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Fragment einer "Rennewart"-Handschrift des frühen 14. Jahrhunderts

Nachricht vom : 15.12.2004

Im Bestand der Fragmente mittelalterlicher Handschriften in der ThULB Jena konnte eine überraschende Entdeckung von großer Bedeutung gemacht werden: Ein schmaler (22,8 x 5 cm) beschrifteter Pergamentstreifen erwies sich als Überrest einer Handschrift des frühen 14. Jahrhunderts mit dem Text des 1246 komplettierten Epos 'Rennewart' Ulrichs von Türheim (Teile von 72 Versen enthalten). Das Fragment befand sich früher im Besitz Wolfgang Maximilians von Goethe (1820 - 1883), Enkel Johann Wolfgang von Goethes. Die ThULB Jena besitzt mit dem Nachlass Wolfgang Maximilians auch seine bedeutende Handschriftensammlung.

Die Entdeckung des 'Rennewart'-Fragments ist eine kleine Sensation für die Forschung zur deutschen Literatur des Mittelalters, schon weil aus dieser frühen Zeit nicht sehr viele Handschriften mit deutschsprachiger Literatur erhalten und einschlägige neue Funde heute sehr selten sind. Das Besondere: Anders als die anderen bekannten 'Rennewart'-Handschriften kann die Handschrift, aus der das Jenaer Fragment stammt, aufgrund ihrer Texteinrichtung außer Ulrichs 'Rennewart' keinen weiteren Text enthalten haben. Das in mitteldeutscher (oberdeutsch beeinflusster) Schreibsprache verfasste Fragment könnte belegen, dass im mitteldeutschen Raum, vielleicht in Thüringen, eine - bisher unbekannte - professionelle Schreibwerkstatt angesiedelt war, die den Text Ulrichs von Türheim mehrfach kopierte.

Ulrich von Türheim zählt zu den großen „Vollendern“ des 13. Jahrhunderts. Er hat nicht allein Wolframs ‚Willehalm’, sondern auch den ebenfalls fragmentarischen ‚Tris­tan’ Gott­frieds von Straßburg zu Ende gedichtet. Beide Romane gehören zu den „problematischs­ten“ Werken ihrer Zeit: ‚Tristan’, weil er eine verbotene Liebe („Dreiecksbeziehung“) rechtfertigt; ‚Willehalm’, weil er die prinzipielle Gleichstellung von Nicht-Christen (Mos­lems) und Christen vor Gott behauptet. Wolfram stellt das an der Liebe des Christen Wil­lehalm zu der „Heidin“ Arabel dar, die sich taufen lässt und ihrem Mann ins Abendland folgt. Dort stehen sie zwischen verhärteten Fronten aus unbelehrbaren Christen und Nicht-Christen. Krieg, Not, Verluste aller Art sind die Fol­gen. Als Hoffnungsfigur hat Wolfram den Knaben Rennewart eingeführt, der zwischen christlichen Knappen aufwächst, ohne ganz einer von ihnen zu sein: wo andere etwa ein Schwert tragen, trägt er eine baumlange Eisenstange. Hier knüpft Ulrich von Türheim an. In einem über 36.000 Verse umfassenden Roman entspinnt er eine Familien-Saga, die auch über Rennewart und dessen Kinder noch hinausführt. Die Verhältnisse sind hier weit­gehend der höfischen Kultur des 13. Jahrhunderts angepasst. Eine theologisch hoch bri­sante These wie die „Heiden als Kinder Gottes“-Theorie Wolframs ebnet Ulrich von Tür­heim ein. Maßstab ist ihm jedoch – und darin folgt er Wolfram – eine überkonfessionelle Ritterkultur. Ritterliche, und das heißt: gesellschaft­liche Qualität kann sich unabhängig vom Glaubensbekenntnis manifestieren. Das hin­dert Rennewart natürlich nicht daran, seinen Lebensabend in der Beschaulichkeit eines Klosterlebens zu verbringen.

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