ebenso gehässigen wie erhellenden Äußerung: "Die ganze Curländische Huren-Gesippschaft war da […]. M. hat diese Weiber seit 8 Tagen in alle politische Geheimnisse eingeweiht; was sie wissen, ist unglaublich."

Vor diesem Hintergrund ist auch der anlässlich der Geburtstage Dorotheas und Wilhelmines am 3. bzw. 8. Februar ausgewählte Brief der Mutter, deren Nachlass sich in der ThULB befindet, an die älteste Tochter vom 4. November 1815 zu betrachten: Nach der Schlacht von Waterloo unter dem britischen Feldmarschall Wellington und Napoleons zweiter und endgültiger Abdankung galt es in Paris, ein zweites, für Frankreich deutlich härteres Friedensabkommen auszuhandeln. Nun konnte die Herzogin, ihre weitläufigen Beziehungen nutzend, wieder in den Vordergrund treten, während sich Wilhelmine in Begleitung ihrer Pflegenichte Emilie von Gerschau (später von Binzer) nur vorübergehend in Paris aufhielt, um sich, inzwischen von Metternich entfremdet, im September nach Italien zu begeben und dort ihren vorübergehenden Geliebten, den britischen Botschafter in Paris, Sir Charles Stewart, zu treffen. Anlässlich des Namenstages Talleyrands am 4. November - im September hatte Talleyrand seinen Rücktritt als Außenminister eingereicht, er genoss jedoch in diplomatischen Kreisen nach wie vor höchstes Ansehen - lädt die Herzogin zu Tisch. Führende Persönlichkeiten aus Militär und Diplomatie sind dabei zugegen, u.a. sind dies: Wellington, der britische Verhandlungsführer Castlereagh (Sir Charles Stewart, welcher am selben Tag Namenstag hat, ist, wie oben erwähnt, nicht anwesend), Metternich, der preußische Verhandlungsführer Karl August von Hardenberg, Wilhelm von Humboldt sowie der russische Diplomat Carlo Andrea Pozzo di Borgo. Die enge Verbindung von Politik und Diplomatie auf der einen und festlichen Zusammenkünften auf der anderen Seite, welche hier in der Person der Initiatorin Dorothea zusammenfließen, wird an dieser Stelle sehr deutlich. Die Friedensverhandlungen fanden schließlich mit der Unterzeichnung des "Definitiv-Tractats" am 20. November 1815 ("Zweiter Pariser Frieden") ihren Abschluss.

"Paris d 5ten Nov 1815

Es ist nicht lange daß ich an dich schrieb, u. dir meine gute Wilhelmine, ein kleines Päckchen mit rouge sandte. - Noch habe ich keine andre Nachrichten von dir, als die du mir aus Lyon santest, ich weis indeß daß Castelraegh Nachricht von Charles aus Geneve hat, u. ich hoffe du bist wohl. Gestern habe ich meine erste Erscheinung in der Welt gemacht - c'était Le St. Charles u. Talleyrands Nahmens Tag. - Ich hatte außer die intimern Freunde von Talleyrand u. die einheimisch sind, noch Wellington, Stuart Castelraegh - Metternich, Hardenberg - Humbold Schulenbourg u. Pozzo eingeladen - wir waren 24 Persohnen an der Mittags Tafel, es ging alles recht heiter u. ungenirt zu, u. für die Gourmands war die Tafel vorzüglich gut, u. erhielt allgemein Beyfall. Wellington brachte, währnd dem Diner Talleyrands Gesundheit die die ganze Societé trank. Den Abend verbrachte ich u. die ganze Societé beym Prinzen. - […] Jetzt werde ich in diesen Tagen meine Visiten de devoirs ablegen. - Wellington hat nach dir gefragt, er beziehet L'Elisée Bourbon - wo Kayser Alexandre war - er wird dort recht angenehm wohnen - seine Frau ist neu [?] hier, es ist eine sanfte gute Frau. - Eine seiner Nichten Lady Hardy - die wir vorigen Winter hier hatten, ist mit einem H Baron gegangen ich weis seinen Nahmen nicht, ihr Mann der voriges Jahr auch hier war ist eben nicht hübsch nicht angenehm. - Neukomm ist beschäftigt das Catalogue meiner Bibliothek zu machen, und ich meine Bücher zu ordnen, ich thue solches mit mehrerer Gewißheit da man hier auf Ruhe rechnet - u. an keiner Umwälzung glaubt - es sey denn daß die fremden Mächte selbst eine réaction herbey führen um ein vorgebliches Recht zu haben, Frankreich noch mehr an Territorio zu verkleinern, und es zu ruiniren. - Das politische Interesse der fremden Völker - kann wohl mächtig die seyn, Frankreich in Ohnmacht zu erhalten aber es zu zerstückeln würde wenigstens ein paar der Mächte nicht gleichgültig seyn - und Zwietracht unter ihnen selbst bringen. - Lebe wohl mein liebes Kind - grüße Emelie, u. die Neukomm sey so gut ihr die Einlage abzugeben - Mein besten Gruß an Charles - ich umarme Dich M"

Signatur: Nachl. Biron, Abt. B, I, Bl. 284-285

Ansprechpartner: Dr. Boris Hoge-Benteler

Literatur:

Brühl, Clemens: Die Sagan. Das Leben der Herzogin Wilhelmine von Sagan Prinzessin von Kurland. Berlin: Steuben 1941. (ThULB Suche)

Diemel, Christa: Adelige Frauen im bürgerlichen Jahrhundert. Hofdamen, Stiftsdamen, Salondamen 1800 - 1870. Frankfurt am Main: Fischer-Taschenbuch-Verl. (ThULB Suche)

Erbe, Günter: Dorothea Herzogin von Sagan (1793-1862). Eine deutsch-französische Karriere. Köln: Böhlau 2009. (ThULB Suche)

Fournier, August (Hg.): Gentz und Wessenberg. Briefe des Ersten an den Zweiten. Wien, Leipzig: Wilhelm Braumüller 1907. (ThULB Suche)

Hofmann, Klaus; Adamek-Pujszo, Katarzyina: Die Herzogin von Kurland im Spiegel ihrer Zeitgenossen. "Ihr äußeres ist sehr einnehmend und sie kleidet sich mit Geschmack". Europäische Salonkultur um 1800. Zum 250. Geburtstag der Herzogin von Kurland. Posterstein: Museum Burg Posterstein 2011. (ThULB Suche)

Hofmann, Sabine; Hofmann, Klaus: Zwischen Metternich und Talleyrand. Der Musenhof der Herzogin von Kurland im Schloss zu Löbichau. Posterstein: Museum Burg Posterstein 2004. (ThULB Suche)

McGuigan, Dorothy Gies: Wilhelmine von Sagan. Zwischen Napoleon und Metternich. Wien: Amalthea 1994. (ThULB Suche)

Ullrichova, Maria (Hg.): Clemens Metternich - Wilhelmine von Sagan. Ein Briefwechsel 1813-1815. Graz: Böhlau 1966. (GVK)

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