Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek

ThULB Jena - Thüringer Universitäts und Landesbibliothek

Objekt des Monats: April 2016

vom 01.04.2016 bis 30.04.2016

Mme La Baronne de Staël-Holstein: De l'Allemagne. Berlin: Hitzig 1814.

Sie war Napoléon ein Dorn im Auge, ja er fürchtete sie geradezu. Am 28. Juni 1808 befahl er seinem Polizeiminister Fouché, die berühmte Salonière und Schriftstellerin Madame de Staël (eigentl. Anne Louise Germaine de Staël-Holstein, 22.4.1766-14.7.1817) fortan strengstens überwachen zu lassen:

"Mme de Staël pflegt eine lebhafte Korrespondenz mit dem genannten Gentz und hat sich mit der Clique und den Stümpern von London eingelassen. Ich möchte, dass sie in Coppet überwacht wird […]. Das Verhältnis zu diesem Individuum kann für Frankreich allein von Nachteil sein.

Sie nehmen zur Kenntnis, dass man sie bis zu dieser Stunde lediglich als Verrückte angesehen hat, dass sie jedoch gegenwärtig beginnt, sich in Kreise zu begeben, die im Gegensatz zur öffentlichen Ruhe stehen.

Ich habe auch dem Außenminister befohlen, dies allen meinen Agenten an den ausländischen Höfen zur Kenntnis zu geben und sie an jeglichen Orten, an denen sie sich aufhält, überwachen zu lassen."


Die Nervosität des Kaisers angesichts der ebenso selbstbewussten wie einflussreichen Staël, welche er, wie das weibliche Geschlecht insgesamt, lieber bei der Handarbeit als beim Denken und Schreiben gesehen hätte, kam dabei keineswegs von ungefähr: Mit ihrer literatursoziologischen Schrift "Über Literatur, in ihren Verhältnissen mit den gesellschaftlichen Einrichtungen und dem Geiste der Zeit" (1804) trat sie in Widerspruch zur gesellschaftlichen und politischen Realität der napoléonischen Ära. Spätestens ihr zeitkritischer Erfolgsroman "Corinne" (1807) ließ sie europaweit zu einer der bekanntesten Schriftstellerinnen ihrer Zeit avancieren, während ihr Werk "Über Deutschland" (1810/1813) das französische Deutschlandbild auf nachhaltige und keineswegs regimekonforme Weise prägte. In der Folge wurde sie mit Publikationsverbot belegt, unter Hausarrest gestellt sowie ins unfreiwillige Exil bzw. auf Reisen quer durch den Kontinent gedrängt, wobei sie in den höchsten gesellschaftlichen, politischen und intellektuellen Kreisen verkehrte.

Das Ergebnis dieser Reisen, welche sie zweimal (1803/04 und 1807/08) nach Deutschland führten, wo sie u.a. mit Wieland, Schiller, Goethe und A. W. Schlegel zusammentraf (Letzterer begleitete sie ab 1804 bis zu ihrem Tode als Hauslehrer ihrer Kinder, enger Vertrauter - sowie unglücklicher Verehrer), war ihr bis heute wohl bekanntestes Werk "Über Deutschland", in welchem sie sich intensiv mit deutscher Kultur, Literatur und Philosophie auseinandersetzte und sich kritisch von der französischen Gegenwart unter Napoléon distanzierte. Das verbreitete und lange Zeit fortwirkende Bild von den dichtenden und denkenden deutschen Intellektuellen als introvertiert, ungesellig, eigenbrötlerisch, vergeistigt und politisch harmlos gründet nicht zuletzt auf diesem bedeutenden Text. So finden sich Passagen wie die Folgende:

"Da die ausgezeichnetsten Männer Deutschlands nicht in einer und derselben Stadt versammelt sind, so sehen sie sich beinahe gar nicht, und stehen nur durch ihre Schriften mit einander in Verbindung; jeder tummelt sich in der eigenen Bahn [...]. Die deutschen Schriftsteller beschäftigen sich nur mit Theorieen, mit Gelehrsamkeit, mit literärischen und philosophischen Untersuchungen, und davon war für die Mächtigen dieser Welt nichts zu fürchten."

Die deutsche Reaktion auf das Werk fiel zwiespältig aus. Karl August Varnhagen von Ense etwa nennt es in einem Brief an seine Frau Rahel vom 12. Oktober 1810 ein "übrigens […] sehr lächerliches, abgeschmacktes Buch voller Karikatur", während Goethe es im Rückblick als ein "mächtiges Rüstzeug" würdigt, "das in die chinesische Mauer antiquirter Vorurtheile, die uns von Frankreich trennte, sogleich eine breite Lücke durchbrach, so daß man über dem Rhein […] endlich von uns nähere Kenntniß nahm, wodurch wir nicht anders als lebendigen Einfluß auf den ferneren Westen zu gewinnen hatten."

Die Editionsgeschichte von "Über Deutschland" stellt sich dabei reichlich dramatisch dar: 1810 ließ Napoléon die druckfrische Erstausgabe (bei dem Pariser Verleger Nicolle) nahezu gänzlich vernichten; nur einige wenige Druckexemplare (heute eine Rarität!) und Manuskripte überstanden die Aktion. Erst 1813 realisierte Staël im Londoner Exil - sie war über Wien, Moskau und Stockholm in die Englische Metropole geflohen - eine zweite Auflage (bei Murray), welche rasch vergriffen war, sodass "de l'Allemagne" im Folgejahr 1814, nach dem Sturz Napoléons, erneut in Paris (wiederum bei Nicolle) sowie in Berlin bei dem Verleger Julius Eduard Hitzig erschien. Im selben Jahr veröffentlichte Hitzig auch die erste vollständige deutsche Übersetzung, an der er selbst (neben Friedrich Buchholz und Samuel Heinrich Catel) maßgeblich mitgewirkt hat. Der erste Band dieser Erstübersetzung befindet sich im Bestand der ThULB. Vollständig in drei Bänden überliefert ist die französischsprachige 'Berliner' Ausgabe von 1814, deren ersten Band wir anlässlich des 250. Geburtstages der Madame de Staël am 22. April an dieser Stelle zeigen.

Signatur: 8 MS 27171 :1

Ansprechpartner: Dr. Boris Hoge-Benteler

Literatur:

Appel, Sabine: Madame de Staël. Kaiserin des Geistes. München: Beck 2011. (ThULB Suche)

Goethe, Johann Wolfgang: Sämtliche Werke. Briefe, Tagebücher und Gespräche. 40 Bde. Abt. I, Bd. 17: Tag- und Jahreshefte. Hrsg. v. Irmtraut Schmid. Frankfurt a. M.: Deutsche Klassiker Verlag 1994. (ThULB Suche)

Isbell, John C.: Censors, police, and "de l'Allemagne"'s lost 1810 edition. Napoleon pulps his enemies. In: Zeitschrift für französische Sprache und Literatur 105 (1995), 2, S. 156-170. (ThULB Suche)

Napoléon 1er: Correspondance retrouvée. Tome I: 1793-1808. Préface par Fernand Beaucour. Paris: Tchou 2004. (ThULB Suche)

Pilz, Elke: Bedeutende Frauen des 18. Jahrhunderts. Elf biographische Essays. Würzburg: Königshausen & Neumann 2007. (ThULB Suche)

Staël Holstein, Anne Germaine Baronin von: Deutschland. Aus dem Französischen übersetzt. Erster Band. Berlin: Hitzig 1814. (ThULB Suche)

Staël-Holstein, Anne Louise Germaine: De l'Allemagne. Nouvelle édition publiée d'après les manuscrits et les éditions originales avec des variantes, une introduction, des notices et des notes par la Comtesse Jean de Pange avec le concours de Mlle Simone Balayé. Bd. I. Paris: Hachette 1958. (GVK)

Staël-Holstein, Mme La Baronne: De l'Allemagne. Tome Premier. Berlin: Hitzig 1814. (ThULB Suche)

Staël, Anne Germaine de: Über Deutschland. Vollst. und neu durchges. Fassung der deutschen Erstausg. von 1814 in der Gemeinschaftsübers. von Friedrich Buchholz, Samuel Heinrich Catel u. Julius Eduard Hitzig. Hrsg. u. m. e. Nachw. Vers. v. Monika Bosse. Frankfurt am Main: Insel 1985. (ThULB Suche)

Varnhagen von Ense, Karl August; Varnhagen von Ense, Rahel: Briefwechsel zwischen Varnhagen und Rahel. Aus dem Nachlaß Varnhagen's von Ense. Zweiter Band. Leipzig: Brockhaus 1874. (ThULB Suche)

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