Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek

ThULB Jena - Thüringer Universitäts und Landesbibliothek

Objekt des Monats: Februar 2015

vom 01.02.2015 bis 28.02.2015

Buch mit Kriegsschaden und Bombensplittern

Nicht lange vor Ende des Zweiten Weltkriegs, am 9. Februar 1945, wurde das 1858 eingeweihte Gebäude der Jenaer Bibliothek durch Bomben zerstört. Dabei starben 16 Menschen, unter ihnen der Direktor Theodor Lockemann (* 1885): "Ein Teil der Bibliotheksangehörigen war ohne erkennbare äußere Verletzungen durch den Luftdruck getötet worden, Prof. Dr. Lockemann war tot und stand mitten im Geröllschutt eingekeilt unter einem geborstenen Türpfosten. Die Toten wurden dann auf den von Menschen gefüllten Hof getragen und identifiziert, während die Verletzten [...] in ärztliche Behandlung gebracht wurden." (Burr 1966, S. 63). Ein großer Teil der Bibliothekssammlungen, insbesondere die kostbarsten Altbestände, waren rechtzeitig ausgelagert worden. Nicht mehr zu retten waren allerdings rund 65.000 Bände sowie wichtige Kataloge und Verwaltungsakten, die im Gebäude verblieben waren. Betroffen waren vor allem "die Bestandsgruppen Chemie, Physik, Mathematik, Geographie und Itineraria sowie die Büchersammlung des Goethe-Enkels Wolfgang Maximilian von Goethe. Die Räume der Handschriften- und Inkunabelabteilung lagen vollständig in Trümmern, die Kataloge der Abteilung waren vernichtet." (Bohmüller 1986, S. 62). "Insgesamt konnten etwa 35000 Bände einigermaßen wohlbehalten, 15000 Bände in teils erheblich beschädigtem, aber reparaturfähigem Zustande geborgen werden." (Burr 1966, S. 67). "Neue Sicherungsmaßnahmen wurden notwendig, als nach der Besetzung [durch die Amerikaner] Frost eintrat und nach Beendigung der Sperrstunde frühmorgens Bücher auf Handwagen aus den offenen Magazinen abgefahren wurden, um als Heizmaterial zu dienen. Diesem Übelstand wurde sofort durch Posten, die mit Spazierstöcken versehen waren, begegnet." (Burr 1966, S. 63 f.). Bis Ende 1946 waren die ausgelagerten Bestände weitgehend zurückgekehrt. Die Bibliothek wurde auf mehrere Standorte im Stadtgebiet verteilt. Erst 1998/2001 entstand an der Stelle des zerstörten Vorgängerbaus das jetzige Hauptgebäude der ThULB.

Ein sprechendes Zeugnis des 9. Februar 1945 ist das Objekt des Monats. Dieses Buch, das zur besonders stark dezimierten Signaturengruppe "Itineraria" gehört, wurde von Bombensplittern so stark durchschlagen, dass es nicht restaurierbar ist. Die Splitter sind erhalten. Das "Diarium itineris in Moscoviam ... Ignatii Christophori nobilis domini de Guarient, & Rall ... ab ... imperatore Leopoldo I. ad ... Tzarum .. Petrum Alexiowicium anno MDCXCVIII. ablegati extraordinarii ..., Wien 1700" ist das Tagebuch einer Moskaureise von 1698/99 unter Leitung des kaiserlichen Gesandten Ignaz Christoph von Guarient und Rall, an welcher der Verfasser Johann Georg Korb (1672-1741) als Sekretär teilgenommen hatte. Die Gesandtschaft gelangte an vertrauliche russische Militärinformationen, die im "Diarium" im Text und auf zahlreichen qualitätvollen Kupfertafeln dargestellt sind. 1702 wurde der Verkauf des Buches auf Drängen Moskaus eingestellt.

Signatur: 2 Itin. XIII, 4

Ansprechpartner: Dr. Joachim Ott

Literatur:

Albert Predeek: Die Universitätsbibliothek Jena 1945-1950, ein Fünfjahrsbericht, in: Zentralblatt für Bibliothekswesen 64 (1950), S. 268-284

Viktor Burr: Aus dem ersten Jahr nach der Zerstörung der Universitätsbibliothek Jena (1945/46), in: Weite Welt und breites Leben. Festschrift Karl Bulling, Leipzig 1966, S. 63-81

Das Tagebuch des Direktors Dr. Viktor Burr von Mai bis September 1945 - Vom schweren Neubeginn nach dem 8. Mai 1945, in: Lothar Bohmüller, Aus den Tagebüchern der Direktoren der Universitätsbibliothek Jena. Ein Beitrag zur Geschichte der Universitätsbibliothek Jena, Jena 1986, S. 62-67

Walter Barton: Theodor Lockemann 1885-1945. Ein Leben im Dienste von Bibliothek und Wissenschaft. Zum 50. Jahrestag seines Todes und der Zerstörung Jenas am 9. Februar 1945, Jena 1995, S. 11-22, 103-123

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