Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek

ThULB Jena - Thüringer Universitäts und Landesbibliothek

Objekt des Monats: August 2017

vom 01.08.2017 bis 31.08.2017

Fürst Ludwig I. von Anhalt-Köthen: Der Fruchtbringenden Geselschaft Nahmen/ Vorhaben/ Gemählde und Wörter […]. Franckfurt am Mayn: Merian 1646

Die Fruchtbringende Gesellschaft oder der Palmenorden, wie die Gesellschaft aufgrund ihres Emblems, einer Kokospalme, ebenfalls genannt wurde, gilt als eine der bedeutendsten Sozietäten zur Förderung adliger-geselliger Tugenden sowie deutscher Sprache und Dichtung des 17. Jahrhunderts.

Vor 400 Jahren, am 24. August 1617, wurde, folgt man den Gesellschaftsbüchern, der Palmbaum in Weimar gegründet.

Das Ansehen, welches die Gesellschaft auch über ihr offizielles Ende (1680) hinaus genoss, fußte dabei ebenso auf ihrem überregionalen, ständeübergreifenden und prinzipiell auch überkonfessionellen Charakter wie auf der Mitgliedschaft zahlreicher prominenter Gelehrter und Dichter wie etwa Diederich von dem Werder, Martin Opitz, Georg Philipp Harsdörffer, Johann Michael Moscherosch, Georg Neumark, Sigmund von Birken oder Andreas Gryphius. Nicht zuletzt war es jedoch die gesellschaftseigene Historiographie, welche das Bild des Palmenordens nachhaltig prägte.

Das wichtigste und umfangreichste zeitgenössische Gesellschaftsporträt mit dem Titel "Der Neu-Sprossende Teutsche Palmbaum" (1668) stammt von dem Dichter, Komponisten und zwischen 1655 und 1668 auch Sekretär und "Erzschreinhalter" des Ordens Georg Neumark (1621-1681, vgl. zu Neumark auch das Objekt des Monats Juni). Neumarks Angaben zur Gründung sowie zur Zielsetzung des Palmenordens gehen dabei jedoch - auf ausdrücklichen Befehl des zweiten Gesellschaftsoberhauptes Wilhelm von Sachsen-Weimar (1598-1662) und im Sinne einer einheitlichen und auf Kontinuität bedachten Ordensgeschichte - auf den viel früheren "Kurtzen Bericht der Fruchtbringenden Gesellschaft Zweck und Vorhaben" von 1622 zurück. Verfasser dieses Berichts ist der Mitbegründer des Palmenordens und dessen erstes Oberhaupt Fürst Ludwig I. von Anhalt-Köthen (1579-1650). Der programmatische Text wurde dann in die folgenden Gesellschaftsbücher von 1629, 1641 und 1646 nahezu unverändert übernommen. 1629 erschien er, erweitert um eine Mitgliederliste (bis 200), sog. Reimgesetze und Kupferstiche zu jedem Mitglied, unter dem Titel "Der Fruchtbringenden Geselschaft Nahmen/ Vorhaben/ Gemählde und Wörter". Die zweite, um weitere Mitglieder (bis 400) erweiterte Auflage dieses Gesellschaftsbuchs ist unser Objekt des Monats August.

Fürst Ludwig teilt darin Folgendes mit:

Ist also zu wissen, das im Jahre 1617. den 24. Augstmonats bey einer vornemen […] Fürstlicher und Adelicher Personen zusammenkunfft […] erwogen worden / weil unsere weitgeehrete hochdeütsche Muttersprache sowol an alter/ schönen und zierlichen Reden/ als auch am überflusse eigentlicher und wolbedeütlicher Wort […] einen nicht geringen vorzug hat: Das […] darauf möchte gedacht werden/ wie eine sothane Geselschaft zu erwecken und anzustellen/ darinnen man in gut rein deütsch reden/ schreiben […] vernemen möchte.

Worauf dan geschlossen worden/ diese Gesellschaft/ […] doch also anzurichten/ damit iedermänniglich/ so ein liebhaber aller Erbarkeit/ Tugend und Höfigkeit/ vornemlich aber des Vaterlandes/ […] anlas hette/ desto eher/ nach Einnemung dieses guten vorhabens/ sich freywilliglich hinein zu begeben. […]

Der Name Fruchtbringende darumb/ damit ein iedweder/ so sich hinein begibet oder zubegeben gewillet/ anders auch nicht/ als was fruchtmessig/ zu Früchten/ Bäumen/ Blumen/ Kräutern oder dergleichen gehörig/ […] ihme erwehlen könne […].
Worauf dan […] deren eigentlicher zweck und vorhaben kürzlich auf nechstfolgende zwene Puncten gerichtet/ und zusammen gezogen worden.

Erstlich/ daß sich ein iedweder in dieser Geselschaft erbar- nütz- und ergetzlich bezeigen/ und also überal handeln solle/ bey Zusammenkunften gütig/ frölich/ lustig und verträglich in worten und wercken seyn/ auch wie dabey keiner dem andern ein ergetzlich wort für übel aufzunemen/ also sol man sich aller groben verdrieslichen reden und scherzes darbey enthalten.

Für andere/ das man die hochdeütsche Sprache in ihrem rechten wesen und stande/ ohne einmischung frembder außländischer Wort/ aufs möglichste und thunlichste erhalte/ und sich so wol der besten aussprache im reden/ als der reinesten art im schreiben und Reime-dichten befleißige. […]

Wie nun sieder der zeit nach dem alter der eintrettung/ und nicht des Standes Vorzug/ die Geselschaft in ordnung sich vermehret/ geben angefügte in Kupfer gestochene Gemählde/ nechst der darauf in Reime gefaster erklärung genugsam zu erkennen.

Das genannte Gründungsjahr 1617 - es wurde wiederholt in Zweifel gezogen, ja es war in diesem Kontext gar von einem "fiktiven Gründungsakt" die Rede (Schmidt, 16) - ist, ob erst nachträglich festgesetzt oder nicht, in jedem Falle ein bedeutungsschweres: Am Vorabend des Dreißigjährigen Krieges (1617 wurde der spätere Kaiser Ferdinand II. König des protestantischen Böhmens und verstärkte mit seinem gegenreformatorischen Eifer einen Konflikt, der 1618 im kriegsauslösenden Prager Fenstersturz mündete) und im hundertsten Gedenkjahr des Wittenberger Thesenanschlags gründeten calvinistische (Anhalt-Köthen) und lutherische (Sachsen-Weimar) Herrscher eine protestantisch-überkonfessionelle (es gab nur vereinzelte katholische Mitglieder) und prinzipiell auch nichtadlige Mitglieder zulassende Vereinigung als Ausdruck und Bildungsstätte gesellig-tugendhaften Verhaltens und eines grenzübergreifenden deutsch(-protestantischen) Sprachpatriotismus. Damit bekannte sich die Fruchtbringende Gesellschaft einerseits zum humanistisch-höfischen Tugendideal eines Baldassare Castiglione ("Il libro del Cortegiano", 1528) sowie zur Tradition italienischer Sprachgesellschaften (Ludwig war selbst Mitglied der florentinischen Accademia della Crusca) mit dem Ziel, im Verhältnis etwa zur italienischen oder französischen Sprache und Dichtung Versäumtes nachzuholen, ist jedoch andererseits als Abwehrreaktion gegen einen übermächtig werdenden habsburgischen Kaiser und seine spanischen Verbündeten zu verstehen.

Die erste Abbildung zeigt die Gesellschaftsimprese mit den Palmen als Siegeszeichen und, in ihrer vielfältigen Nutzbarkeit, als Allegorisierung des Sinnspruchs "Alles zu Nutzen". Die zweite Abbildung zeigt beispielhaft den Eintrag eines prominenten Mitglieds, des Dichters Martin Opitz (1597-1639). Opitz trägt den Gesellschaftsnamen "Der Bekrönte" (er wurde 1625 von Kaiser Ferdinand II. zum "Poeta Laureatus" gekrönt); er ist das 200. Mitglied (s. auf dem Kupferstich unten links); unter dem Kupferstich findet sich das Reimgesetz abgedruckt. Es lautet:

Ein art des Lorbeerbaums die bletter giebet breit
Sie seind glat/ schön und grün/ die blühte lest sich riechen
Von weiten/ man darvon den grünen kranz bereit/
Hat der Poetenschar: Als nun die zeit verstrichen/
Ich selbsten Krönte mich durch alle Länder weit/
Mit meiner heilgen wüht/ drin gerne mir gewichen
Mein' eigne Landesleüt'/ als ich die feder fürt/
Und reimend' unsre sprach' ob andern mehrt und ziert.

Die Reimgesetze verfasste Ludwig I. (in Zusammenarbeit mit Diederich von dem Werder, 1584-1657) selbst, die Kupferstiche stammen von dem berühmten Kupferstecher und Verleger Matthäus Merian d. Ä. (1593-1650).

Signatur: 4 Hist.lit.VII,21

Ansprechpartner: Dr. Boris Hoge-Benteler

Literatur:

Birchner, Martin (Hg.): Die Fruchtbringende Gesellschaft. Quellen und Dokumente in vier Bänden. Bd. I: Fürst Ludwig von Anhalt-Köthen: Der Fruchtbringenden Geselschaft Nahmen, Vorhaben, Gemählde und Wörter […] [Frankfurt 1646]. Erg. d. G. P. Harsdörffers Schrift: Fortpflanzung der Hochlöbl. Fruchtbr. Gesell. [Nürnberg 1651]. Bd. II: Carl Gustav v. Hille: Der Teutsche Palmbaum […] [Nürnberg 1647]. Bd. III: Georg Neumark: Der neu-sprossende teutsche Palmbaum […] [Nürnberg u. Weimar 1668]. Reprint der Originalausgabe. München: Kösel 1970ff. (ThULB Suche)

Ignasiak, Detlef: Die Gründung der Fruchtbringenden Gesellschaft in Weimar und die europäische Rolle der Thüringer Fruchtbringer. In: Ders. (Hg.): Beiträge zur Geschichte der Literatur in Thüringen. Rudolstadt: Hain 1995, S. 116-137. (ThULB Suche)

Ludscheidt, Michael: Georg Neumark (1621-1681). Leben und Werk. Heidelberg: Winter 2002. (ThULB Suche)

Ludwig I. Fürst von Anhalt-Köthen: Der Fruchtbringenden Geselschaft Nahmen/ Vorhaben/ Gemählde und Wörter […]. Franckfurt am Mayn: Merian 1646. (ThULB Suche)

Neumark, Georg: Der Neu-Sprossende Teutsche Palmbaum […]. Nürnberg: Hoffmann; Weinmar [sic!]: Schmidt 1669. (ThULB Suche)

Schmidt, Georg: Die Anfänge der Fruchtbringenden Gesellschaft als politisch motivierte Sammlungsbewegung und höfische Akademie. In: Klaus Manger (Hg.): Die Fruchtbringer. Eine Teutschhertzige Gesellschaft. Heidelberg: Winter 2001, S. 5-37. (ThULB Suche)

Abb. 1
Abb. 2
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