Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek

ThULB Jena - Thüringer Universitäts und Landesbibliothek

UNESCO ernennt Luther-Druck der ThULB zum Weltdokumentenerbe

Nachricht vom : 12.10.2015

Von der UNESCO wurden jetzt 14 Handschriften und Drucke mit frühen Werken Martin Luthers in das seit 1992 geführte Register "Memory of the World" (Weltdokumentenerbe) aufgenommen. Bei den durch das Leibniz-Institut für Europäische Geschichte in Mainz in Kooperation mit internationalen Lutherforschern ausgewählten Werken handelt es sich um Meilensteine der Reformation. Zu den Dokumenten zählt auch eine Druckschrift aus den Beständen der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek Jena: Luthers "Deutsche Messe" von 1526.

Das UNESCO-Dokument der ThULB Jena

Die ThULB Jena besitzt ein Exemplar des zweiten Drucks (B) der "Deutschen Messe". Es stammt aus der rund 17.000 Bände umfassenden Bibliothek des Juristen und Historikers Christian Gottlieb Buder (1693-1763), die dieser den ernestinischen Herzögen vererbt hatte. Nach seinem Tod kam sie an die Jenaer Bibliothek. Die Signatur 4 Bud. Var. 635 trägt ein rund 8,5 cm dicker, in Pergament gebundener Sammelband mit 32 schmalen Drucken. Der Band enthält eine Sammlung vieler wichtiger Schriften der Reformatoren und ihrer Obrigkeiten zu Fragen kirchlicher Verordnungen und Regelungen. Titel Nr. 8 ist die "Deutsche Messe". Das "Verzeichnis der im deutschen Sprachbereich erschienenen Drucke des 16. Jahrhunderts" führt für Druck B (VD 16 M 4918) nur das Jenaer sowie das (unvollständige) Exemplar der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel auf. Somit handelt es bei dem Jenaer Druck um ein Rarissimum. Das Exemplar ist 17,5 cm hoch, 14 cm breit und etwa 3 mm dick.

Deudsche Messe vnd ordnung Gottis diensts

Geschichte, Inhalt und Bedeutung von Martin Luthers "Deutscher Messe"

Ab 1522 beschäftigte sich Martin Luther mit der Umformung des traditionell lateinisch gehaltenen Gottesdiensts in die deutsche Sprache. Eine neu ausgearbeitete Ordnung der Messe stellte er zum Jahresende 1523 mit dem Druck der "Formula Missae et Communionis pro Ecclesia Vuittembergensi" vor. Das Messformular war noch lateinisch, Predigt und Lieder sollten deutsch vorgetragen werden. Von Luther wurde in der Folge zunehmend die Ausarbeitung einer komplett deutschen Messe erwartet, nicht zuletzt auch deshalb, weil damals in mehreren Städten bereits Versuche mit deutschsprachigen Gottesdiensten stattfanden. 1524 erschien Thomas Müntzers "Deutsch Euangelisch Messze". Um nun seine eigene deutsche Messe von der Seite der Musik her vorzubereiten, schuf Luther 1523/24 die meisten seiner noch heute populären deutschen Gemeindelieder. Dabei verwarf er die ihm von seiner Kindheit und akademischen Ausbildung her vertrauten traditionellen Kirchengesänge nicht gänzlich, sondern wertete sie neu und ergänzte sie um deutsche Liedtexte, für die er zuweilen die Melodien selbst schuf. Mit dem "Achtliederbuch" (1523/24), Johann Walters "Geystliche[m] gesangk Buchleyn" (1524) und dem "Erfurter Enchiridion" (1524) begann die gedruckte Verbreitung dieser Lieder und zugleich die Tradition des evangelischen Gesangbuchs. Im Oktober 1525 ließ Luther Kurfürst Johann dem Beständigen den Entwurf einer deutschen Messe zukommen, der ihn daraufhin mit der Ausarbeitung beauftragte. Die Musiker Konrad Rupsch und Johann Walter unterstützten Luther bei der musikalischen Gestaltung.

Am Sonntag, dem 29. Oktober 1525 fand in der Wittenberger Stadtkirche die erste Feier der "Deutschen Messe" statt. Es handelte sich sozusagen um die Generalprobe, bevor Luthers Messformular dann zu Weihnachten 1525 endgültig eingeführt wurde. Georg Rörer zelebrierte den Gottesdienst, die Predigt hielt Luther und klärte die Gemeinde über die Hintergründe der Neuentwicklung auf. Luther betrachtete sein Messformular als reinen Vorschlag, der keinesfalls zur Doktrin werden dürfe. Bei ihm wurde die Gemeinde durch häufiges Singen deutscher Lieder einbezogen. Der Ablauf des Abendmahls stellte eine faktische Abschaffung des althergebrachten Messkanons dar. Die Einsetzungsworte für Brot und Kelch waren nun unmittelbar mit der jeweiligen Austeilung verknüpft, nicht mehr also durch Vaterunser und Sanctus getrennt. So gewannen die Einsetzungsworte an Kraft als direkte Anrede der Gemeinde, welche mit dem Verzehr von Brot und Wein sofort selbst antwortete. Der Zelebrant sollte nicht mehr wie früher still, sondern laut sprechen - das Priestermahl wurde zum wirklichen Gemeindemahl.

Luthers "Deutsche Messe" wurde vom Wittenberger Buchdrucker Michael Lotter in die Druckform gebracht. Er druckte das aus Text- und Notenteilen bestehende Werk in drei zeitlich sehr dicht aufeinander folgenden Auflagen. Die Weimarer Lutherausgabe führt diese drei Drucke als Ausgaben A bis C. Der Urdruck A ist durch den zweiten Druck B korrigiert, und der dritte Druck C ist wiederum eine korrigierte Version von B. Da Luther in einem Brief an Justus Menius vom 2. Februar 1526 schreibt, dass bereits über ein ganzer Monat seit der Herausgabe seiner "Deutschen Messe" vergangen sei, war die Drucklegung schon Ende 1525 zumindest im Gange gewesen. Ende Januar 1526 erbat Kurfürst Johann der Beständige eine Nachlieferung von 100 Exemplaren. Die schöne Holzschnitt-Rahmung der Titelseite, die alle drei Wittenberger Auflagen Lotters aufweisen, ist eine Schöpfung der Werkstatt Lucas Cranachs des Älteren. Besonders reizvoll sind die drei Hirsche und die Hirschkuh unten, ein auf Cranachs Gemälden und Graphiken oft zu findendes Bildthema.

Auch wenn Luthers "Deutsche Messe" in Manchem später revidiert wurde, so war sie doch eine entscheidende Wegmarke auf dem Weg zum heute vertrauten protestantischen Gottesdienst und gehört daher mit vollem Recht zum UNESCO-Weltdokumentenerbe.

Martin Luther: Deudsche Messe vnd ordnung Gottis diensts
Wittenberg, Michael Lotter, 1526
Signatur: ThULB Jena, 4 Bud. Var. 635 (8)

Das Digitalisat ist über das Portal Collections@UrMEL der ThULB Jena frei zugänglich.

Ansprechpartner: Dr. Joachim Ott

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